Von Harvard nach Ruanda: MASS Design baut mit Schönheit, Würde und Hoffnung

Von Cindy Glass
- 29. Jan 2015 - 7 min-LEKTÜRE
Grundschule in Ilima. Mit freundlicher Genehmigung von MASS Design.

Der Name ist Programm: Unter dem Motto „Model of Architecture Serving Society“ verbindet die MASS Design Group idealistische Ziele mit vorbildlichen Geschäftspraktiken. Die Firmengründer Michael Murphy und Alan Ricks kennen sich seit dem Studium an der Graduate School of Design der Universität Harvard. Das Unternehmenskonzept entstand aus ihrem ersten gemeinsamen Projekt, dem Bau eines Krankenhauses in einer entlegenen Region in Ruanda mit 340.000 Einwohnern, die keinen Zugang zu einem öffentlichen Krankenhaus hatten.

Was veranlasst zwei Studenten an einer US-Eliteuni zum Bau eines Krankenhauses in einem unterversorgten und vom Bürgerkrieg verheerten Land? Am Anfang stand eine Frage, die Murphy vor nunmehr zehn Jahren dem Mediziner, Aktivisten und Gründer der Hilfsorganisation Partners in Health, Dr. Paul Farmer, stellte. Murphy erkundigte sich damals danach, welches Architekturbüro Dr. Farmer mit der Planung seiner Entwicklungsprojekte in armen Regionen beauftrage. Einem Bericht in der New York Times zufolge habe Dr. Farmer geantwortet: „Die letzte Klinik habe ich auf einer Serviette gezeichnet.“ Wenig später saßen Murphy und Ricks im Flieger nach Ruanda, und der Keim, aus dem MASS Design wachsen sollte, war gesät.

Butaro Hospital
Die Pläne für das Krankenhaus in Butaro wurden mit AutoCAD erstellt. Mit freundlicher Genehmigung von Iwan Baan.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Eine optisch beeindruckende Einrichtung, die dem Anspruch des Staates Ruanda gerecht wird, eine medizinische Versorgung auf hohem Niveau zu gewährleisten. Die positiven Folgewirkungen für die Menschen vor Ort waren dabei ausdrücklich gewollt. Das Butaro-Krankenhaus bezieht seine Ressourcen aus der unmittelbaren Umgebung und kann dadurch nicht nur Kosteneinsparungen erzielen, sondern auch das Engagement der Bevölkerung fördern, Arbeitsplätze schaffen und in einer von Wandel und schwierigen Heilungsprozessen bestimmten Zeit für Nachhaltigkeit sorgen.

Bei der Planung wurde nicht zuletzt darauf geachtet, durch Frischluftzufuhr und kostengünstige Belüftungstechniken den Luftdurchfluss zu verbessern, um das Risiko von Krankenhausinfektionen zu verringern, die selbst in wohlhabenden Ländern eine schwerwiegende gesundheitliche Bedrohung darstellen. Die naturnahe Lage des Krankenhauses bietet Patienten zahlreiche Rückzugsorte für Besuche von Familienmitgliedern. Durch ein paar einfache Neuerungen – beispielsweise wurden die Betten auf den Stationen so aufgestellt, dass die Patienten aus dem Fenster auf die atemberaubende Landschaft blicken – wurde eine Atmosphäre geschaffen, in der sich Empathie für die Patienten und Achtung ihrer Privatsphäre ausdrücken und die zweifelsohne ihr Wohlbefinden beeinflusst. Und das Gebäude ist, man kann es nicht anders sagen, einfach schön.

Butaro Hospital. Courtesy Iwan Baan.
Das Krankenhaus in Butaro. Mit freundlicher Genehmigung von Iwan Baan.

Ein Wort, das die MASS Design Group auf ihrer Website zur Beschreibung ihrer Projekte oft und gerne verwendet. Schönheit: Ist das wirklich ein relevantes Kriterium in Regionen, in denen lebensnotwendige Infrastruktur – Krankenhäuser, Schulen, Straßen – nicht oder nur unzureichend vorhanden ist? Aber klar. Sogar sehr relevant.

„Schönheit erhöht ein Gebäude erst zu einem architektonischen Werk“, erklärt Murphy. „Schönheit bewirkt, dass ein Ort nicht bloß ein beliebiger Schauplatz ist, sondern sozusagen zu einer Arena der Hoffnung, der Ambition und der Reflexion wird. Der Unterschied zwischen der Erfüllung der funktionalen Mindestanforderungen und einem Ort, der uns tatsächlich inspiriert, ist, dass [formschön gestaltete Räume] uns dazu ermuntern, höhere Ziele anzustreben. Dieser Eingriff des Schönen verleiht den Menschen Würde. Er wirkt als Erinnerung daran, dass sie Besseres verdient haben, und große Architektur gibt ihnen genau das.“

Die ästhetische Sorgfalt und Achtung, die in die Planung des Krankenhauses investiert wurde, sei auch der Grund für die Wertschätzung, die die örtliche Bevölkerung ihm entgegenbringe, so Murphy weiter. Viele Menschen opferten ihre Freizeit, um ehrenamtlich Gartenpflege oder andere Wartungsarbeiten zu leisten. „Wenn ich mich richtig erinnere, antwortete [der japanische Architekt und Träger des Pritzker-Preises] Shigeru Ban auf die Frage, warum Menschen provisorische Häuser, die infolge einer Naturkatastrophe gebaut wurden, fast zwanzig Jahre lang instand hielten: Menschen halten die Dinge instand, die sie lieben. Menschen kümmern sich um das, was sie wertschätzen, und warum sollten sie etwas wertschätzen, das ihnen keine Wertschätzung entgegenbringt. Deswegen ist Schönheit absolut relevant – als emphatischer Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Menschen, die das betreffende Gebäude nutzen.“

GHESKIO Tuberculosis Hospital
Das Tuberkulose-Krankenhaus der GHESKIO (Groupe Haïtien d’Étude du Sarcome de Kaposi). Mit freundlicher Genehmigung von MASS Design.

Aus den Strängen dieses Denkansatzes wollen Murphy und Ricks nun ein noch weitaus ehrgeizigeres Vorhaben weben. Ihr Ziel ist eine komplette Neukonzeption des Geschäftsmodells der Architektur, die aus der Vorstellung von architektonischer Gestaltung als kostspieligem Firlefanz einen unverzichtbaren Katalysator für durchgreifende soziale Veränderungen und Gerechtigkeit macht.

„Sie dürfen nicht vergessen, dass wir 2008 angefangen haben, als quasi alle Architekten gerade arbeitslos wurden“, erläutert Murphy. „Das herkömmliche Geschäftsmodell war damit eindeutig gescheitert. Es nützt nicht zwangsläufig den Menschen, denen es nützen muss, und wenn harte Zeiten anbrechen, wird es als erstes gestrichen. Hier ist die Vielseitigkeit eines neuen Geschäftsmodells gefragt, ohne jedoch alle Aspekte des traditionellen Ansatzes komplett abzulehnen. Vielmehr geht es darum, die Evolution der Branche in Richtung in der Praxis messbarer Erfolge, in Richtung eines Nutzens für diejenigen, denen es nützen soll, zu steuern und … dabei das entscheidende transzendente Potenzial der Architektur nicht aus den Augen zu verlieren, fantastische Umgebungen zu schaffen, in denen Menschen leben und an denen sie teilhaben können.“

MASS ist als gemeinnütziges Unternehmen strukturiert, wobei die Entscheidung für diese Rechtsform für sein Team keine Glaubensfrage darstelle, wie Ricks betont. „Wir haben aber gemerkt, dass der Status als gemeinnütziges Unternehmen uns ermöglicht, diese Märkte für die Architekturbranche insgesamt zu erschließen“, fügt er hinzu. „Und zwar, indem wir dort hingehen, wo Architektur keine Wertschätzung genießt, und den Menschen dort in der Praxis zeigen, wie viel sie zur Wertschöpfung beitragen kann und zur Verwirklichung der Mission unserer Auftraggeber und der Gemeinschaft, für die sie arbeiten. Dahinter steckt der Gedanke: Wenn sich diese Sichtweise durchgesetzt hat, dann ist auch Geld für architektonische Projekte vorhanden. Wenn die Menschen den Mehrwert der Architektur einmal erkannt haben, können sie auch entsprechende Argumente vorbringen, warum Architekten dafür bezahlt werden sollen.“

MASS Design Maternity Waiting Village
Wartedorf für werdende Mütter in Malawi. Mit freundlicher Genehmigung von MASS Design.

MASS Design nutzt den gemeinnützigen Status zur Schaffung eines F&E-Labors, in dem Wirksamkeitsnachweise für zukünftige Aufträge erbracht werden. Das ehrenamtliche Engagement der beiden Firmengründer beim Bau des Krankenhauses in Butaro legte zugleich den Grundstein für bezahlte staatliche Aufträge im Rahmen von Bauvorhaben, die zur weiteren Verbesserung der medizinischen Infrastruktur in Ruanda beitragen sollen. „Der Bau des Krankenhauses kam damals einer Gemeinschaft zugute, die nicht einmal einen eigenen Arzt hatte“, erinnert sich Ricks. „Heute erzielt Ruanda in der Gesundheitsfürsorge Ergebnisse, die weltweit zu den stärksten gehören … In Ruanda ist man überzeugt, dass die Architektur hier einen entscheidenden Beitrag geleistet hat.“

Die Lehren aus Butaro kommen den zwanzig weiteren Bauvorhaben in unterschiedlichen Entwicklungsstadien zugute, an denen MASS Design derzeit beteiligt ist. Dazu zählen Schulen, die in Zusammenarbeit mit der African Wildlife Foundation entstehen (z. B. die Grundschule in Ilima), ebenso wie ein Behandlungszentrum für Cholera-Kranke in Haiti. Und sogar in den USA finden wichtige Erkenntnisse, die MASS Design aus der Arbeit in Entwicklungsländern gewonnen hat, mittlerweile Anwendung. So insbesondere beim Wiederaufbau des Family Partnership Center in Poughkeepsie im Bundesstaat New York nach dessen Zerstörung durch den Hurrikan Irene. Hier standen zwar staatliche Mittel in ausreichendem Umfang zur Verfügung, für Brian Doyle als Geschäftsführer des Mutterkonzerns warf der Wiederaufbau jedoch weitergehende Fragen auf: Ließe sich das Geld womöglich sinnvoller investieren, um für die wirtschaftlich benachteiligte Bevölkerung vor Ort einen durchgreifenden positiven Wandel herbeizuführen?

MASS Design Butaro Hospital
Das Krankenhaus in Butaro. Mit freundlicher Genehmigung von Iwan Baan.

Mit Unterstützung von MASS Design betrachtete man das Projekt unter unterschiedlichen Gesichtspunkten: Sicherheit, Energie- und Kosteneffizienz standen dabei ebenso im Vordergrund wie der Nutzen für die Gemeinschaft und die Förderung positiver Veränderungen in der gesamten Region. In einem Bericht über das Projekt in der Lokalzeitung werden vor allem der Dachgarten zum Anbau von Lebensmitteln sowie die bauliche Integration des Bachs hervorgehoben, der das vorherige Gebäude zerstört hatte.

Insgesamt kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier etwas Neues in der Entstehung begriffen ist, das einen sehr positiven Einfluss auf die Richtung nehmen wird, die die Architekturbranche in Zukunft einschlagen muss und will. „Als gemeinnütziges Unternehmen arbeiten wir trotzdem bei der Erschließung neuer Märkte sehr eng mit anderen gewinnorientierten Unternehmen zusammen“, so Murphy. „Wir begrüßen die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Zulieferern, mit anderen Planern, mit Architekturbüros und Bauunternehmern, die bei dieser Bewegung mit dabei sein wollen, um gemeinsam eine gebaute Umwelt zu schaffen, die zur Verbesserung unserer Leben insgesamt und unserer  Gesundheit beiträgt. Um das zu erreichen, um diesen Paradigmenwechsel zu schaffen, müssen sämtliche Akteure mit am Tisch sitzen. Unsere Hoffnung ist, dass wir im Rahmen dieser Diskussion sowohl als Partner wie auch als Organisator und Moderator einen einschneidenden und nachhaltigen Wandel in unserer Branche insgesamt bewirken können.“

MASS Design Group ist Mitglied der Autodesk Foundation, die als erste Stiftung weltweit ausschließlich Menschen und Organisationen fördert, die durch architektonische Gestaltung etwas bewegen wollen. 

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