Recycelte Gebäude oder Brücken? Rückbauplanung, die über die adaptive Wiederverwendung hinausgeht

Von Timothy A. Schuler
- 18. Jul 2016 - 7 min-LEKTÜRE
Die Demontage des Ostbogens der San Francisco-Oakland Bay Bridge. Mit freundlicher Genehmigung von Sam Burbank.

In diesem Sommer kündigte das Oakland Museum of California ein neues Förderprogramm für Kunst im öffentlichen Raum an. Mit dem Unterschied, dass den Künstlern kein Geld, sondern Stahl zur Verfügung gestellt werden sollte. Und zwar tonnenweise.

Das „Bay Bridge Steel“-Programm entstand aus dem Wunsch heraus, das Metall des Ostbogens der 1933 erbauten Bay Bridge in San Francisco zur Wiederverwertung verfügbar zu machen. (Der Bogen wurde 2013 erneuert.) Der besagte Stahl, der von „als ‚504s‘ und ‚288s’ bezeichneten Brückenbögen (bezugnehmend auf deren Länge in Fuß)“ stammt, wie es im Ausschreibungstext heißt, sollte für städtische und öffentliche Kunstprojekte im Bundesstaat Kalifornien zur Verfügung stehen.

Das Programm stellt eine einzigartige Gelegenheit dar, Infrastruktureinrichtungen adaptiv wiederzuverwenden und aus potentiellen Abfällen neuwertige Materialien zu gewinnen. Dabei ist jede adaptive Wiederverwendung naturgemäß reaktiv, da das Entwurfsverfahren den jeweiligen Konstruktionsgegebenheiten unterliegt.

recycled_buildings_bay_bridge_disassembly_view
Demontage des Ostbogens der San Francisco Bay Bridge. Mit freundlicher Genehmigung von Sam Burbank.

Was wäre jedoch, wenn Gebäude, Brücken und Autobahnen von Anfang an für eine spätere Demontage konzipiert würden? Was, wenn die gebaute Umwelt so konstruiert würde, dass sie sich einfach und unbegrenzt umgestalten ließe? Was, wenn die Bay Bridge Stahlträger für Stahlträger hätte demontiert werden können, ohne Abfall zu produzieren? Was, wenn Gebäude sich recyceln ließen?

Der weltbekannte Architekt und Bauwissenschaftler Bradley Guy – Assistant Professor für nachhaltiges Design an der Catholic University of America School of Architecture and Planning sowie Author von Unbuilding: Salvaging the Architectural Treasures of Unwanted Houses – setzt sich unermüdlich für derartige Bauten ein, seit er Mitte der 1990er Jahre erstmals auf die Idee der Rückbauplanung stieß. Rückbauplanung (auf Englisch: Design for Deconstruction, DfD) ist eine Planungsphilosophie bzw. eine Reihe von Strategien, die der begrenzten Lebensdauer der meisten Gebäude Rechnung trägt.

„Gebäude sind dynamisch“, sagt Guy. „Bestandteile nutzen sich ab, Technologien verändern sich, und ästhetische Trends [entwickeln sich weiter].“ Die meisten Gebäude haben irgendwann ausgedient, und wenn es soweit ist, sollten wir in der Lage sein, ihre Einzelteile wiederzuverwerten.

Die Idee ist nicht völlig neu. 1851 bauten die Briten den Crystal Palace, eine 92.000 Quadratmeter große Ausstellungshalle. Diese wurde für den Rückbau geplant, ihre Bauteile waren simpel und einfach zugänglich. Nach der Ausstellung wurde die Struktur aus Eisen und Glas Stück für Stück auseinandergenommen und auf dem Penge Peak südlich von London wieder aufgebaut. Heute findet die Philosophie bei der Gestaltung von Notunterkünften und provisorischen Militärgebäuden Anwendung.

recycled_buildings_crystal_palace
Crystal Palace

Laut Guy ist jedoch fast jedes Gebäude ein Provisorium. Statt der reaktiven adaptiven Wiederverwendung – bei der unter Umständen nur ein Bruchteil des Baumaterials verwertbar ist – schlägt er einen proaktiven Ansatz vor: Es geht es darum, von Beginn an zu verstehen, wie ein Gebäude demontiert werden kann, und diesen Prozess so effizient wie möglich zu gestalten.

Zwar gibt es keine Universalmethode für rückbaufähiges Bauen, Guy führt jedoch einige naheliegende Punkte an, die Architekten beachten sollten: „Nicht alles leimen; keine giftigen Materialien verwenden.“ Außerdem sollten Verbundwerkstoffe und verdeckte Anschlüsse vermieden, Bauteile simpel und trennbar gestaltet werden. Auch die Abmessungen sind wichtig, und er empfiehlt Planern, für Stahl und Holz nach Möglichkeit Standardlängen zu verwenden.

In seinen Lehrveranstaltungen geht er sogar noch einen Schritt weiter und fordert die Studierenden auf, für jedes Gebäude einen zweiten Verwendungszweck zu planen: „Was wird daraus, nachdem es auseinandergenommen wurde? Ist das überhaupt planbar?“ Viele betrachten den Ansatz als ökologischen Imperativ. Guy kennt die Statistiken in- und auswendig: „Die Renovierung und der Abriss von Gebäuden verursachen in den USA jedes Jahr 91 Prozent aller Bau- und Abrissabfälle.“ Die Verfechter der Rückbauplanung sehen darin einen Schritt zur Lösung dieses Problems.

Der Ansatz setzt sich mehr und mehr durch. Seit etwa zehn Jahren machen sich Gestalter in allen Bereichen – von Produktdesignern bis hin zu Planungsingenieuren – zunehmend Gedanken über das Lebensende der von ihnen entworfenen Objekte. 2002 trug der Architekturvordenker William McDonough mit seinem Buch Cradle to Cradle: Remaking the Way We Make Things (ein Buch, das nahezu bis zur Unendlichkeit zerlegt und recycelt werden könnte) zur Popularisierung einiger dieser Ideen bei, und die Sustainability Base der NASA wurde von McDonough + Partners gemäß diesen Prinzipien geplant.

recycled_buildings_bay_bridge_disassmbly
Mit freundlicher Genehmigung von Sam Burbank.

Von 2007 bis 2009 würdigte die US-Umweltschutzbehörde (Environmental Protection Agency, EPA) bei der jährlichen Lifecycle Building Challenge Projekte, die den „gesamten Lebenszyklus von Gebäuden und Materialien“ berücksichtigten. Zu den Siegern gehörten David Millers „Pavilion in the Park“ in Seattle und das Loblolly House von Kieran Timberlake, ein modulares Fertighaus mit detaillierter Rückbauplanung.

Mittlerweile findet die Philosophie auch Eingang in Bewertungssysteme für grünes Bauen. Bei den in Großbritannien, Hongkong und Australien eingesetzten Bewertungssystemen werden Punkte für die Rückbauplanung vergeben. Das Klassifizierungssystem für ökologisches Bauen „Leadership in Energy and Environmental Design“ (LEED) vergibt zwar noch keine Punkte für Rückbauplanung. LEED for Healthcare (Gesundheitswesen) beinhaltet jedoch einen Punkt für „Design mit Fokus auf Flexibilität“. Dies ermuntere Architekten dazu, über die zukünftige Nutzung nachzudenken, erklärt Guy. Er fügt hinzu, dass Rückbauterminologie allmählich Eingang in Industriestandards und -ressourcen wie das MasterFormat des Construction Specifications Institute finde.

Am weitesten geht in dieser Hinsicht die Living Building Challenge. Die 2014 veröffentlichte Version 3.0 schreibt vor, dass Architekten sich in jeder Phase der Lebensdauer eines Gebäudes – einschließlich Planung, Bau, Nutzung und Lebensende – um die Reduzierung von Abfällen bemühen müssen. Die Planungsteams müssen einen Managementplan zur Materialeinsparung entwerfen, der einen Vorschlag zum Rückbau oder zur adaptiven Wiederverwendung beinhaltet.

Die Rückbauplanung kann jedoch nicht so einfach wie beispielsweise der Energieverbrauch gemessen werden, was eine Herausforderung beispielsweise für Städte darstellt. „Nicht allzu viele Leute argumentieren gegen die Rückbauplanung, abgesehen von der Frage: ‚Wie leite ich daraus eine Bauordnung ab? Wie messe ich sie?‘ Das ist das häufigste Problem, das mir begegnet“, so Guy. Als Beispiel nennt er den von ihm mitverfassten offiziellen Leitfaden für die Rückbauplanung des King County im US-Bundesstaat Washington, der jedoch nicht verbindlich sei. Guy sagt, er warte noch auf eine kommunale Bauordnung, die ein geplantes Gebäudelebensende vorschreibt.

recycled_buildings_bay_bridge
Mit freundlicher Genehmigung von Sam Burbank.

Eine weitere Herausforderung sind die Kosten. Ein Abriss ist weitaus günstiger als ein Rückbau per Hand, selbst wenn die Erträge aus dem Verkauf des zurückgewonnenen Materials berücksichtigt werden. Ebenso müssen die Arbeitskräfte entsprechend geschult werden. „Diese müssen wissen, wie vorzugehen ist und um welche Materialien es sich handelt“, sagt Guy. „Ein großes Problem ist die lange Lebensdauer eines Gebäudes und die Schwierigkeit, Informationen über die Materialeigenschaften aufzubewahren.“ Diese Materialien sind in 50 Jahren möglicherweise nicht mehr erwünscht. Bei vielen Bestandsgebäuden wurden Materialien verwendet, die heute als gefährlich gelten. Wird dies in 50 Jahren immer noch der Fall sein?

Es besteht bei der Thematik auch eine Forschungslücke, die teilweise dadurch bedingt ist, dass die für den Rückbau konstruierten Gebäude erst dann untersucht werden können, wenn sie ihr Lebensende erreicht haben. Guy ist einer der wenigen Bauwissenschaftler, die den Rückbau aus akademischer Perspektive betrachten. Er untersucht, wie viel Zeit die Demontage älterer Gebäude mit den Methoden von heute in Anspruch nimmt.

„Dies wirft unter Umständen sehr spezielle Fragen auf, wie z. B., wie viele Arbeitsschritte erforderlich sind, um ein Material zurückzugewinnen und es für die Wiederverwendung vorzubereiten“, führt er aus. Mit etwas Glück werden Jahrzehnte vergehen, bis die Sustainability Basis der NADA ihr Lebensende erreicht. Guy hofft, dass jemand Untersuchungen durchführen wird, wenn es soweit ist.

In der Zwischenzeit muss die Welt weiterhin mit Bauelementen vorliebnehmen, die nicht zur Wiederverwendung konstruiert wurden. Ein Vorreiter des „Bay Bridge Steel“-Programms des Oakland-Museums ist das Big Dig House von Single Speed Design, ein privates Wohnhaus in Lexington/Massachusetts. Dieses wurde aus Baubeton und -stahl mit großer Spannweite errichtet, der vom Abriss des Interstate Highway I-93 in Boston stammt. (Die Fernstraße wurde 2007 in eine Reihe von Tunneln umgeleitet.)

Wie viel der derzeitigen Infrastruktur muss in fünfzig Jahren stillgelegt werden? Wird es Versuche geben, sie zu einem anderen Zweck zu nutzen? Falls ja, wird dies weder einfach noch effizient möglich sein, da bei der Gestaltung unserer materiellen Umwelt weiterhin „für die Ewigkeit gebaut“ wird. Hier ist ein Umdenken erforderlich, um der Vergänglichkeit unserer Städte und Infrastruktureinrichtungen Rechnung zu tragen und ihnen nach dem Ende ihres ersten Lebens ein zweites zu ermöglichen.

Ähnliche Artikel

Erfolgreich!

Sie sind angemeldet

Für alle, die mehr über die Gestaltung der Zukunft wissen wollen.

Unseren Newsletter abonnieren