Wasserlose Toiletten aus Großbritannien als Entwicklungshelfer auf Madagaskar

Von Jean Thilmany
- 8. Feb 2016 - 6 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von Loowatt

Der Designer Chris Holden steckt ganz schön tief in der Sch… – und zwar von Berufs wegen. Dass er sich so intensiv mit menschlichen Hinterlassenschaften beschäftigen würde, hätte er sich wohl niemals träumen lassen.

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Mit freundlicher Genehmigung von Loowatt

 

Holden leitet die Design‑Abteilung des Londoner Unternehmens Loowatt, das Toiletten herstellt, die über ein patentiertes Verschlusssystem verfügen, das die Fäkalien mit einer Folie aus biologisch abbaubarem Material versiegelt. Urin und Kot werden dann in einer Kassette gelagert. Die Entleerung erfolgt nach Bedarf und orientiert sich an der Lagerkapazität und den Nutzungsgewohnheiten. Das Verschlusssystem kann mithilfe von handelsüblichen Bauteilen und lokal verfügbaren Materialien in jede beliebige Toilette eingebaut werden. Doch es kommt noch besser: Diese Toiletten verbrauchen überhaupt kein Wasser und leisten somit einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung des Wasserverbrauchs.

Virginia Gardiner, Gründerin und CEO von Loowatt, entwickelte die Toilette 2008 im Rahmen ihres Masterstudiums in Innovation Design Engineering am Royal College of Art in London. Mit ihrem Projekt hinterfragte sie die verschwenderische Praxis, Toiletten mit Trinkwasser zu spülen, und präsentierte gleichzeitig Lösungen zur sinnvollen Nutzung von Fäkalien. 2009 gründete sie dann das Unternehmen Loowatt Ltd., nachdem sie Fördergelder von ihrer Universität und einem privaten Investor erhalten hatte.

Die Toiletten von Loowatt funktionieren ohne Wasser und Strom, da der Spülmechanismus hand- oder fußbetrieben ist. Aus diesem Grund eignen sie sich ideal für Orte, an denen Toiletten benötigt werden, die nicht an die Kanalisation angeschlossen werden müssen, finanziell nachhaltig sind und nur wenig Ressourcen verbrauchen, beispielsweise in Entwicklungsländern. Dank des versiegelten Gehäuses dringen keine Gerüche nach außen und die Menschen kommen nicht in Kontakt mit den Fäkalien. Genau diese beiden Punkte stellen bei öffentlichen Toiletten – unabhängig von ihrem Standort – oft ein Problem dar.

Gegen Ende des Jahres 2012 startete Loowatt ein Pilotprojekt auf Madagaskar und installierte eine öffentliche Toilette in der Landeshauptstadt Antananarivo. Bis Ende dieses Jahres möchte das Unternehmen seine Präsenz im Land weiter ausbauen und zusätzliche 100 Toiletten in Privathaushalten in Antananarivo aufstellen. Beide Projekte werden von der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt.

Erfahren Sie, welche Veränderungen das Pilotprojekt, das von Loowatt 2012 in Antananarivo initiiert wurde, für Anwohner und Geschäftswelt der madagassischen Hauptstadt bewirkt.

„In dem Gebiet, in dem wir arbeiten, gibt es nur in wenigen Privathäusern WCs“, erzählt Holden. „Die Menschen benutzen entweder Latrinen im Freien oder laufen zu einer der öffentlichen Toiletten, die aber nur bei Tageslicht geöffnet sind. Allgemein ist der Bedarf so groß – wir hätten an vielen Stellen noch viel mehr Toiletten aufstellen können.“

Auf Madagaskar ist die Situation in Bezug auf Sanitärversorgung und Hausmüll sehr dramatisch. Im Jahr 2015 wurden im Rahmen des Gemeinsamen Monitoring-Programms von WHO und UNICEF, das die Wasser- und Sanitärversorgung beobachten soll, Schätzungen veröffentlicht, nach denen das Land weltweit den viertschlechtesten Zugang zu Toiletten bietet. 40 Prozent der madagassischen Bevölkerung verrichten ihre Notdurft unter freiem Himmel und gerade mal sieben Prozent der Bewohner in ländlichen und städtischen Gebieten haben Zugang zum Trinkwassernetz.

„Dass unsere Toilette ohne Wasser auskommt, ist ein großer Vorteil, weil Wasser auf Madagaskar so knapp ist, dass es eine Verschwendung wäre, es zum Spülen der Toilette zu verwenden“, erklärt Holden.

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Auf Madagaskar mangelt es an ordentlicher Sanitärversorgung und sauberem Trinkwasser. Mit freundlicher Genehmigung von Loowatt.

Die wasserlosen Toiletten von Loowatt können außerdem an eine lokale Biogasanlage angeschlossen werden. Dort erfolgt der anaerobe Abbau des organischen Abfalls mithilfe von Mikroorganismen. Bei der Abfallzersetzung entsteht Biogas, das sich wiederum zum Kochen, zur Stromerzeugung und zu vielen anderen Zwecken nutzen lässt. Dünger, ein weiteres Nebenprodukt der Biogasanlage, kann zum Düngen von Pflanzen und Feldern verwendet werden – ein zusätzlicher Vorteil für die Anwohner.

Gegenwärtig hat Loowatt 40 der geplanten 100 Toiletten in Privathaushalten eingebaut und erreicht damit etwa 260 Menschen. Das Unternehmen stellt sein Produkt bei verschiedenen Veranstaltungen in der Hauptstadt vor. So kann jeder, der eine der Toiletten bei sich zu Hause aufstellen möchte, Kontakt zu den Mitarbeitern aufnehmen.

In einigen Vierteln von Antananarivo werden die Toiletten bereits genutzt und verändern das Leben der Menschen zum Positiven. Felana besitzt ein Geschäft und hat drei Kinder. Bevor sie die Loowatt Tsiky Toilet bei sich zu Hause einbauen ließ, musste sie sich eine Grubenlatrine mit drei anderen Familien teilen. Auch für Instandhaltung und Reinigung waren alle gemeinsam verantwortlich. „Wir hatten immer Angst, dass die Kinder in die Grubenlatrine hineinfallen könnten“, so Felana. „Bei der neuen Toilette besteht diese Gefahr nicht. Sie ist sicher und einfach zu benutzen. Sie hat unser Leben wirklich verändert.“

„Man könnte dieses Modell auch in ländlichen Gegenden einsetzen. Dass sie dennoch besser für den urbanen Raum geeignet ist, liegt an der Art, in der die Fäkalien auf saubere Weise gesammelt werden, wodurch ein sicherer Transport möglich wird,“ führt Holden aus. Loowatt bietet Besitzern seiner WCs einen Wartungs- und Entsorgungsservice an. Die Stadt Antananarivo verfügt über die entsprechenden Fahrzeuge und privat betriebenen Entsorgungsbetriebe, die die Abfälle entgegennehmen.

„Überall auf der Welt stellt die Entsorgung eines der größten Probleme bei der sanitären Versorgung dar,“ berichtet Holden. „In Antananarivo leben mehr als zwei Millionen Menschen, aber es gibt keine einzige Kläranlage. Doch auch in Ländern, in denen mehr als 50 Prozent der Bevölkerung Zugang zu einer funktionierenden Toilette haben, werden 90 Prozent der Abfälle aufgrund von Infrastruktur- und systemischen Problemen noch immer nicht sachgemäß entsorgt.“

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Mädchen in Antananarivo vor einer neuen Loowatt Tsiky Toilet. Mit freundlicher Genehmigung von Loowatt.

Dank finanzieller Unterstützung durch die Groupe Speciale Mobile Association (GSMA) startet Loowatt in diesem Jahr eine mobile Plattform und App, um Daten über Wartung und Abfallentsorgung innerhalb des Loowatt-Systems zu sammeln. Die App verfolgt den Transportweg der Abfallkassetten. So kann sichergestellt werden, dass sie tatsächlich den Entsorgungsbetrieb erreichen. Um die App verwenden zu können, müssen die Abholer einen an der Kassette angebrachten QR-Code scannen, der dann im Entsorgungsbetrieb erneut gescannt wird.

Um seine Präsenz auf Madagaskar zu stärken und noch mehr Bedürftige erreichen zu können, verfügt Loowatt über einen Standort in der Hauptstadt der Insel. Derzeit beschäftigt das Unternehmen zehn Mitarbeiter auf Madagaskar und acht in London. Zur interkontinentalen Zusammenarbeit nutzen die Ingenieure von Loowatt Autodesk Fusion 360. Das cloudbasierte CAD/CAM-Tool ermöglicht es den Ingenieuren in London und auf Madagaskar, gemeinsam an Entwürfen und technischen Dokumenten zu arbeiten – fast so, als säßen sie im selben Büro.

Und so beginnt man bei Loowatt sogar schon damit, einige Bauteile – vor allem Zahnräder und andere kleine mechanische Komponenten, die sich im Inneren der Toilette befinden – vor Ort auf Madagaskar mit dortigen 3D‑Druckern herzustellen. Da die Produktion der Teile einfach und günstig ist, sparen sowohl das Unternehmen als auch die Toilettenbesitzer Zeit und Geld. „In einer idealen Welt könnten wir die zur Herstellung benötigten Teile im Land selbst herstellen, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg,“ so Holden. „Wir möchten zunächst nur ausprobieren, welche Möglichkeiten das Drucken bietet.“

Auch wenn das Unternehmen auf Madagaskar stetig expandiert, hat es seinen Hauptsitz weiterhin in London. Auch in Großbritannien steht der Schutz natürlicher Ressourcen im Mittelpunkt, allerdings kommen die Toiletten dort überwiegend auf Festivals zum Einsatz, die in ländlichen Gebieten und im Freien stattfinden, wo der Zugang zu Wasser begrenzt ist. Die Loowatt‑Kassetten sind leicht austauschbar und können deshalb schneller gewechselt werden als normale transportable Vakuumtoiletten. Unabhängig davon, ob Festivalbesucher in Großbritannien oder Menschen in Entwicklungsländern von den Toiletten profitieren, verfügt Loowatt definitiv über alle Voraussetzungen, um bei der weltweiten Sanitärversorgung eine marktführende Stellung einzunehmen.

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