Der Louvre Abu Dhabi zeigt die Menschheitsgeschichte in einem neuen Licht

Von Jeff Link
- 20. Mär 2018 - 5 min-LEKTÜRE
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Außenansicht des Louvre Abu Dhabi. Mit freundlicher Genehmigung von Mohamed Somji/Louvre Abu Dhabi.

Er wurde im Jahr 2007 im Rahmen eines internationalen Abkommens zwischen Abu Dhabi und der französischen Regierung bekannt gegeben ­und ist nun Wirklichkeit geworden: Der Louvre Abu Dhabi liegt in einem neu entstehenden Kulturviertel außerhalb der historischen Innenstadt und soll als Begegnungsstätte zwischen Gesellschaften und Kulturen fungieren.

Die vom französischen Stararchitekten Jean Nouvel entworfene, von einer silberfarbenen Kuppel überspannte Gebäudegruppe ruht auf windumspielten Promenaden mit Blick auf das Meer. Die Anlage auf Saadiyat Island wurde am 11. November 2017 eröffnet und vermittelt einem neuen Publikum von Kunstliebhabern die Früchte einer kulturellen Zusammenarbeit.

Die staatliche Tourism Development and Investment Company (TDIC) in Abu Dhabi beauftragte die britische Firma BuroHappold Engineering mit der technischen Gesamtplanung für den neuen Louvre. Neil Billett ist dort für die Planung internationaler Bauprojekte verantwortlich und erklärt, dass „sowohl die Einwohner von Abu Dhabi als auch Besucher aus aller Welt im neuen Louvre regionale und internationale Kunst von Weltrang in Räumen genießen können, die das traditionelle Museumserlebnis radikal neu interpretieren“.

Ausgestellt werden zum großen Teil Leihgaben des Louvre in Paris oder von der Agence France-Muséums erworbene Stücke, deren Spannbreite von der Antike bis zur Moderne reicht. Neben Artefakten und Gemälden aus dem Nahen Osten können Besucher Werke von Gauguin, Picasso und Bellini bewundern. Die Eröffnungsausstellung zeigt Kunstwerke aus anderen internationalen Museumssammlungen, im Einklang mit dem Ziel der Institution, sich als erstes „Universalmuseum“ der arabischen Welt zu etablieren, das die Geschichte der Zivilisation weltweit erzählt.

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Der „Regen aus Licht“ im Louvre Abu Dhabi: als würden Lichtstrahlen vom Himmel fallen. Mit freundlicher Genehmigung von Mohamed Somji/Louvre Abu Dhabi.

Das Museum sei das erste von mehreren von der TDIC für Saadiyat Island (deutsch: Insel des Glücks) vorgesehenen Projekten, berichtet Andy Pottinger, Tragwerksplaner und Direktor bei BuroHappold. Zu diesen Projekten gehören auch das Zayed National Museum und das vom Architekten Frank Gehry entworfene Guggenheim Museum für zeitgenössische Kunst.

Die Realisierung der Vision der Ateliers Jean Nouvel für den Louvre Abu Dhabi – insbesondere die überirdische Qualität des strahlenden Lichts, das durch seine Kuppel einfällt – sei das Ergebnis intelligenter, feinfühliger Ingenieurskunst und kreativer Nutzung von iterativem BIM, erklärt Pottinger. Einen ersten Durchbruch habe man mit der Entscheidung erzielt, das Tragwerk für die Kuppel von fünf auf vier Säulen zu reduzieren. Die „Erleuchtung“ sei schließlich gekommen, als die Stahlstruktur entsprechend der Vision des Architekten mit dem komplexen Muster der aus acht Schichten bestehenden Eindeckung zusammengeführt wurde.

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Die Wasserbassins der Plaza des Louvre Abu Dhabi reflektieren das Licht. Mit freundlicher Genehmigung von Mohamed Somji/Louvre Abu Dhabi.

Das Kuppelgewebe aus 7.850 „Sternen“ setzt sich aus skalierten und gedrehten Variationen seiner Stahlkonstruktion zusammen und lässt das geometrisch logische Muster eher zufällig wirken. Die Struktur selbst wird zu einem integralen Bestandteil von Nouvels Vision: Es scheint, als würden Lichtstrahlen vom Himmel fallen. Die Galerien sind in ein weiches Licht getaucht, während die offene Plaza sowie Café und Restaurant in einem funkelnden „Lichtregen“ erstrahlen.

„Zunächst arbeiteten wir mit einem orthogonalen Raster, einem klaren, sichtbaren Tragwerk, wie man es bei Dächern von Sportstadien oder Arenen sieht“, erläutert Pottinger. „Diese Entwürfe überzeugten weder uns noch die Architekten. Die Kuppel sollte wie ein künstlicher Himmel anmuten, willkürlich, ohne eindeutige Kraftlinien. Was Sie heute vor Ort sehen können, ist eine Kombination aus Kunst, Lichttechnik, Klimatechnik und Tragwerkskonstruktion.“

Um die Tragfähigkeit der 7.500 Tonnen schweren Kuppel sicherzustellen, brauchte man einen eindeutigen Regelsatz sowie „ein wenig Software-Zauberei“. Zunächst wurden mithilfe der Softwaretools Ansys und Autodesk Robot Structural Analysis Professional Untersuchungen zur Festigkeitsoptimierung durchgeführt. Dann verknüpfte das Team von Pottinger die endgültige Kuppelgeometrie mit Revit, um Pläne zu erstellen, die die Abmessungen jedes einzelnen der insgesamt 11.000 Elemente abbildeten. Die komplexe Bauphase wurde vom österreichischen Unternehmen Waagner-Biro geleitet, dauerte fünf Jahre und erforderte die Errichtung von 120 temporären Hilfstürmen.

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Das Kuppeldach des Louvre Abu Dhabi im Bau. Mit freundlicher Genehmigung von BuroHappold Engineering.

„Als ich vor der Eröffnung um das Gebäude ging, musste ich daran denken, wie ich am selben Ort um das Modell herumgegangen war. Es ist eine virtuelle Welt, wie in einem Computerspiel – bis man sie betritt und sie auf einmal real wird“, sagt Pottinger.

Die Kuppel ist eine einzigartige Ingenieurleistung, doch die nach dem Vorbild eines traditionellen arabischen Souk (deutsch: Marktplatz) gestalteten Galerien und Ausstellungshallen sind auf ihre Art ebenso beeindruckend. Das einem Dorf nachempfundene Megabauwerk aus mehr als 40 freistehenden Gebäuden scheint zu schweben – dabei wird es von rund 4.500 Beton- und Stahlpfeilern gestützt, die auf dem 11 Meter unter der Wasserlinie liegenden Grundgestein errichtet wurden.

Zur Herstellung eines maßstabsgetreuen Modells für physikalische Tests wurde ein BIM-Planungsmodell verwendet, erzählt Pottinger. Dieses gab Aufschluss über die Geometrie der Umgebung und über geeignete Stellen für Wassereinlässe und Wellenbrecher aus Beton. Infinity-Pools wurden so platziert, dass das Wasser bis in das Herz des Museums unter der Kuppel reicht. „An zahlreichen Stellen fließt durch Kanäle Wasser in die Anlage, was Bilder von Venedig hervorruft“, schwärmt Pottinger. „VIPs können mit dem Boot kommen.“

Ein anderes wichtiges Thema war die Klimatisierung. Die Tagestemperaturen können in Abu Dhabi auf über 40 Grad Celsius ansteigen – Staub und Salz in der Luft gefährden die Kunstwerke und beeinträchtigen das Wohlbefinden von Besuchern. Die Verschattung durch die Kuppel und ein unauffälliges, voll integriertes und effizientes Steuerungssystem halten im Zusammenspiel die Luftfeuchtigkeit bei 50 Prozent, mit einer Schwankung von circa 5 Prozent. Die Innentemperatur in den Pavillons der Galerie liegt mit nur einem halben Grad Schwankung bei 21 Grad Celsius.

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Detailansicht der Ebenen im Kuppeldach. Mit freundlicher Genehmigung von BuroHappold Engineering.

„Es ist eine spürbare Erleichterung: Unter der Kuppel ist die Temperatur um fünf bis sechs Grad niedriger. Beim Modell mussten wir eine Vielzahl von Anforderungen berücksichtigen, wie zu Beispiel Umgebungsbedingungen, Lichteinwirkung, Sicherheitsaspekte und das Problem, dass wir keine Sprinkleranlagen zur Brandbekämpfung einsetzen konnten“, sagt Billett. „Die Agence France-Muséums hat extrem hohe Auflagen, und diese Kunstwerke können aufgrund ihres hohen Wertes nicht versichert werden. Beim geringsten Zweifel an der Planung hätte keins der Kunstwerke ausgestellt werden dürfen.“

Der größte Erfolg des Projekts reicht weit über seine überzeugende technische Konzeption hinaus: Das Bauwerk ist die Verwirklichung von Nouvels Vision, Besuchern ein völlig neuartiges Kunsterlebnis zu verschaffen. „Das Konzept löst sich von der Vorstellung, eine gekühlte Kunstgalerie zu betreten und für die Zeit des Besuchs darin eingesperrt zu sein. Im neuen Louvre spaziert man durch eine Reihe von Pavillons, die nach internationalen Standards für Galeriekonzeption gestaltet sind, und bewegt sich frei in einem vertrauten, unter der Kuppel nachgebildeten Mikroklima, während von außen einfließendes Wasser den Raum durchbricht. Uns ist kein anderer Ort bekannt, der Besucher und internationale Kunst in gleicher Weise behandelt, und wir sind sehr stolz darauf.“

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