Die Zombies sind unter uns! Vernetzte Gebäude erwachen aus dem Totenschlaf

Von Erin Rae Hoffer
- 19. Jan 2016 - 9 min-LEKTÜRE
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Die Faszination, die die Untoten auf die Lebenden ausüben, lässt sich … ähem … einfach nicht totkriegen. Von westafrikanischer und haitianischer Folklore über Kinoklassiker, Musikvideos bis hin zu Fernsehserien wie „The Walking Dead“ und „The Returned“ bewegt uns das Thema seit Generationen über Kontinente und Kulturen hinweg.

Woher rührt diese Faszination? Die Zombie-Bedrohung zwingt uns, neue Überlebensstrategien zu entwickeln, um gegenüber einem unberechenbaren Anderen die Oberhand zu behalten. Welche Tricks muss man erlernen, um einen Zombie-Angriff zu überstehen, geschweige denn niederzuschlagen?

Dabei geht es längst nicht mehr nur um alte Voodoo-Geschichten und DVD-Boxsets. Inzwischen nehmen sich sogar Gebäude ein Beispiel an den Untoten. Ja, Sie haben richtig gelesen: Gebäude werden zu Zombies. Höchste Zeit also, dass Planer und Architekten sich für die bevorstehende Invasion wappnen.

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Gebäude erwachen aus ihrem Totenschlaf – aus leblosen Räumen werden lebendige Systeme. Fußböden und Wände sind keine unbeseelten Flächen mehr. Wohnungen, Büros und Gemeinschaftsräume werden mit Sensoren-Netzwerken ausgestattet. Immer mehr architektonische Elemente sind mit dem Internet verbunden. Sie können zuhören, reagieren, Erfahrungen sammeln sowie individuelle Verhaltensweisen und Präferenzen erkennen. In vernetzten Gebäuden erwacht der tote Raum zum Leben. Ein Angriff steht zum Glück nicht zu befürchten, und unsere Beziehung zum vernetzten Raum nimmt sich – ganz anders als die zu den „echten“ Untoten – überaus harmonisch aus.

Als Miteigentümer des Autodesk-Studios The Living versteht sich David Benjamin auch als Beziehungspfleger, der Menschen bei der Eingewöhnung in ihre reaktionsfähigen Umgebungen unterstützt. „Wir haben bereits an verschiedenen Orten Sensoren in Gebäudeteile eingebettet“, erläutert er. „So zum Beispiel mit dem ‚Living Light‘-Projekt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul, einem öffentlichen Pavillon, der umweltbezogene Informationen sichtbar macht, die normalerweise unsichtbar sind. Auf einem Stadtplan werden Daten zur Luftqualität angezeigt, und der Pavillon reagiert auf die Anzahl der einschlägigen Fragen oder Kommentare, die per SMS eingehen.“

Gemeinsam mit der australischen Künstlerin und Feinwerktechnikerin Natalie Jeremijenko arbeitet das Team von The Living an der Entwicklung einer Dauerinstallation als Bestandteil des rundum-sanierten Pier 35 an der New Yorker East River Waterfront Esplanade. Das Projekt nennt sich „EcoPark“ und bietet Benutzerschnittstellen und Visualisierungen zur Wasserqualität im East River. Einhundert Bojen ändern je nach Wasserqualität ihre Farbe und reagieren auf Nachrichten von interessierten Privatpersonen.

„Je mehr Gebäude und ganze Städte aus dem Schlaf erwachen, um dynamisch und aktiv am öffentlichen Leben teilzunehmen, desto stärker wird dies unser Selbstverständnis als Architekten und Raumgestalter beeinflussen“, so Benjamin. „Man könnte argumentieren, dass Gebäude nach ihrem Bau sowieso schon immer umgewidmet wurden, indem sie zum Beispiel den Besitzer wechseln oder einem neuen Verwendungszweck zugeführt werden. Neue Technologien erweitern hier jedoch die Möglichkeiten immens.“

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EcoPark bei Nacht. Mit freundlicher Genehmigung von The Living.

Weiter führt er aus: „Wenn unsere gebaute Umwelt dynamischer und lebendiger wird, macht es Sinn, uns Gebäude eher als lebendige Organismen vorzustellen. Organismen, die gehegt und gepflegt werden wollen, die wir eher wie einen Garten statt wie einen Stein behandeln sollten. Dann würde sich unsere Beziehung zum Gebäude ändern. Ähnlich wie einen Baum können wir es zwar nicht komplett kontrollieren, wir können aber darauf einwirken und dafür sorgen, dass die Bedingungen stimmen, damit es gedeihen kann. Mit der Zeit könnte daraus sogar eine Beziehung werden, die keine Einbahnstraße ist, sondern auf Gegenseitigkeit beruht.“

Als Senior Director für offene Innovation bei Philips Lighting North America teilt Mark Pacelle diese Vision einer Verbundenheit zwischen Gebäuden und Menschen. „Mittlerweile setzen wir vernetzte Beleuchtungssysteme in Wohnhäusern, Gewerberäumen und Außenbereichen ein“, erzählt er. „Aus unseren Hue-Beleuchtungsprodukten lässt sich ein  individuelles vernetztes Beleuchtungssystem für Wohnräume gestalten. Und für den gewerblichen Bereich stellen wir Systeme bereit, deren Sensoren die Intensität des einfallenden Tageslichts und die personelle Belegung eines Raums messen. Dadurch wird eine feinabgestimmte Steuerung möglich, die wiederum für Energiespareffekte sorgt. Mit CityTouch verfügen wir zudem über ein vernetztes System für Außenbereiche, mit dem sich die Straßenbeleuchtung für eine ganze Stadt steuern lässt.“

Die persönliche Steuerung von Lichteffekten wie Farbe, Farbton, Intensität, Zeitpunkt des Ein- und Ausschaltens usw. ist mit vernetzten Beleuchtungssystemen schon heute Realität. Die vernetzte Beleuchtung von Gewerberäumen ermöglicht Energiespareffekte auf sehr hohem Niveau, die den zunehmend strenger werdenden behördlichen Auflagen gerecht werden. Die vernetzte Beleuchtung öffentlicher Räume schließlich sorgt für Effizienzgewinne bei der Betriebssteuerung und Anlagenverwaltung. Damit ist das Potenzial vernetzter Räume für ihre Benutzer jedoch längst nicht ausgeschöpft.

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Living Light im südkoreanischem Seoul. Mit freundlicher Genehmigung von The Living.

„In Zukunft werden flächendeckend vernetzte Beleuchtungssysteme zum Einsatz kommen, die sich automatisch an die jeweilige Umgebung anpassen und die Beleuchtung anhand von Umgebungsdaten kontextbezogen regulieren“, prophezeit Pacelle. „Diese Beleuchtungsinfrastruktur wird zu einem flächendeckenden Sensoren-Netzwerk ausgebaut werden – einem Internet der Dinge unserer gebauten Umwelt –, das Möglichkeiten zur Erfassung von Daten bezüglich der statischen und dynamischen Eigenschaften der Räume bietet, in denen wir wohnen, arbeiten und unsere Freizeit verbringen. Die Analyse und Korrelation disparater Datensätze wird uns praktisch umsetzbare Erkenntnisse zu unserer Umgebung und deren Nutzung liefern und zu Verbesserungen in den Bereichen betriebliche Effizienz, Sicherheit und menschliches Wohlergehen führen.“

Pacelle sieht eine Welt voraus, in der „Sensoren so gut wie alles in ihrer Reichweite sehen, hören, messen, speichern, bedenken und berechnen können. Letztendlich werden wir über genaue Informationen zu sämtlichen Aspekten unserer physischen Umwelt sowie zu unserer Interaktion mit und Nutzung dieser Umwelt verfügen. Derzeit werden spezielle Apps für unterschiedliche Umgebungen entwickelt – Wohnräume, Einzelhandelsgeschäfte, Büros, Gastgewerbe, Industrieanlagen und Außenbereiche. Die Bandbreite der Daten, die sich in diesen Umgebungen jeweils erfassen lassen, nimmt ständig zu, da Innovationen in der Sensorik laufend neue kompakte, kostengünstige und hochauflösende Sensoren produzieren.“

Bei WeWork hat die Macht des Raums einen zentralen Stellenwert. Das Unternehmen gestaltet weltweit Arbeitsumgebungen zur gemeinsamen Nutzung und vernetzte Bürogemeinschaften. Das F&E-Team von WeWork spezialisiert sich auf die Entwicklung von Büroräumen, die allem, was die Konkurrenz derzeit zu bieten hat, um fünf Jahre voraus sind.

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Die Gemeinschaftsräume bei WeWork (hier die Filiale in Los Angeles) sind mit viel Liebe zum Detail auf die Förderung von Teamarbeit ausgelegt. WeWork will neue Gebäudetechnologien dazu nutzen, Mitgliedern der Bürogemeinschaft weitreichende Möglichkeiten zur individuellen Gestaltung ihrer Arbeitsplätze zu geben und Planer und Architekten bei der Schaffung anpassungs- und reaktionsfähiger Umgebungen zu unterstützen. Mit freundlicher Genehmigung von WeWork.

„Wir sehen vernetzte Räume und Geräte als einen wichtigen Bestandteil zukünftiger Arbeitsplätze an“, so Daniel Davis, Forschungsleiter bei WeWork. „Momentan versuchen wir herauszufinden, welche der neuen Technologien bloße Gimmicks sind und welche tatsächlich zur Steigerung des Architekturerlebnisses beitragen. Hauptsächlich geht es uns dabei um die Entdeckung neuer Möglichkeiten, den Menschen die Kontrolle über ihre räumliche Umgebung zu geben. Das fängt bei der Beleuchtung an, umfasst aber sämtliche Aspekte bis hin zur Ausschilderung mit Wegweisern und zur Raumaufteilung.“

Die Zunahme vernetzter Gebäudeelemente wird seiner Einschätzung nach zwei entscheidende Veränderungen mit sich bringen. „Zum einen wird die räumliche Umgebung sehr viel individueller gestaltet werden – Räume werden imstande sein, ihre Bewohner zu verstehen und auf sie einzugehen“, so Davis. „Zweitens werden Planern und Architekten sehr viel mehr Informationen darüber zur Verfügung stehen, wie Menschen Räume nutzen. Das wird sie wiederum in die Lage versetzen, bei der Raumgestaltung verstärkt die Ansprüche der Benutzer zu berücksichtigen.“

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Mit freundlicher Genehmigung von The Living

Auch bei Autodesk befasst sich das Forschungsteam mit der Frage, welche Konsequenzen die Belebung von Gebäuden und Räumen für ihre Planung und Gestaltung haben wird. Unter Leitung von Azam Khan, dem Direktor für Complex Systems Research und Leiter der Abteilung Environment and Ergonomics Research bei Autodesk, entwickelt das Team Studien, deren Ergebnisse Raumgestaltern helfen sollen, die Prozesse zu verstehen, die in Gebäuden vorgehen, wenn sie zum Leben erwachen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Systemdenken.

„Wir entwerfen heute keine ‚toten‘ Dinge mehr“, so Cory Mogk, der Forschungsvisionär bei Autodesk. „Gebäude sind Organismen, die sich im Laufe der Zeit verändern … Werkstoffe altern; Baueinheiten wittern ab.“

Und weil diese Gebäude zunehmend mit Sensoren ausgestattet sind, müssen Planer und Architekten imstande sein, die dadurch entstehenden Feedback-Schleifen der Interaktion zwischen Mensch und Gebäude zu verstehen. „Wir sind weniger als fünf Jahre entfernt von einer Welt mit Billionen vernetzter Geräte“, so Mickey McManus, der als Forschungsstipendiat bei Autodesk arbeitet. Sein Forschungsprojekt mit dem Titel „Primordial“ geht dem Wesen der Dinge auf den Grund und fragt, was geschehen wird, „wenn die Dinge zum Leben erwachen“.

Um dieser Herausforderung erfolgreich begegnen zu können, ist freilich noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Im Zeitalter der Vernetzung werden sich Planer und Architekten neue Fertigkeiten aneignen müssen. „Kenntnisse in den Bereichen Sensorik, Datenaggregation und -analyse und die Fähigkeit zur Ableitung der entsprechenden Maßnahmen werden zur unabdingbaren Grundvoraussetzung“, sagt Pacelle. „Die Gestaltung eines Raums wird weit über die statische Form hinausgehen. Räume werden zum Leben erwachen. Wir werden uns Gedanken darüber machen müssen, was ein Raum sehen, hören, riechen und berechnen soll. Worüber soll er nachdenken, welche Erinnerungen soll er speichern?“

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WeWork baute eine ehemalige Brotfabrik in Washington/D.C. um. Mit freundlicher Genehmigung von WeWork.

Er fährt fort: „Als nächstes stellt sich die Frage, was wir mit diesem Wissen und diesen Erkenntnissen anfangen wollen. Was soll unser Raum damit machen? Unser gestalterisches Empfinden wird sich von der physischen Form in den Bereich der Daten und Inhalte verlagern: von einer statischen Form hin zu einer Dynamik wechselnder Beleuchtungseffekte, menschlicher Interaktion, optimierter Raumbelegung, geografischer Positionsbestimmung, individueller Anteilnahme und zahlreicher weiterer Eigenschaften unseres Lebensumfelds, darunter womöglich solche, die heute noch gar nicht existieren.“

Davis sieht es genauso. „Ähnlich wie Raumgestalter ein Verständnis für Stahl oder Bauholz entwickeln, müssen sie die digitalen Werkstoffe der Zukunft zu verstehen lernen“, mahnt er an. „Das heißt nicht, dass sie wissen müssen, wie man einen Schaltkreis lötet. Aber es bedeutet sehr wohl, dass sie das Potenzial dieser Werkstoffe verstehen müssen, damit sie Experten beauftragen können, daraus tolle Räume zu erschaffen.“

Wer schon einmal einen Zombie-Film gesehen hat, weiß: Überleben ist keine Glückssache. Auf gute Vorbereitung und Anpassungsfähigkeit kommt es an. Ob die Planer und Architekten  der Zukunft vernetzter Gebäude und Räume optimistisch entgegenblicken dürfen? Wir werden sehen.

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