Design-Thinking und interdisziplinäre Ausbildung: Net Impact arbeitet an der Gestaltung einer besseren Welt

Von Matt Alderton
- 15. Feb 2016 - 6 min-LEKTÜRE

Universitäten weltweit bilden derzeit eine neue Generation von Designern aus. Ihr geht es um mehr als nur neue Gestaltungsideen; nämlich um Grundsatzfragen, die die Methodik ebenso wie den Zweck von Planung und Gestaltung an sich betreffen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich diese Studierenden den Zugang zu den zur Umsetzung ihrer Ideen erforderlichen Ressourcen und Netzwerken auch weiterhin mühsam erkämpfen müssen. Ihr Ziel: die Schaffung einer besseren Welt.

Die gemeinnützige Organisation Net Impact mit Sitz in Oakland bei San Francisco und über 8.000 Mitgliedern, die teilweise noch studieren, teilweise am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen, hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, in Universitäten und Unternehmen aktiv positive Veränderungen im sozialen und ökologischen Bereich zu erwirken. Eine Umfrage unter Studierenden der MINT-Fächer ergab, dass 88 Prozent der Befragten gerne Kenntnisse und Erfahrungen zum Thema „verantwortungsbewusste Gestaltung“ erwerben würden. 77 Prozent äußerten zudem Interesse an interdisziplinärer Zusammenarbeit.

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Studierende der University of California in Berkeley bei einem Brainstorming. Mit freundlicher Genehmigung von Net Impact.

„Wohl in jedem Unternehmen kommen bei Besprechungen und Projekten Menschen aus ganz unterschiedlichen Fachrichtungen zusammen, die alle auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten“, so Linda Gerard, die bei Net Impact für Gemeinschaftsarbeit und Innovation zuständig ist. „In der Arbeitswelt gibt es überall solche Strukturen, und derartige Chancen sollte man schon im Studium geboten bekommen.“

An manchen Universitäten geschieht das bereits – an vielen anderen leider noch nicht. „Uns liegen nicht für sämtliche Unis entsprechende Daten vor, unsere Forschung hat jedoch ergeben, dass vor allem an einigen der großen Forschungsuniversitäten die interdisziplinäre Zusammenarbeit durch die herrschenden Strukturen und Modalitäten der Finanzierung teilweise sehr erschwert wird“, wie Gerard weiter erläutert.

Bekanntlich ist es einfacher, die Menschen innerhalb von Institutionen zu verändern als die Institutionen selber. Deswegen arbeiten Organisationen wie Net Impact und VentureWell gemeinsam mit Studierenden daran, Mauern abzubauen und die Kontakte zwischen Dozenten, Studierenden und Unternehmen zu stärken.

„Wir sind überzeugt, dass die Zusammenarbeit mit Studierenden von der Basis aufwärts ein ungemein effektiver Ansatz zum Abbau dieser Schranken sein kann. Der Versuch, diese Veränderungen von oben nach unten durchzusetzen, wäre hingegen sehr schwierig“, glaubt Gerard.

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Studierende der University of California in Berkeley bei der gemeinsamen Projektarbeit. Mit freundlicher Genehmigung von Net Impact.

Dank der starken Nachfrage nach Designern und Gestaltern in den verschiedensten Bereichen stehen den Studierenden derzeit hervorragende  Berufsperspektiven offen. So leisten sich immer mehr Konzerne einen „Chief Design Officer“ auf Geschäftsführungsebene. „Gestaltung ist mittlerweile ein Schlüsselbegriff, dessen Bedeutung weit über Design im engeren Sinne hinausgeht“, erläutert Gerard. „Heutzutage braucht jeder Arbeitgeber – ob gemeinnützige Organisation, Sozialunternehmen oder gewinnorientiertes Unternehmen – Leute, die solide Fachkenntnisse im Bereich Planung und Gestaltung mitbringen.“

Dabei geht es keineswegs nur um Produktdesign oder Gebäudeplanung. Damit sich Geschäftsmodelle, Programme, Projekte, ja sogar Dienstleistungen am Markt durchsetzen können, sind bei ihrer Entwicklung planerische und gestalterische Kompetenzen gefragt. „Viele der Grundsätze aus der Produktplanung und -gestaltung sind in groben Zügen auch auf andere Bereiche anwendbar und werden zunehmend von allen möglichen Leuten genutzt“, so Gerard.

Dazu zählen Konzepte wie die menschenorientierte Gestaltung zur gezielten Entwicklung von Arbeitsabläufen, Produkten und Erlebnissen zur Erfüllung der unbefriedigten Bedürfnisse der Menschen. Je mehr sich der Gedanke des Design-Thinking unter Entscheidungsträgern mit oder ohne entsprechende fachliche Vorbildung durchsetzt – von Architekten und Modedesignern bis zu Top-Managern und Wissenschaftlern –, desto größer sein Potential, zur Lösung von Problemen beizutragen, die die gesamte Menschheit betreffen: Wasserknappheit und Klimawandel, um nur zwei Beispiele zu nennen.

„Jedes Unternehmen oder Sozialunternehmen muss sich mit gestalterischen Herausforderungen auseinandersetzen“, bekräftigt Gerard. „Egal, in welchem Bereich ein Unternehmen tätig ist, auf ganz grundsätzlicher Ebene ist ein tiefgreifendes Bewusstsein für die realen Probleme der Menschen erforderlich. Und dann geht es darum, wie man kreative Lösungskonzepte zu ihrer Bewältigung entwickelt.“

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Studierende der University of California in Berkeley bei der gemeinsamen Projektarbeit. Mit freundlicher Genehmigung von Net Impact.

Zu diesem Zweck hat Net Impact 2015 in Zusammenarbeit mit der Autodesk Foundation eine „Impact Design“-Initiative zur Verbreitung entsprechender Konzepte ins Leben gerufen. Sie soll angehende Gestalter schon während des Studiums beim Aufbau interdisziplinärer Netzwerke unterstützen, die auf beiden Seiten die gleichzeitige Ausbildung von Design-Thinking und Geschäftssinn fördern. Im ersten Jahr ihres Bestehens konzentriert sich die Initiative auf die Gründung und Anschubfinanzierung von bis zu 20 neuen Arbeitsgruppen an Colleges und Universitäten überall in den USA zur Stärkung der Zusammenarbeit zwischen den MINT-Fächern einerseits und den Fachbereichen Gestaltung/Design andererseits. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Entwicklung von Wertschöpfungsprogrammen, die diese interdisziplinären Arbeitsgruppen mit bereits bestehenden Arbeitsgruppen aus der Wirtschaft zusammenbringen. Studierende der Fachbereiche Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik, Gestaltung/Design und BWL sollen zudem die Möglichkeit erhalten, im Rahmen der von Net Impact veranstalteten Jahrestagung gemeinsame Programme und Projekte zu erarbeiten.

Die Zusammenarbeit zwischen BWL-Studenten und Ingenieurwissenschaftlern an der University of California in Berkeley im Rahmen der „Impact Design“-Initiative veranschaulicht  deren Ziele und Potential auf vorbildliche Weise. Der von beiden Arbeitsgruppen gemeinsam geplante „Design-a-thon“ zur Feier der Gründung der Initiative im September 2015 erwies sich als durchschlagender Erfolg. Vor ausverkauftem Haus erarbeiteten Teams aus Studierenden der Fachrichtungen BWL und Gestaltung/Design menschenorientierte Konzepte für Produkte, Dienstleistungen und Arbeitsabläufe zur Bewältigung der anhaltenden Wasserknappheit in Kalifornien. Das Projekt wurde von der Autodesk Foundation gefördert, und das Siegerteam nutzte Autodesk Fusion 360 zur Planung eines Produkts, das anhand einer visuellen Darstellung der bei der Zubereitung verschiedener Lieblingsgerichte verbrauchten Wassermengen das Bewusstsein der Bevölkerung für die Auswirkungen individueller Ernährungsgewohnheiten stärken soll.

„Die Studierenden entwickelten einige wirklich beeindruckende Designkonzepte zur Bewältigung einer sehr großen Herausforderung“, schwärmt Gerard. Andere Arbeitsgruppen seien derzeit mit der Vorbereitung ähnlicher Veranstaltungen beschäftigt. Geplant seien außerdem Vortragsreihen und inner- und außeruniversitäre Projekte zur fachbereichübergreifenden Aufklärung und Veranschaulichung der Bedeutung einer verantwortungsbewussten Gestaltung. „Gleichzeitig vertieften sie im Zuge dieser Arbeit ihr Bewusstsein für die Potentiale, die gestalterische Konzepte bei der Lösung realer Probleme bieten.“

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Mitglieder der „Net Impact“-Arbeitsgruppe in Villanova entwickeln gemeinsam einen Prototypen. Mit freundlicher Genehmigung von Net Impact.

Zwar steckt die Initiative derzeit noch in den Kinderschuhen, unter dem Motto „2020 Vision“ hat sich Net Impact jedoch ehrgeizige Zielvorgaben gesetzt: Pro Jahr sollen durch den Aufbau von Netzwerken an 100 US-Universitäten 15.000 Studierende in das Programm eingebunden und dazu angeregt werden, die Prinzipien einer nachhaltigen und verantwortungsbewussten Gestaltung in ihrer weiteren beruflichen Laufbahn praktisch zu verwirklichen. Ebenfalls sollen aus dem Netzwerk pro Jahr 400 bis 500 Konzepte und realisierbare Projekte zur Umsetzung dieser Grundsätze hervorgehen.

Dahinter steht die Hoffnung, durch diese und ähnliche Programme eine neue Kohorte heranzuziehen, die die erforderlichen Kompetenzen mitbringt, um die drängenden Probleme der Gegenwart zu lösen: Designer mit einem Sinn für unternehmerische Prioritäten und Unternehmer mit einem Sinn für Design- und Gestaltungsfragen.

„Wir hoffen, dass die Netzwerke, die wir an den Universitäten aufbauen, die nächste Generation von Führungspersönlichkeiten für das 21. Jahrhundert hervorbringen können – Menschen, die ihre gestalterischen Kernkompetenzen auf jeder Station ihres Berufslebens einsetzen“, so Gerard abschließend. „Uns geht es darum, dass sie mit einem gestalterisch-kreativen Ansatz an die brenzligen Probleme unserer heutigen Lebenswelt herangehen – und zwar egal, ob sie sich für eine Laufbahn als Sozialunternehmer, Künstler oder im Bereich Planung und Design entscheiden, ob sie in der Wirtschaft oder im gemeinnützigen Sektor arbeiten.“

Weitere Informationen über die Net Impact Initiative erhalten Sie auf der Website von Net Impact oder von der Programmdirektorin Natalia Vasquez unter der E-Mail-Adresse nvasquez@netimpact.org.

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