Virtuelle Showrooms: Freedom Architects setzt neue Maßstäbe in der Wohnungsgestaltung

Von Keiko Kusano
- 23. Jan 2018 - 6 min-LEKTÜRE
virtual showroom header Free Architects Design
Bild mit freundlicher Genehmigung von Freedom Architects Design.

Auf dem japanischen Markt für nach Maß gestaltete Wohnräume ist jedes Planungsdesign ein Unikat. Architekten arbeiten ihre Ideen zu konkreten Konzepten aus, die die Wünsche und Vorstellungen des jeweiligen Kunden möglichst genau widerspiegeln. In der Regel werden diese Konzepte dem potenziellen zukünftigen Eigenheimbesitzer dann in Form von Bauplänen, Modellen und CG-Renderings vorgestellt. Die Erweiterung der verfügbaren Darstellungsmöglichkeiten durch virtuelle Showrooms, die auf virtueller Realität basieren, ermöglicht eine noch interaktivere Zusammenarbeit mit dem Kunden und eine genauere Visualisierung des Endprodukts.

Freedom Architects Design, ein japanisches Architekturplanungsbüro mit 16 Niederlassungen und mehr als 20 Jahren Erfahrung, gestaltet jährlich rund 400 maßgefertigte Wohnräume. Im Februar 2017 ergänzte das Unternehmen seinen bisherigen Workflow durch Virtual-Reality-Rundgänge (VR; deutsch virtuelle Realität) für Kunden.

Bis vor Kurzem war virtuelle Realität in der Architekturbranche Japans ausschließlich Kunden großer Generalunternehmer und Baufirmen vorbehalten. Nun startet Freedom Architects mit seinem VR Architects System eine neue Initiative auf dem Markt für maßgefertigte Wohnräume. Das System lässt Kunden mithilfe von VR-Brillen das Innere einer Wohnung oder eines Hauses frei erkunden. Der Einsatz von virtuellen Visualisierungslösungen im Rahmen des Planungsprozesses macht es möglich, Kundenwünsche noch vor dem ersten Spatenstich in Erfahrung zu bringen und zu berücksichtigen.

Im August 2016 wurde Freedom Architects zum ersten japanischen Unternehmen, das durch Einreichen von BIM-Daten eine Zulassung für einen – in Autodesk Revit entworfenen – Bauplan erhielt. Diese erste auf BIM basierende Baugenehmigung ist das Resultat einer Zusammenarbeit zwischen der Otsuka Corporation, Autodesk und der Jutaku Seinou Hyouka Center (Housing Performance Evaluation Center) Corporation. Nun will Freedom Architects mit der Einführung seines VR-Systems die Grenzen der BIM-Möglichkeiten vollkommen neu definieren.

„Im Rahmen einer Befragung äußerte die überwiegende Mehrheit unserer Kunden den Wunsch, ihr zukünftiges Zuhause noch während der Planung mithilfe von virtueller Realität erkunden zu können”, erinnert sich Makoto Nagasawa, Director of Development bei Freedom Architects. Dem Unternehmen wurde schnell klar, dass der Einsatz von VR für virtuelle Kundenrundgänge während der frühen Planungsphasen es Kunden nicht nur ermöglichen würde, die Vision des Architekten besser zu verstehen, sondern auch, eigene Wünsche und Verbesserungsvorschläge zu äußern.

Bei Kunden, die es bereits testen durften, stieß das VR-System von Freedom Architects auf großen Anklang: Die Möglichkeit, geplante Räumlichkeiten in einer virtuellen Umgebung zu erleben, führte zu einem besseren Verständnis der Baupläne. So konnte ein Kunde beispielsweise herausfinden, wie viele Schritte er für den Weg von der Küche zum Waschraum benötigen würde. Einem anderen Kunden war es ein Anliegen, den perfekten Aufbewahrungsort für seine Lieblingsteller zu finden. Dank des Systems konnte er ganz einfach nach dem passenden Regal suchen. Ein Paar mit einem Größenunterschied von 20 Zentimetern hatte wiederum die Gelegenheit, in seiner virtuellen Küche zu „stehen”. Als der Mann anmerkte, dass eine Dunstabzugshaube möglicherweise im Wege sein könnte, entgegnete seine Frau, ihr sei das aus ihrer Position gar nicht aufgefallen. Bei solchen VR-Sitzungen mit Kunden gibt ein großer Monitor Aufschluss über deren Perspektive, wodurch die Mitarbeiter von Freedom Architects nachvollziehen können, wie Kunden Entwürfe wahrnehmen. Dank dieses visuellen Bezugspunkts müssen die Architekten sich nicht mehr ausschließlich auf mündliche Anweisungen verlassen und können die Bedürfnisse ihrer Kunden weitaus besser verstehen.

Im Rahmen des immersiven Visualisierungsprozesses von Freedom Architects konvertieren die Mitarbeiter des Unternehmens in Autodesk Revit erstellte Designdaten mithilfe des Cloud-Services der Software in Revit-Live-Daten. Anschließend wird die Spiel-Engine und Echtzeit-Rendering-Software Stingray verwendet, um eine realistischere Darstellung der Daten zu ermöglichen. Freedom Architects nutzt VR-Brillen des Modells HTC Vive, um Kunden virtuelle Umgebungen zu bieten, die diese dann im wahrsten Sinne des Wortes „begehen“ können.

virtual showroom Makoto Nagasawa
Makoto Nagasawa, Director of Development bei Freedom Architects Design. Mit freundlicher Genehmigung von Freedom Architects Design.

Selbst natürliche Einwirkungen wie Sonnenlicht werden in diesen virtuellen Umgebungen bis ins kleinste Detail dargestellt. In einem Fall wünschte sich ein Kunde beispielsweise eine Simulation eines von der Morgensonne durchfluteten Schlafzimmers. Zu diesem Zweck wurde ein breites Fenster zum ursprünglichen Entwurf hinzugefügt – allerdings ging aus der Simulation hervor, dass um 10:00 Uhr morgens kein Sonnenlicht in das Zimmer gelangen würde. Das Problem wurde gelöst, indem das breite Fenster durch ein hohes ersetzt wurde, um den Kunden auch zu früher Morgenstund in den Genuss natürlichen Sonnenlichts kommen zu lassen.

„Bisher wurden Architekten oft erst auf bestimmte Aspekte ihrer Entwürfe aufmerksam, nachdem die Bauarbeiten bereits abgeschlossen waren”, so Nagasawa. „Es gibt immer etwas, das man erst dann mit eigenen Augen bemerkt, wenn es bereits zu spät ist, und von dem man sich dann vergebens wünscht, es ändern zu können. Natürlich entwickelt man ein gewisses Feingefühl für solche Dinge, an je mehr Projekten man arbeitet, doch im Endeffekt liegt zwischen dem Zeichnen von Bauplänen und dem Abschluss der Bauarbeiten eine Zeitspanne von etwa einem Jahr. Mithilfe von virtueller Realität kann man seine eigenen Entwürfe hingegen innerhalb weniger Stunden selbst erleben und erkunden.”

„So kann man problemlos Räumlichkeiten mit eigenen Augen sehen und den Entwurf anschließend bei Bedarf anpassen”, fährt Nagasawa fort. „Dadurch hat sich der Ansatz unserer Architekten verändert und sie sind jetzt selbstbewusster, wenn sie Kunden ihre Entwürfe erklären. Diese neu gewonnene Überzeugung ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass sie noch während der Planungsarbeit auf detaillierte Visualisierungen der gestalteten Räumlichkeiten zugreifen können. Virtuelle Realität hilft also nicht nur den Kunden – denn ich bin der Meinung, dass sie die Arbeitsweise von Architekten von Grund auf revolutionieren wird.”

Auch Informationen über Möbel und Haushaltsgeräte können in die BIM-Daten eingespeist werden. So können diese Objekte auf eine Art und Weise simuliert werden, die ihre Proportionen und Anordnung präzise und realitätsgetreu darstellt – einschließlich Details wie Form, Farbe, Ausführung und Textur.

„Viele Möbelproduzenten aus aller Welt stellen 3D-Modelle ihrer Produkte zur Verfügung, die wir herunterladen und in unsere BIM-Daten importieren können”, erklärt Nagasawa. „Wenn die Einrichtung bereits in einer frühen Gestaltungsphase feststeht, können die Möbel bestellt werden, bevor der Entwurf steht. Wenn wir Ware bestellen, die nicht in Japan hergestellt wird, muss sie per Luftfracht verschickt werden, was sehr kostspielig sein kann. Sonst bleiben uns noch bereits im Inland vorhandene Lagerbestände, doch hier fehlen oft die gewünschten Farben oder die jeweiligen Möbelanordnungen sind nicht möglich. Die Kenntnis der Einrichtung eines geplanten Wohnraums zu einem frühen Zeitpunkt hat zahlreiche Vorteile mit sich gebracht, die sogar über unsere ursprünglichen Erwartungen hinausgehen.”

Einem in der Baubranche altbekannten Sprichwort zufolge muss man drei Häuser bauen, bis man das bekommt, das man sich wünscht. Doch was wäre, wenn man virtuelle Realität nutzen könnte, um sämtliche Ecken und Enden eines Hauses unter die Lupe zu nehmen, bevor die Bauarbeiten überhaupt beginnen? Laut Nagasawa stellt ein in einer virtuellen Umgebung gestaltetes Zuhause den ersten Iterationsschritt des Planungsprozesses dar. Wenn sowohl Architekten als auch Kunden Zugriff auf virtuelle Realität haben, können sie ein konkretes Bild des geplanten Wohnraums miteinander teilen und gleichzeitig Ideen austauschen – ein konstruktiver Prozess im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne. Dies sorgt für eine größere Zufriedenheit bei allen Beteiligten, nachdem die Bauarbeiten abgeschlossen sind.

Dank dieser Technologie können Kunden eng mit Architekten zusammenarbeiten – das Nonplusultra in Sachen Wohnraumgestaltung. Wenn Licht- und Akustiksimulationen in Zukunft einer breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, wird die Branche zweifelsohne noch weitere Anwendungen für virtuelle Realität finden. In der Zwischenzeit dürfen auch potenzielle Eigenheimbesitzer in Deutschland hoffen, dass sich der innovative VR-Ansatz hierzulande verstärkt durchsetzen wird.

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