Crafty Apes kreieren unsichtbare Effekte für die Traumfabrik Hollywood

Von Rich Thomas
- 14. Nov 2017 - 6 min-LEKTÜRE
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Filmszene aus „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ erst ohne, dann mit VFX-Effekten. Mit freundlicher Genehmigung von Crafty Apes/20th Century Fox

Wer seine Brötchen als ausgemachter VFX-Spezialist verdient – die Abkürzung steht für „visuelle Effekte“ und umfasst ein breites Spektrum an digitalen Tricks von spektakulären Explosionen bis hin zu unauffälligen oder gar „unsichtbaren Effekten“ –, bekommt früher oder später Lust darauf, sich selbstständig zu machen.

Wann genau dieser Zeitpunkt erreicht ist, hängt nicht zuletzt von der Größe des potentiellen Kundenstamms ab. Es kann aber auch passieren, dass er mit technischen Fortschritten zusammenfällt, die die Arbeitsabläufe plötzlich überschaubarer und die erforderlichen Werkzeuge erschwinglicher werden lassen. Chris LeDoux, Mitgründer der kleinen, aber feinen VFX-Firma Crafty Apes, hatte sein Aha-Erlebnis während der vier Monate, in denen er als Composition-Spezialist bei Scanline 16 Stunden pro Tag am spektakulären Zugunglück in J. J. Abrams‘ Film „Super 8“ feilte. Er versichert zwar, nie einen besseren Arbeitgeber als Scanline gehabt zu haben – dennoch hätten die Zahlen einfach nicht gestimmt.

„Irgendwann dachte ich mir: ‚Okay, wenn ich meine Familie nie zu sehen bekomme und wertvolle Zeit mit anderen Dingen verbringe, statt mich in der Kneipe zu vergnügen, dann muss es wenigstens einen guten Grund dafür geben‘“, sagt LeDoux und scherzt, seine beiden Stammkneipen hätten damals stark an Umsatz eingebüßt. „Außerdem wurde mir klar, dass ich nie Kontakte zu Produzenten und Studios aufbauen würde, wenn ich den ganzen Tag in einem Computerbunker sitze. Ich wollte lernen, wie Filme gemacht werden – nicht bloß, wie visuelle Effekte entstehen.“

Filmszene aus „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ erst ohne, dann mit VFX-Effekten. Mit freundlicher Genehmigung von Crafty Apes/20th Century Fox.

LeDoux stammt ursprünglich aus Alaska, redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und kommt eher wie ein guter Kumpel daher, der auf den geselligen Konsum von Ballsportarten steht, als jemand, der dir auf langen romantischen Spaziergängen zum Serverraum mit Geschichten über aktuelle Fortschritte im Cloud-Computing das Ohr abkauen will. Neben seiner Arbeit als Composition-Spezialist für Scanline, Café FX, Uncharted Territory und Orphanage hat er für Pusher Media an Musikvideos für Bands wie Audioslave, U2 und Paramore mitgewirkt und bei R!OT das Composition-Team geleitet. Doch nun war es Zeit für eine Veränderung.

„Das lässt sich schwer in Worte fassen, aber die berufliche Selbstständigkeit gibt dir eine ganz andere Motivation“, so LeDoux. „Wenn du bei einem Unternehmen angestellt bist, weißt du zwar immer genau, wann du mit deinem Gehalt rechnen kannst, aber wirklich spannend ist das nicht. Du bist einer von den Typen, die die Blöcke auf die Pyramide hieven, aber bei der Gestaltung der Pyramide nicht mitreden dürfen.“

LeDoux machte sich 2011 selbstständig. Als Mitgründer von Crafty Apes holte er sich seinen jüngeren Bruder Tim sowie Jason Sanford ins Boot, der die Filmbranche ebenfalls aus langjähriger Erfahrung kennt. Tim LeDoux ließ dafür sogar sein Promotionsstipendium im Fachbereich Chemie der University of California in Santa Barbara sausen. Das Unternehmen ist auf 2D-Composition spezialisiert, produziert also nicht etwa die reißerischen VFX-Effekte, wie man sie aus den neuen „Superman“-Filmen kennt, sondern subtile Vorsatzmalereien und Mixeffekte wie Greenbox.

The Look – Offizielles Featurette für den Spielfilm „La La Land“ (2016)

The Look – Offizielles Featurette für den Spielfilm „La La Land“ (2016)Ein neues Unternehmen aus der Taufe zu heben, ohne Arbeitsproben vorzeigen zu können, war alles andere als ein Kinderspiel. Die Umstellung von der Arbeit an Leinwandmonstern und Raumschiffen auf Szenen, in denen wenig passiert – „zwei Leute, die in einem Raum miteinander reden“, wie LeDoux sagt – genauso wenig. Indes dauerte es nicht lange, bis sich die Mühen der drei Existenzgründer auszuzahlen begannen. Mit Noteinsätzen, wie beispielsweise für den dreifachen Oscar-Gewinner „12 Years a Slave“, konnten sie ihre Talente überzeugend unter Beweis stellen.

Nach Abschluss der Arbeiten an Richie Keens „Fist Fight“ mit Ice Cube und Charlie Day in den Hauptrollen wurde LeDoux ein neues Projekt für einen Produzenten angetragen, mit dem er bereits in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte. „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ spielt in den frühen 1960er Jahren, wurde in 35 mm aufgenommen und verdankt seine optische Authentizität unter anderem einer Farbgebung, die an den klassischen Kodachrome-Dreifarbenfilm erinnert.  Dies war mit ungewöhnlichen Herausforderungen verbunden. Die weichere Optik und körnige Struktur von 35-mm-Film eignet sich hervorragend für epische Aufnahmen, die aus Effekten und realem Filmmaterial zusammengefügt werden, wie bei der Szene, in der John Glenn zur Abschussrampe in Cape Canaveral läuft – gefilmt wurde in einer Lagerhalle. Andere Sequenzen, die den Start der Rakete und ihre Erdumkreisungen zeigen, erwiesen sich als sehr zeitaufwändig und stellten die Erfindungsgabe und technischen Möglichkeiten der VFX-Spezialisten echt auf die Probe.

LeDoux und sein Team schauten sich jede Menge Archivaufnahmen sowie Filmmaterial der Internationalen Raumstation an. Bei der Umsetzung kamen Programme wie Phoenix FD, NUKE und FumeFX zum Einsatz. An Maya von Autodesk weiß LeDoux besonders die Bedienerfreundlichkeit, Flexibilität, vielseitige Kompatibilität und den „Haufen von Plug-ins“ zu schätzen. Egal, ob er gerade ein intergalaktisches Feuerwerk mit Raumschiffkapseln beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre abzieht oder aber „unsichtbare Effekte“ für die Vorsatzmalereien und Außenaufnahmen des NASA-Hauptsitzes in Langley kreiert – LeDoux sieht seine Arbeit niemals als reine Effekthascherei.

Filmszene aus „Hidden Figures – Unerkannte Heldinnen“ erst ohne, dann mit VFX-Effekten. Mit freundlicher Genehmigung von Crafty Apes/20th Century Fox.

Ganz im Gegenteil, wie er erläutert: „Im Idealfall dienen visuelle Effekte quasi zur Abstützung der Handlung. Wenn sie so auffällig sind, dass sie von der Handlung ablenken, haben sie ihren Zweck verfehlt; dann machst du im Grunde nur noch eine überteuerte VFX-Rolle. Als Litmus-Test nehme ich immer meine Mutter. Sie schaut sich das an, und wenn sie von der Handlung gefesselt ist, haben wir alles richtig gemacht. Zu viele Effekte führen zu einer kognitiven Dissonanz. Unser Gehirn ist immer noch das eines Höhlenmenschen und ist schnell überfordert, wenn man es mit zu vielen Reizen überflutet.“

Wie „Hidden Figures“ wurde auch „La La Land“ mit 35-mm-Film gedreht, und wieder durften LeDoux und sein Team von Crafty Apes Effekte aus ihrer digitalen Trickkiste beisteuern. Die epische Anfangssequenz besteht aus über 8.000 Einzeleinstellungen, die in fünf Minuten über die Leinwand rauschen. Dabei musste Filmausrüstung herausgeschnitten, Autos und Menschen bearbeitet oder entfernt und Kleidungsstücke eingefärbt werden. Dieses monumentale Unterfangen erforderte nicht nur heroische VFX-Leistungen, sondern auch eine Umstellung der Infrastruktur (mithilfe der Hybrid-Speicher-Anwendung QC24 von Qumulo) zur Speicherung von Datenmengen im Terabyte-Bereich.

Filmszene aus „La La Land“ mit Effekten von Crafty Apes. Mit freundlicher Genehmigung von Dale Robinette/Lionsgate.

Jüngst hat Crafty Apes die Arbeiten an der neuen Serie „Der Nebel“ von SpikeTV abgeschlossen, die auf einer Kurzgeschichte von Stephen King beruht. Derzeit habe die Firma um die 14 Großprojekte am Laufen, berichtet LeDoux, darunter eine Neuverfilmung von „Jacob’s Ladder“ für LD Entertainment und einen neuen Film des „La La Land“-Produzenten Jordan Horowitz, bei dem Julia Hart Regie führt.

In „Fast Color“, so der Titel, gebe es „ein paar außergewöhnliche Effekte, die ich noch bei keinem anderen Kinofilm gesehen habe, und in ‚Jacob’s Ladder‘ ein paar tolle Sachen, die die Stimmung des Films unterstreichen, aber mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen“, so LeDoux weiter.

„Diese Branche ist einzigartig“, fährt er fort. „Es ist viel Tüftelei erforderlich, und oft musst du dir einfach was einfallen lassen. In ‚Hidden Figures‘ gibt es Aufnahmen von Menschenmengen, die nach oben schauen – die Hälfte davon sind Leute aus unserem VFX-Team. So was machen wir ständig. Jeden Tag muss das Rad neu erfunden werden, und ich lasse mich einfach vom Chaos beflügeln. Neulich haben wir auf dem Parkplatz Feuerwerkskörper in die Luft gejagt, und Leute kamen rausgerannt von wegen: ‚Was zum Teufel macht ihr da?‘ Und wir so: ‚Nur keine Panik. Wir machen bloß einen Film.‘“

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