Ein Tanz mit Robotern zeigt das tatsächliche Machtgefälle zwischen Mensch und Maschine

Von Peter Dorfman
- 9. Jan 2018 - 6 min-LEKTÜRE
Dancing with robots in Slave/Master installation
Bildgestaltung: MIcke Tong. iiwa-Abbildung mit freundlicher Genehmigung von KUKA.

Brooke Roberts-Islam entschuldigt sich für eine kleine Verzögerung: Sie will uns Rose Alice Larkings vorstellen, die Gründerin, Solotänzerin und Choreographin des London Contemporary Ballet Theatre. „Rose wird gleich hier sein“, erklärt uns Brooke. „Sie ist gerade noch bei den Robotern.“

Die Roboter — zwei schlangenähnliche LBR iiwa-Industrieroboter von KUKA Robotics — sind nicht nur ihre Musen, sondern auch ihre Tanzpartner.

Von Rose Alice Larkings stammt die Choreographie für Menschen und Maschinen, die gemeinsam in einer provokanten Tanzperformance mit dem Titel Slave/Master auftreten. Diese Ballett-Performance bildete das Kernstück einer mehrdimensionalen Installation im Londoner Victoria & Albert Museum (16. – 24. September 2017). Brooke Roberts-Islam ist die Co-Direktorin der Brooke Roberts Innovation Agency (BRIA) in London. Von ihr stammt das Konzept der Installation, mit der sie gängige Ansichten zu den Beziehungen zwischen Menschen und Robotern hinterfragt.

KUKA LBR iiwa
Stars der Installation Slave/Master: zwei LBR iiwa-Roboter des Augsburger Unternehmens KUKA. Mit freundlicher Genehmigung von KUKA.

Rose Alice Larkings und Merritt Moore sind die Tänzerinnen, die sich ihren Roboter-Tanzpartnern anfangs noch mit zögerlicher Neugier nähern. Allerdings schlägt die Stimmung rasch um. Aggressiv und dominant schwelgen die Menschen geradezu in dem Machtgefühl, die Bewegungen der Roboter lenken und beeinflussen zu können. „Zum Schluss wirken die Roboter erschöpft und besiegt; sie versuchen, ihren menschlichen Unterdrückern auszuweichen“, beschreibt Rose Alice Larkings die Situation. „Man findet nicht mehr zusammen, es gibt keine Versöhnung und kein Happy End.“ In einer Szene hält einer der Roboter inne und vermittelt durch seine Gestik Atemlosigkeit, während er sich redlich bemüht, mit seinem menschlichen Partner mitzuhalten.

„Bei dieser Performance tanzen jeweils zwei Roboterpaare mit einer Tänzerin“, erläutert Brooke Roberts-Islam. „Während des Tanzes wird die Interaktion zwischen den Menschen und Maschinen immer angespannter. Es zeigt sich, dass in Wirklichkeit die Menschen die Angreifer sind. Wir möchten darstellen, dass sich Menschen und Roboter in ihrer Beziehung zueinander ergänzen können. Es ist kein Verhältnis, in dem die Roboter bedrohlich oder anmaßend agieren. Wir möchten Sympathien für die Roboter wecken, nicht für die Menschen.“

Rose Alice Larkings and Merritt Moore dancing with robots
Rose Alice Larkings (links), Merritt Moore und die KUKA-Industrieroboter bei einer Aufführung im Londoner Victoria and Albert Museum. Mit freundlicher Genehmigung von BRIA.

Slave/Master setzt einen sarkastischen Kontrapunkt zu den Mythen über die Interaktion von Menschen und Robotern, die in der industrialisierten Welt von heute vorherrschenden. In der Popkultur werden Roboter und künstliche Intelligenz häufig als autonome Wesen dargestellt, die Menschen in ihrer Umgebung bedrohen. Sie sind ein Spiegelbild der unterschwelligen Angst vor der Automatisierung und ihres Potentials, die Menschen aus der westlichen Wirtschaft des 21. Jahrhunderts zu verdrängen. Sci-Fi-Autoren und -Filmemacher haben diesen existentiellen Schrecken in dystopische Erzählungen verwandelt, in denen die Roboter der Zukunft ihre menschlichen Gegenspieler bedrohen oder beherrschen.

Tatsächlich sind Roboter in den heutigen Fertigungs- und Entwicklungsumgebungen ziemlich banale, profane Werkzeuge, die ihre Aufgaben reibungslos neben ihren menschlichen Kollegen ausführen. Die LBR iiwas, die von ihren deutschen Entwicklern gern auch „Evas“ genannt werden, führen eine Vielzahl von Tätigkeiten wie z. B. Präzisionsmontage aus. Das Modell KR-6, mit dem Rose Alice Larkings tanzt, ist ein echtes Arbeitstier.

Für die Musik zur Performance wandte sich BRIA an den Komponisten Rupert Cross, der bereits auf zahlreiche Kooperationen mit Filmemachern und Choreographen zurückblicken kann. Bei der größtenteils elektronischen Komposition handelt es sich um eine Aufzeichnung, in die sich die Geräusche einbetten, die die Roboter in Slave/Master durch die Bewegung ihrer Gelenke erzeugen. „Je schneller und ruckartiger diese Bewegungen werden, desto schriller klingen die Geräusche“, stellt Rose Alice Larkings klar.

Bei der Programmierung der Roboter-Künstler arbeitete BRIA mit den Robotertechnik-Partnern KUKA Robotics UK, Adelphi Automation und SCM Handling zusammen: Die Roboter sollten auf die Bewegungen der menschlichen Tänzerinnen reagieren. Vorher aber legte BRIA die grundlegende „Choreographie“ für die Roboter fest. In der Vorstellung von Rose Alice Larkings waren das bestimmte Bahnen, Formen und Bewegungsabläufe, die zuvor mit der Autodesk CAM-Software PowerMill simuliert wurden. „So konnten wir die Roboter-Choreographie ganz flexibel in unserem Studio erarbeiten, ohne in der Anfangsphase schon Ingenieure oder Roboter hinzuzuziehen“, erklärt Brooke Roberts-Islam.

„Nachdem die Daten auf die Roboter übertragen worden waren, haben die Ingenieure und ich die Bewegungen verändert, ergänzt und eingeengt. Außerdem konnten wir dann auch ihre Geschwindigkeit an die Musik und das erzählerische Element anpassen“, fügt Rose Alice Larkings hinzu.

Die Roboter sind nicht wirklich menschenähnlich, aber laut Katherine Johnson fällt es gar nicht schwer, sie sich als lebendige Wesen vorzustellen. Sie leitet das Marketing bei KUKA Robotics UK Ltd., dem Unternehmen, das die elektronischen Balletttänzer zur Verfügung gestellt hat. Und Katherine Johnson ergänzt: „In einer Szene dreht sich die Eva, die mit Merritt Moore tanzt, um beinahe 360 Grad auf ihrem Sockel, während sich der übrige Teil des Roboters oberhalb der ersten Achse in eine nahezu vollständige O-Form biegt – dabei wirkt sie tatsächlich wie eine Kobra. Ihr Anblick ist absolut fesselnd.“ (Und wenn Katherine Johnson „sie“ sagt, meint die Marketingleiterin nicht etwa die Tänzerin, sondern die Eva. Auch die Ingenieure und Techniker, die mit den Evas arbeiten, verwenden gewohnheitsmäßig das weibliche Personalpronomen, wenn sie über die Roboter sprechen.)

Merritt Moore performs in Slave/Master installation
Slave/Master soll gängige menschliche Prämissen zu Robotern hinterfragen. Mit freundlicher Genehmigung von BRIA.

Die beiden Robotermodelle im Stück Slave/Master sind sehr unterschiedlich. „Die Evas wurden quasi als Kollegen der Menschen entwickelt“, erzählt uns Katherine Johnson. „Wenn eine Eva mit einem Menschen in Kontakt kommt, weicht sie zurück und hält für ein paar Sekunden in ihrer Tätigkeit inne. Sie ist ganz auf Kooperation ausgelegt. Das Modell KR-6 ist ein Industrieroboter, der für Arbeiten in einem abgetrennten Umfeld entwickelt wurde. Diese Roboter sollten nicht in der Nähe von Menschen betrieben werden, da das nicht sicher wäre. Also haben wir für Rose einen Bereich festgelegt, dessen Grenzen durch Bodensensoren markiert werden. Kommt sie den Robotern zu nahe, wird das von den Sensoren registriert und die Roboter stehen still.“

Während der Vorstellungen wird das Publikum eingeladen, die Tanzfläche zu betreten. Die Zuschauer können sich zwischen den mit Seilen abgetrennten Bereichen bewegen, in denen Rose Alice Larkings und Merritt Moore tanzen. Die Roboter sind etwa einen Meter hoch und fest auf Podesten montiert, sodass sie problemlos mit den Menschen interagieren können.

Die Darbietung wird durch Graphikprojektionen bereichert, die die wachsende Aufregung der Roboter noch unterstreichen. Dabei werden sich wandelnde 3D-Formen von Silhouetten überlagert, die „Erinnerungen“ an vorangegangene Interaktionen mit Menschen darstellen. Sie veranschaulichen die „Stimmungen“ der Roboter, wobei die Bandbreite von ruhigen, geordneten Bildern bis hin zu hektischen, gewalttätig wirkenden Formen reicht – für die Roboter das Höchstmaß an Verdruss. Diese Bilderwelt entsteht durch individuelle Algorithmen, die von der Londoner Kreativagentur Holition erstellt wurden.

Dancing with robots visual backdrop
Die Grafiken im Hintergrund basieren auf Algorithmen, die speziell für die Performance geschrieben wurden. Mit freundlicher Genehmigung von BRIA.

Die Performance Slave/Master wird während ihrer Laufzeit stündlich aufgeführt. Zwischen diesen Darbietungen führen die Roboter viermal pro Stunde ein Demoprogramm aus, bei dem sie ihre Bewegungsabläufe als Industrieroboter zeigen. Slave/Master kommt im Rahmen des jährlichen „London Design Festival and Digital Design Weekend“ im Victoria and Albert Museum zur Aufführung. Die Installation befindet sich in der Raphael-Galerie des Museums, einem geräumigen Ausstellungssaal mit zahlreichen gemalten „Cartoons“ bzw. Studien für Gobelins, die dieser Meister des 16. Jahrhunderts für die Sixtinische Kapelle angefertigt hatte — ein wirklich angemessener Rahmen, wenn man bedenkt, dass die Anfertigung von Wandteppichen zu Raphaels Zeit eine zukunftsweisende Technologie darstellte.

„Seit meinen Anfängen im Ballett habe ich mit allen traditionellen Stücken gearbeitet“, erzählt Rose Alice Larkings. „Aber wenn man es dann erst einmal geschafft hat, auch im Schwanensee aufzutreten, kann das ganz traditionelle Ballettrepertoire wie eine Einschränkung wirken. Ich hatte die Chance, mit neuen Komponisten und Choreographen zusammenzuarbeiten, und ich liebe es, neue Grenzen auszuloten. Eine Choreographie für Maschinen – das war eine völlig neue Erfahrung.“

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