Ist die Ära der „Starchitekten“ vorbei? Neuerdings rollen Dreamteams das Feld auf

Von Taz Khatri
- 22. Aug 2017 - 5 min-LEKTÜRE
Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta in ihrem Atelier Barberí Laboratory in der katalanischen Künstlerstadt Olot. Mit freundlicher Genehmigung von Pep-Sau/Pritzker Prize.

Bis kürzlich galt die Architektur hauptsächlich als Leistungsschau renommierter, allein verantwortlicher Architekturgenies.

Die Würdigung großer Architekten der Geschichte und Gegenwart lässt bisweilen den Eindruck aufkommen, sie hätten ihre legendären Bauwerke im Alleingang erschaffen – so ist es z. B bei Frank Lloyd Wright, Ludwig Mies van der Rohe, Le Corbusier, und in jüngerer Vergangenheit auch Rem Koolhaas, Zaha Hadid und Frank Gehry. Weniger Bekanntheit erlangen die Mitarbeiter ihrer Architekturbüros, ohne die eine Umsetzung der jeweiligen Bauwerksvisionen wohl kaum möglich gewesen wäre. die bei der Umsetzung der jeweiligen Bauwerksvisionen zweifelsohne eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Dieses Muster zeigt sich auch in der Laureatenliste des renommierten Pritzker-Architekturpreises: Seit die Auszeichnung 1979 zum ersten Mal vergeben wurde, waren 37 der bisher 40 Pritzker-Preisträger einzelne Architekten. 2001 durchbrach erstmals das dynamische Duo Jacques Herzog und Pierre de Meuron dieses Schema, und 2010 gab es mit Kazuyo Sejima und Ryue Nishizawa ein zweites Gewinnerteam.

Am 1. März dieses Jahres dann die Ankündigung: Zum allerersten Mal ging der Pritzker-Preis an ein Dreierteam, nämlich an Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta von RCR Arquitectes aus Katalonien. In ihrer Begründung würdigte die Jury zudem die gemeinschaftliche Herangehensweise, die für die Qualität der Arbeiten von RCR ganz wesentlich sei: „Der von ihnen entwickelte Prozess beruht auf echter Zusammenarbeit, in der weder eine einzelne Komponente noch das ganze Projekt nur einem der Partner zugeschrieben werden kann. Ihre kreative Herangehensweise zeigt ein konstantes Zusammenspiel der Ideen und beständigen Dialog.“

In der Praxis war Architektur schon immer eher Teamleistung als Einzeldisziplin. „Für die Realisierung eines Gebäudes sind neben dem Architekten zahlreiche weitere Mitwirkende vonnöten — z. B. der Bauherr, verschiedene Handwerksmeister und die Bauarbeiter“, so Martha Thorne, Executive Director des Pritzker-Preis-Komitees und Dekanin der spanischen Fakultät für Architektur und Design an der spanischen IE University . „Heutzutage braucht es zur Verwirklichung eines Gebäudeentwurfs Berater, Projektmanager, Bauleiter und Baufirmen.“

Cathleen McGuigan ist Chefredakteurin des amerikanischen Fachmagazins Architectural Record und ebenfalls der Ansicht, dass Teamarbeit bei erfolgreichen Architekturleistungen eine wesentliche Rolle spielt. „Ein bedeutendes Bauwerk ist ein bisschen wie ein Kinofilm: Es gibt einen Regisseur, der höchstwahrscheinlich eine klare Vision verfolgt, und viele Mitarbeiter, die im Abspann genannt werden und ohne die ein solches Projekt unmöglich umgesetzt werden könnte“, führt sie aus.

Die Architektur ist im Wandel begriffen. Das zeigt sich auch an den Themen, die im Architectural Record behandelt werden. „Die Architektur hat sich verändert und Record ebenfalls“, meint McGuigan. „Wir haben den Schwerpunkt definitiv zunehmend auf die Themen Architektur im städtischen Umfeld und interdisziplinäre Zusammenarbeit verschoben.“

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Markise des Restaurants Les Cols im katalanischen Olot. 2017 von den Pritzker-Preisträgern Rafael Aranda, Carme Pigem und Ramon Vilalta entworfen. Mit freundlicher Genehmigung von Hisao Suzuki/Pritzker Architecture Prize.

Und auch an den Lehranstalten wird dieser Wandel allmählich nachvollzogen. Für Architekten beginnt der Kult um das herausragende Genie bereits während des Studiums. „Viele Universitäten folgen immer noch dem Modell der École des Beaux-Arts aus dem 19. Jahrhundert, bei dem Studenten an ihren Schreibtischen geduldig auf ein Einzelgespräch mit dem Lehrmeister warten“, meint Thorne. „Aber heute werden neue, kollaborative Methoden in Studioumgebungen genutzt, bei denen Studierende in interdisziplinären Gruppen gemeinsam an Projekten arbeiten. Feedback bekommen einzelne Studierende nicht mehr nur von einem Professor, sondern auch von anderen Studierenden und verschiedenen Professoren, die ihrerseits wiederum Feedback von den Studierenden erhalten.“

Diese Lehrmethoden sind enger an die Berufspraxis angelehnt. „Wir bringen den Studierenden bei, sich verschiedene Meinungen anzuhören, zu verstehen und sie auf sinnvolle Art und Weise einzubeziehen“, erläutert Thorne.

Wenn sogar der Pritzker-Preis – die begehrteste und traditionsreichste Auszeichnung in der Architektur – diese Entwicklung honoriert, dann sollte man das nicht außer Acht lassen und die zugrundeliegenden Ursachen untersuchen. Die Globalisierung und die neuen Technologien (mit Tools wie z. B. Collaboration for Revit von Autodesk) sind zwei Faktoren, die die Architekturpraxis in den Bereich der kooperativen Arbeit verschieben.

„Die Form der Zusammenarbeit in der Architektur ist heute ausgeprägter als in der Vergangenheit“, so Thorne. „Teilweise ist das im verbesserten Informationsfluss begründet. Der Zusammenarbeit – selbst zwischen Menschen auf verschiedenen Erdteilen – stehen so gut wie keine Hindernisse im Weg. Und dank neuer Technologien wie BIM werden Informationen beim Austausch zwischen Architekt, Ingenieur und der Baufirma weniger stark zergliedert.“

Auch wenn McGuigan einräumt, dass der Gemeinschaftsarbeit in der Architektur allgemein mehr Gewicht zufällt, zögert sie doch, eine kategorische Trennlinie zwischen beiden Arbeitsweisen zu ziehen. Vielmehr ist sie überzeugt, dass Architektur ein Reigen sein kann, der von kollaborativer Teamarbeit zur kreativen Vision eines Einzelnen und wieder zurück führt.

„Ich glaube, das Konzept des ‚einsamen Genies‘ passt nicht mehr in unsere heutige Zeit, obwohl es sehr erfolgreiche Firmen gibt, die noch von einer Einzelperson mit einer starken Vision geleitet werden“, sagt sie. „Jedes Projekt ist einzigartig; als Kritiker muss man bei der Beurteilung seiner konkreten Aussage zahlreiche Faktoren berücksichtigen, statt einen allgemeingültigen Maßstab anzulegen. Selbst außerordentlich leistungsfähige Architekten können umfangreiche, komplexe Projekte nicht ohne ein Team umsetzen – wobei sie möglicherweise durchaus die Parameter für den Entwurf vorgeben und dessen Entwicklung anleiten.“

Durch das Nachrücken junger Architekturbüros gewinnt die Zusammenarbeit immer mehr an Bedeutung, findet McGuigan: „Zusammenarbeit ist so wichtig wie nie zuvor, und in den Firmen, die sich neu auf dem Markt etablieren, existiert das Konzept des einsamen Genies viel seltener als einst zu Zeiten der Entstehung traditionsreicher Büros wie Skidmore, Owings & Merrill. In den neuen Unternehmen gibt es keine prominenten Namen wie Skidmore, Owings oder Merrill mehr, aber sie leisten ausgezeichnete Arbeit – mit Chefplanern, deren Namen kaum jemand kennt.“

Aber wie in anderen kreativen Berufsfeldern auch erweist sich in der Architektur der Mythos des einsamen Meisters als ausgesprochen beharrlich. „Die moderne Architektur, das ist die Geschichte des Stararchitekten, des Weltruhms, internationalen Renommees und glamourösen Nimbus des Architekten, der als einsames Genie ganze Meisterwerke auf einer Serviette entwirft“, so in etwa beschreibt es der Architekturkritiker Edwin Heathcote in der Financial Times in seinem Artikel „Age of the Starchitect“. Im Zuge des Wandels, der sich in Lehre und Praxis der Architektur vollzieht, rücken jedoch die Namen aus dem Abspann immer mehr in den Vordergrund und zeugen von einer wahrhaft gemeinschaftlichen Kunstform.

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