Minecraft-Architektur: Was Architekten von einem Videospiel lernen können

Von Kim O’Connell
- 28. Jul 2016 - 5 min-LEKTÜRE
In Minecraft gebaut: „Climate Hope City“. Mit freundlicher Genehmigung von BlockWorks.

Seit es im Jahr 2009 die Gaming-Szene im Sturm eroberte, hat sich Minecraft zu einem der beliebtesten Videospiele der Welt entwickelt – Grund genug für Microsoft, das Spiel und dessen Muttergesellschaft im Jahr 2014 für satte zwei Milliarden Euro aufzukaufen.

In jüngster Zeit hat die Welten-Bau-Plattform auch die Aufmerksamkeit von Architekten und Planern auf sich gezogen. Könnte ein Videospiel tatsächlich die Art und Weise verändern, wie Architektur gelehrt und praktiziert wird?

Für diejenigen, die das Spiel nicht kennen (oder keine Kinder im Schulalter haben): Mit Minecraft können Benutzer Häuser, Städte, unterirdische Bunker und ganze virtuelle Welten bauen – aus strukturierten 3D-Würfeln, die verschiedene Materialien darstellen. Die simple, kubistische Plattform lässt eine gepixelte Landschaft entstehen, die wie die rustikale Ausgabe eines LEGO-Sets anmutet. Neben ihren eigenen Fantasiewelten aus freien Formen haben Minecraft-Benutzer fast jedes berühmte Gebäude repliziert, wie zum Beispiel den Taj Mahal, das Weiße Haus und den Burj Khalifa.

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Als BlockWorks von der Zeitung The Guardian gebeten wurde, in Minecraft „eine moderne Vision des urbanen Wohnens in einer sauberen und nachhaltigen Stadt“ zu gestalten, hat BlockWorks auf der Basis vorhandener grüner Technologien sowie Prototypen für umsetzbare nachhaltige Konstruktionen „Climate Hope City“ entworfen. Mit freundlicher Genehmigung von BlockWorks.

Das Phänomen Minecraft-Architektur hat das Interesse von Planern geweckt. BlockWorks zum Beispiel ist ein globales Team von Architekten, Computeranimatoren und anderen Designern, die Minecraft in einer Vielzahl von Projekten in den Bereichen Gaming, Medien und Pädagogik einsetzen. Blockworks wurde im Jahr 2013 unter der Führung von James Delaney, derzeit Architekturstudent an der Universität von Cambridge in Großbritannien, ins Leben gerufen und umfasst inzwischen 41 „Baumeister“ im Alter von 14 bis 44 Jahren aus mehr als 10 Ländern.

„Vier von uns spielten in unserer Freizeit Minecraft online, im Kreativmodus. So ist das Team ursprünglich entstanden“, erzählt Delaney. „Nach einer Weile fingen wir an, in größeren Dimensionen und mit einer höheren Detailgenauigkeit zu bauen und schon bald zeigte sich, dass Minecraft das Zeug zu einem ernst zu nehmenden Planungs-Tool hat. Wir begannen, in der Gaming-Industrie zu arbeiten und Landkarten und Welten für Minecraft-Spieler zu gestalten. Als wir mehr Aufträge bekamen, erweiterten wir das Team, um der Nachfrage gerecht zu werden.”

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Das Team präsentierte seinen eigenen Arbeitsprozess in der Form einer Minecraft-Welt, die es für die Einsendung zum Planet Minecraft-Wettbewerb „Industrial Revolution“ gebaut hatte. Mit freundlicher Genehmigung von BlockWorks.

Für Delaney und seine Kollegen ist Minecraft eigentlich ein CAD-Tool (Computer Aided Design). Er ist davon überzeugt, dass es ein Leichtes wäre, mit der Plattform – zu deren Nutzerschar auch Kindergartenkinder gehören – mit dem Bauen zu beginnen. Minecraft funktioniert „aus der menschlichen Perspektive betrachtet“, wie Delaney es beschreibt, und ermöglicht Benutzern zu bauen, während sie sich in einem Raum aufhalten und bewegen.

In Echtzeit zusammen arbeiten zu können, ist ein bedeutender Vorteil, sagt Delaney. Online-Sharing ist ein wesentliches Merkmal der Millenniumgeneration und eine wichtige Funktion von aktuellen Planungs-Tools wie Building Information Modeling (BIM) – einem Tool, das Planern, Kunden und Endverbrauchern erlaubt, Leistungsdaten mit einer weit höheren Detailgenauigkeit auszutauschen als je zuvor.

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Der Faberzhe Palace wurde für den Planet Minecraft-Wettbewerb „Underwater Wonderland Contest“ gebaut und verschmilzt Fantasie mit slawischem Architekturstil. Mit freundlicher Genehmigung von Rowan Van Tuijl und BlockWorks.

Im Wesentlichen führt uns Minecraft an eine demokratischere, populistische Betrachtungsweise von Architektur heran. Diese Theorie erläutert der dänische Architekt Bjarke Ingels, Gründungsdirektor der Firma BIG, in seinem Film Worldcraft, der im Jahr 2014 auf dem jährlichen Gipfeltreffen „Future of StoryTelling“ in New York gezeigt wurde. „Über 100 Millionen Menschen bevölkern Minecraft – bauen und bewohnen im Spiel ihre eigenen Welten“, erklärt er im Film. „Diese fiktiven Welten geben den Menschen die Mittel, ihre eigene Umwelt zu verwandeln. So sollte Architektur sein.“

Für den Erhalt einer gesunden, kreativen Gesellschaft ist Minecrafts Sharing-Kultur von entscheidender Bedeutung, meint Delaney. „Dies ist einer der Hauptgründe für die große Sorgfalt, die wir auf unser eigenes digitales Portfolio verwenden“, sagt Delaney. „Darüber hinaus dient das Portfolio natürlich der Neukundengewinnung.“

Eines der Projekte im Portfolio von Blockworks ist der Nachbau der berühmten Villa Rotonda des Klassizisten Andrea Palladio in Zusammenarbeit mit der Royal Institution of British Architects (RIBA) – komplett mit Hintergrundinformationen über Palladio-Konzepte und Grundrissen von anderen Palladio-Bauten, so dass andere Minecraft-Benutzer sich an ähnlichen Konstruktionen versuchen können.

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Dieses in Zusammenarbeit mit dem Royal Institute of British Architects entwickelte Minecraft-Projekt wurde auf einer Ausstellung des RIBA präsentiert. Ziel war es, das jüngere Publikum für den Architekturstil des Brutalismus zu begeistern. Mit freundlicher Genehmigung von BlockWorks.

In einem weiteren, von der Zeitung The Guardian gesponserten Projekt, sollte das Team mit vorhandenen Tools und Technologien eine virtuelle Stadt in einem so nachhaltig wie möglichen, urbanen Umfeld bauen. Diese „Stadt“ ist kurvig und organisch, mit Windparks und einem von der St. Pauls-Kathedrale in London inspirierten Gebäude, dessen klassische Kuppel sogar begrünt ist – ein „Biodom”, der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereinigt.

Im vergangenen Sommer veranstaltete Blockworks im Rahmen des RIBA-Events „Day of Play“ einen Brutalismus-Workshop und -Wettbewerb. Zu diesem konnten junge Spieler ihre eigenen Laptops mitbringen und diese mit dem Minecraft-Server des RIBA verbinden. Sie bekamen ein Grundstück zugewiesen und die Aufgabe, ein Gebäude im Stil des Brutalismus zu entwerfen. An dem Workshop nahmen ca. 120 junge Menschen im Alter von 12 Jahren bis Mitte zwanzig aus 22 Ländern teil.

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Ein Entwurf mit dem Motto „Neverland“. Mit freundlicher Genehmigung von BlockWorks.

Minecraft wird andernorts auch als pädagogisches Instrument immer populärer. Die Chicago Architectural Foundation organisiert ein Minecraft-Sommerlager für Schüler von 7 bis 18 Jahren, und Zaniac, ein Nachschulbildungszentrum in Utah, bietet Minecraft-Architekturkurse an. MinecraftEdu ist eine offiziell anerkannte, speziell für den Einsatz im Unterricht entwickelte und auf Lehrer abgestimmte Version des Spiels. Die Unterrichtspläne decken alles ab, von Mathematik und Geschichte über Kunst, Codierung bis hin zu – Sie lesen richtig – Architektur.

„Während die Architekten von heute noch mit LEGO aufgewachsen sind, wird die nächste Generation zweifellos in ihrer Jugend mit Minecraft gespielt haben“, sagt Delaney. „Man kann es nicht länger als ein Spiel betrachten. Es ist ein CAD-Tool, und noch dazu das am weitesten verbreitete der Welt. Wir können es kaum erwarten, die Lücken zwischen Design und Umsetzung zu schließen.“

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