In Japan setzt Starbucks mithilfe von BIM und VR auf lokales Flair

Von Keiko Kusano
- 12. Sep 2017 - 5 min-LEKTÜRE
Die Starbucks-Filiale im Tokioter Mischnutzungskomplex Ark Hills nach dem Umbau im Mai 2016. Das Herzstück der Neugestaltung bildet eine hufeisenförmige „Experience Bar“ für „anspruchsvolle Kunden“. Mit freundlicher Genehmigung von Starbucks Japan.

Zwanzig Jahre nach Eröffnung der ersten Filiale in Tokio ist Starbucks auch aus japanischen Stadtbildern kaum noch wegzudenken. Der damals noch übliche globale Einheitslook ist zunehmend einer Bereitschaft gewichen, bei der Innenausstattung landestypische Akzente einzubringen.

Heute betreibt Starbucks in den 47 japanischen Präfekturen insgesamt 1.245 Filialen. Die meisten davon unterstehen der unmittelbaren Kontrolle des Mutterkonzerns. Das bedeutet unter anderem, dass die Innenausstattung von firmeneigenen Designern geplant wird, die sich große Mühe geben, ihre Entwürfe unter Berücksichtigung regionalgeschichtlicher Aspekte und landestypischer Lebenskultur speziell auf die Besonderheiten des japanischen Markts abzustimmen.

Dieser Ansatz war keineswegs von Anfang an selbstverständlich. Als der US-amerikanische Kaffeeriese 1996 seine erste japanische Filiale im Tokioter Einkaufs- und Vergnügungsviertel Ginza aufsperrte, die zugleich die erste Starbucks-Filiale außerhalb Nordamerikas war, wurde bei der Gestaltung eine im Konzernsitz in Seattle entworfene Designvorlage – mit geringfügigen Anpassungen an die Auflagen der Bauordnung und die vorhandenen Räumlichkeiten – verwendet. Seither wich der Einheitslook im Zuge der globalen Expansion des Unternehmens zunehmend einer Bereitschaft, den Innenarchitekten mehr kreativen Freiraum bei der Ausgestaltung der einzelnen Filialen zu lassen.

Heute verfügt Starbucks Japan über eins von insgesamt 18 firmeneigenen Designateliers mit etwa 30 Mitarbeitern – hauptsächlich Innenarchitekten und Spezialisten mit abgeschlossenem Architekturstudium –, die jährlich für die Planung von über 100 neuen und die Modernisierung von bis zu 150 bestehenden Filialen verantwortlich sind.

Der Umstieg auf BIM

Als Starbucks Japan 2009 von herkömmlicher 2D-CAD-Software auf Gebäudedatenmodellierung (BIM) umstieg, fiel die Wahl auf Revit von Autodesk, ein Programm, das sich am Hauptsitz in Seattle bereits bewährt hatte. Mayu Takashima, die das japanische Designteam leitet, erinnert sich: „Wir stiegen ganz ohne Vorbereitung oder Schulung in die Software ein. Jeder machte sein eigenes Ding und entwickelte seinen eigenen Ansatz.“

Sanjokarasuma Interior
Die Starbucks-Filiale im Sanjo Karasuma Building in Kyoto wurde im September 2016 nach Renovierung neu eröffnet. Das Designkonzept ist der Ästhetik des berühmten japanischen Teemeisters Kobori Enshū nachempfunden. Mit freundlicher Genehmigung von Starbucks Japan.

Früher oder später wurde eine bessere Koordination der Arbeitsabläufe zwingend erforderlich. „So nutzte unsere Baufirma beispielsweise eine bestimmte Familie [eine Sammlung von 3D-Modellierungselementen], mit der auch ihre Daten verknüpft waren. Wir konnten diese Daten jedoch nicht abrufen und mussten stattdessen manuell einen neuen Datensatz eingeben“, erzählt Takashima. „Es war gelinde gesagt eine chaotische Situation.“

Daraufhin wurde die gesamte Projektabwicklung einer kritischen Prüfung unterzogen. „Wir setzten uns mit den einzelnen Mitarbeitern unseres Teams zusammen und identifizierten die für uns sinnvollen Funktionen sowie die Mindestanforderungen für die Baupläne der jeweiligen Filialen. Dieses Feedback des gesamten Teams nutzten wir dann zur Entwicklung einer gemeinsamen Basis“, so Eri Takao vom Designteam.

Zur Umgestaltung einer bestehenden Filiale werden die 2D-Originalpläne als 3D-Modelle nachgebildet, die dann entsprechend bearbeitet werden können. Anhand dieser Daten lassen sich die geplanten Änderungen auch für Kollegen und Kolleginnen aus dem Vertrieb und der Betriebsleitung anschaulich darstellen, was wiederum die Planung erheblich beschleunigt und somit Zeit und Kosten spart.

Virtuelle Realität in Aktion: die Filiale in Ark Hills

Im Sommer 2016 ging Starbucks Japan einen Schritt weiter und begann die BIM-Daten zur Entwicklung von Virtual-Reality-Formaten zu nutzen. Mit Revit Live von Autodesk lassen sich Revit-Dateien problemlos in VR-Formate umwandeln, die dann in Präsentationen und andere Medien zum Informationsaustausch eingebaut werden können.

Im Rahmen der Begutachtung dieser neuen Arbeitsplattform lud das Designteam Kollegen und Kolleginnen aus anderen Abteilungen zur Vorführung einer Visualisierung der frisch renovierten Filiale im Tokioter Mischnutzungskomplex Ark Hills mit einem HTC-Vive-Datenhelm ein. „Zufällig war an dem Tag gerade ein Barista, der in Ark Hills arbeitete, in der Geschäftszentrale von Starbucks Japan“, berichtet Takao. „Vor Beginn der offiziellen Vorführung ließen wir ihn die VR-Erfahrung ausprobieren. Ich wusste zwar, dass die visualisierten BIM-Daten tatsächlich beim Umbau verwendet wurden. Seine Reaktion überraschte mich aber trotzdem. Er sagte, dass die Visualisierung haargenau seinem Arbeitsplatz entspreche, an dem er Tag für Tag Kaffee kocht. Details wie die Höhe und Breite der Theke oder die Sicht auf den Kundenbereich entsprächen eins zu eins der Realität.“

„Früher mussten wir in Gesprächen mit Baufirmen, Mitarbeitern des Betriebsteams und anderen Abteilungen bestimmte Aspekte unserer Entwürfe erläutern und hatten dabei selbst nur ein geistiges Bild vor Augen“, bekräftigt Takashima. „Mithilfe von VR können wir heute Ideen in Echtzeit kommunizieren. Ich bin überzeugt, dass dies zur Konsensbildung in den unterschiedlichen Phasen unserer Arbeit beitragen kann.“

starbucks japan Eri Takao and Mayu Takashima
Eri Takao (links) und Mayu Takashima sind mit einem ca. 30-köpfigen Team für die Planung und Gestaltung der japanischen Starbucks-Filialen verantwortlich. Mit freundlicher Genehmigung von Starbucks Japan.

Technologie für alle

Nach dem starken Erdbeben an der japanischen Pazifikküste und dem daraus resultierenden Tsunami im März 2011 unterstützte der Starbucks-Konzern den Wiederaufbau mit Spenden in Höhe von ca. einer Million Euro und der Gründung eines Hilfsfonds für betroffene Mitarbeiter. Daneben fördert Starbucks auch eine Reihe gemeinnütziger Projekte und Initiativen zur Bewältigung dringender sozialer Probleme wie der schrumpfenden japanischen (Arbeits-)Bevölkerung. So engagiert sich Takashimas Team bei einem Weiterbildungsprogramm für Arbeitssuchende in Asahikawa in der Provinz Hokkaido, die pflegebedürftig oder aufgrund körperlicher Behinderungen auf Heimarbeit angewiesen sind.

Entsprechend dem Starbucks-Leitbild „Menschen in jeder Umgebung inspirieren und fördern“ erhalten Programmteilnehmer die Möglichkeit, mithilfe von Revit ihre IT-Kenntnisse zu erweitern und damit ihre Aussichten auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. „Wir fanden, dass sich in diesem Projekt das Unternehmensleitbild von Starbucks ausdrückte, deswegen wollten wir die Option prüfen, Telearbeiter in unser Team einzubeziehen“, erläutert Takashima.

Sie hofft, dass die neu erworbenen Kenntnisse im Verbund mit der Möglichkeit zur Heimarbeit den Teilnehmenden den Weg in die wirtschaftliche Unabhängigkeit ebnen kann. „Sie haben noch keine Erfahrung mit Revit, sind aber sehr lernwillig und empfinden die Benutzeroberfläche nach eigener Aussage als sehr intuitiv. Anders als mit 2D-Programmen kann man Entwürfe erstellen, die Substanz haben und realistisch aussehen. Dadurch können sie zusammen mit unseren Planern an echter Wertarbeit mitwirken.“

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