Bildung der Zukunft: der entscheidende Erfolgsfaktor für die Arbeitnehmer von morgen

Von Randy Swearer
- 19. Apr 2018 - 5 min-LEKTÜRE
future of education
Bildgestaltung: Micke Tong

Dieser Artikel wurde in Kooperation mit der re:publica 2018 für den Track We can Work it out publiziert.

Wir leben in einer Welt, die ständig in Bewegung und in der Technologie allgegenwärtig ist. Haben Sie sich schon einmal gefragt, inwieweit Ihr Studium bzw. Ihre Ausbildung für Ihren Berufsalltag überhaupt noch eine Rolle spielt?

In dieser Frage klingt die dringende Notwendigkeit an, die Zukunft der Bildung durch eine grundlegende Veränderung der Art und Weise zu verbessern, wie der akademische und berufliche Sektor funktionieren – und vor allem zusammenarbeiten. In der modernen Informationsgesellschaft haben Bildungsansätze aus dem Industriezeitalter ausgedient. Um den Anforderungen einer neuen Ära gerecht zu werden, muss Bildung zu einer grundlegenden Bürgerpflicht werden. Das Bildungswesen muss sich weg von Studienfächern und hin zu einem allgemeinen Bildungsauftrag bewegen.

Wer sich in der heutigen Welt nach geschäftlichem Erfolg sehnt, dem muss es gelingen, die Lehren von heute anzuwenden. In einer Zeit, in der Firmenumstrukturierungen und sofortiges Feedback zum Alltag gehören, ist Erfolg in der Regel jenen Leuten vorbehalten, die in der Lage sind, kurzerhand innovative Ideen umzusetzen und zugleich auf die Bedürfnisse ihrer anvisierten Zielgruppe einzugehen. Die Bedeutung des Stichworts „Flexibilität“ kann gar nicht genug betont werden.

boston build space

Vorbei sind die Zeiten festgeschriebener Fachrichtungen und starrer, isolierter Berufszweige. Für die Arbeitnehmer von heute, seien es Programmierer oder Fabrikarbeiter, lautet die Devise „Lebenslanges Lernen und Umschulen“. Es müssen Möglichkeiten gefunden werden, sich wandelnden beruflichen Wissens- und Kompetenzanforderungen anzupassen. Doch obwohl Bildung zu einer grundlegenden Verpflichtung werden muss, sind im Bildungswesen entsprechende Schritte in diese Richtung bisher ausgeblieben.

Universitäten und Hochschulen befinden sich in ständigem Wandel. Und dennoch ist das gesamte Hochschulsystem, vom Notenprinzip bis hin zu den unterschiedlichen Fachrichtungen, ein Überbleibsel des Industriezeitalters, in dem die Wirtschaft vor allem nach Fachexperten und spezialisierten Arbeitskräften verlangte. Studenten sollten bestimmte Wissens- und Fähigkeitsgrundlagen vermittelt werden, die eine relativ sichere und beständige Laufbahn ermöglichen würden. Wer eine industrielle oder handwerkliche Tätigkeit anstrebte, für den reichte in der Regel eine praktische Berufsausbildung. Obwohl das digitale Zeitalter grundlegende Veränderungen für alle Berufe mit sich gebracht hat, scheint das Bildungssystem weiterhin von einer Fließband-Mentalität geprägt zu sein.

Heute sehen sich Arbeitskräfte in ihrer Karriere – Jahre oder Jahrzehnte nach ihrer schulischen Ausbildung – der Aufgabe gegenüber, sich neues Wissen und neue Kompetenzen aneignen zu müssen. Diesem Bedürfnis kommen verstärkt Drittanbieter entgegen, darunter etwa Bildungsorganisationen wie General Assembly oder schnell wachsende Online-Communitys wie die Khan Academy. Die Services dieser Anbieter ermöglichen es Arbeitnehmern – und zwar insbesondere solchen ohne herkömmliche Hochschulabschlüsse – mit der sich verändernden Welt Schritt zu halten.

Future of Education Collaboration

Der Arbeitsplatz war schon immer besser als der Klassenraum dafür geeignet, die notwendigen Fähigkeiten für gezielteres Teamwork und Zusammenarbeiten zu vermitteln. Doch auch wenn das aktuelle Bildungs-Patchwork verschiedener Drittanbieter einen bedeutenden innovativen Ansatz darstellt, kann es der gesamten Tragbreite dieser bildungstechnischen Herausforderung nur dann Rechnung tragen, wenn es Teil eines größeren, festgeschriebenen Ausbildungssystems wird.

Viele Lehrkräfte fordern bereits heute ein flexibleres System, bei dem statt klassischen Uni-Abschlüssen und geisteswissenschaftlichem Wissen vor allem bestimmte Fähigkeiten im Mittelpunkt stehen. Bei diesem oft als „Badging“ oder „Microcredentialing” bezeichneten Ansatz haben in einer Übergangsphase befindliche Studenten und Berufstätige die Möglichkeit, gestaltungs- und fertigungsrelevante Kompetenzen zu erwerben, die infolge des technologischen Fortschritts eine immer größere Rolle spielen. Dazu zählen beispielsweise 3D-Druck, nutzerorientierte Gestaltung oder CNC-Programmierung.

Die schrittweise und individuelle Vermittlung von Fähigkeiten – in etwa vergleichbar mit dem Sammeln von Pfadfinder-Abzeichen – bereitet Schüler und Studenten aller Niveaus besser als jeder herkömmliche Bildungsansatz auf bestimmte Berufe vor. Generative Lehrsysteme und intelligente Lehrsysteme könnten ihnen überdies dabei helfen, die für sie jeweils richtige Ausbildung zu wählen und erfolgsentscheidende Fähigkeiten zu entwickeln. So könnten Lehrpläne kontinuierlich verbessert und der Weg zum lebenslangen Lernen geebnet werden.

CNC operator

Diese neuartigen Lehrmethoden erfordern ein neues und flexibleres Anrechnungssystem, nach dem sich Schulen, Universitäten und Drittanbieter richten können und das Arbeitgebern die Beurteilung ermöglicht, für welchen konkreten Job sich qualifizierte Arbeitskräfte eignen. Beim aktuellen Reformtempo ist es durchaus denkbar, dass ein Student bis in alle Ewigkeit die Unibank drücken muss, bis die Lehrpläne den Anforderungen des Arbeitsmarkts entsprechen.

Der Bedarf an Schulungen in unmittelbar einsetzbaren Fertigkeiten stellt weltweit eine enorme Gelegenheit für Hoch- und Berufsschulen dar. In den USA investierte die Obama-Administration zum Beispiel hohe Summen in diesen unzureichend ausgeschöpften Bereich des Bildungswesens. Die wichtige Botschaft dahinter: Es gibt andere Wege zum Erfolg als die klassische Unilaufbahn.

Amerikanische Community Colleges und deutsche Volkshochschulen sind bereits heute ein wichtiger Zweig für den Erwerb beruflicher Fähigkeiten. Sie haben in dieser Hinsicht einen Vorsprung, der es ihnen erlauben würde, Studenten die Technologien von morgen näherzubringen – ein Punkt, dessen Bedeutung durch den wirtschaftlichen Wandel zusätzlich unterstrichen wird. So könnten diese Schulen schließlich als das anerkannt werden, was sie im Endeffekt sind: Horte für lebenslanges Lernen.

Ein Wechsel hin zu kompetenzorientiertem Lernen bedeutet nicht, dass die Tage der Geisteswissenschaften gezählt sind.

Trotz des Fokus auf technische Fähigkeiten und Technologie bedeutet ein Wechsel hin zu kompetenzorientiertem Lernen nicht, dass die Tage der Geisteswissenschaften gezählt sind. Wie von vielen Seiten betont wird, kommt es bei kompetenzorientiertem Lernen auf Problemlösung und kritisches Denken an – Fähigkeiten, die üblicherweise im Rahmen eines geisteswissenschaftlichen Studiums gefördert werden. Das Aufkommen komplexer zusammenhängender Systeme wird ein verstärktes Systemdenken notwendig machen. Die Bewegung weg von großen, schweren materiellen Produkten hin zu einer von Abonnements, Cloud-basierten Services und einem kontinuierlichen Wandel geprägten Welt erfordert konstantes Engagement und bessere Problemlösungskompetenzen.

Es gibt keine leichten Antworten auf die Fragen, die sich angesichts eines solchen Wandels stellen. Doch es gibt gute erste Anhaltspunkte: Autodesk hat kürzlich einen Bildungsgipfel mit führenden Personen aus Wissenschaft und Wirtschaft veranstaltet. Trotz des komplexen Themas und der vielfältigen Diskussionsstränge herrschte Einigkeit darüber, welche Aspekte in Zukunft eine größere Rolle spielen müssen: mehr fachübergreifende Kompetenzen, die Identifizierung und Lösung von Problemen durch Zusammenarbeit und auch künstliche Intelligenz.

Wirtschaft und Wissenschaft können beginnen, Rahmenwerke und Partnerschaften zu entwickeln und Arbeitnehmern den Weg in Richtung lebenslanges Lernen weisen. Organisationen wie die Lumina Foundation haben bereits potenzielle Modelle für lebenslanges Lernen vorgestellt und dieses Thema muss weiter im Gespräch bleiben. Universitäten und Hochschulen werden auch in Zukunft Orte sein, an denen Studenten sich anspruchsvolles Wissen aneignen und Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen können. Vorausgesetzt, dass die passenden Systeme dafür geschaffen werden, können diese Fähigkeiten in Zukunft den Einstieg ins lebenslange Lernen erleichtern.

Kurz gesagt kommt es heute weniger auf die Wahl des richtigen Studienfachs an als vielmehr darauf, das eigene Denken zu erweitern und sich stetig zu verbessern. Die Arbeitnehmer von morgen müssen die nötige Flexibilität und Vielseitigkeit besitzen, um ständig neue Probleme zu lösen – sei es gemeinsam mit einem Kollegen oder mithilfe künstlicher Intelligenz.

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