Die Laufbahn einer Architektin: Auf Umwegen zum Erfolg

Von Taz Khatri
- 2. Aug 2016 - 4 min-LEKTÜRE
Die Ergebnisse eines Workshops mit Section Cut und dem Boston Architectural College. Die Studierenden arbeiteten mit einer CNC-Fräse und einem 3D-Scanner und erwarben dabei neue Fertigkeiten. Mit freundlicher Genehmigung von Section Cut.

E.B. Min fand ihre erste Arbeitserfahrung als Architektin so schlimm, dass sie beinahe in die Medizin gewechselt wäre. „Direkt nach dem Studium bekam ich eine Stelle, die überhaupt nicht zu mir passte“, erinnert sie sich. „Deswegen bewarb ich mich für einen Studienplatz, um mein vormedizinisches Studium fortzusetzen. Aber zum Glück kündigte die Firma mir – besser hätte die Geschichte nicht ausgehen können.“

Sie blieb nicht lange im Exil: Noch bevor sie die Zusage von der Universität erhielt, nahm  Min das Stellenangebot einer Firma an, die sich auf Landschaftsplanung und -architektur spezialisiert hatte. Ihr neuer Job machte ihr sehr viel Spaß und führte letztlich dazu, dass sie doch zur Architektur zurückfand. Heute ist sie Eigentümerin des erfolgreichen Architekturbüros Min | Day in San Francisco.

Min ist kein Einzelfall. In den USA wirft etwa ein Drittel des Architektennachwuchses noch vor dem vierjährigen Berufsjubiläum das Handtuch. Das zeigen die Ergebnisse einer Studie des „Equity by Design“-Ausschusses (EQxD) des American Institute of Architects San Francisco (AIASF), die sich mit Gleichstellungsfragen in der Architekturbranche befasst.

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Das Chartboost Parklet nach einem Plan von Min | Day. Mit freundlicher Genehmigung von Cesar Rubio.

Viele Jungarchitekten und -architektinnen fühlen sich kreativ unterfordert, da sie vor allem zu monotonen Hilfsarbeiten herangezogen werden – etwa zum Erstellen von Grund- und Aufrissen für Badezimmer o. ä. Diese Anfangsphase kann jahrelang andauern, wobei Einwände gerne mit dem Hinweis abgetan werden, als Neuling müsse man halt sein Lehrgeld zahlen.

Robert Yuen ist Mitgründer der Organisation Section Cut, die sowohl wissenschaftliche Ressourcen für Planer und Architekten als auch Räumlichkeiten für Workshops unter Mitwirkung renommierter akademischer Institutionen bereitstellt. Seiner Meinung nach sind fehlende Aufstiegsmöglichkeiten eine branchenweite Problematik. „Die Branche hat sich nicht schnell genug entwickelt, um Angehörigen der Millenniumsgeneration die Chance zu geben, ihr Potenzial voll einzubringen“, stellt er fest. „So landen Nachwuchskräfte auf Stellen, die ihnen beschränkte Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung bieten.“

Das muss jedoch nicht zwangsläufig zu einer vollkommenen beruflichen Neuorientierung führen. Es gibt durchaus auch Fälle, in denen die Betroffenen stattdessen alternative Pfade eingeschlagen haben, die sozusagen parallel zur herkömmlichen Architektenlaufbahn verlaufen. Dadurch werden Querverbindungen und neue Erfahrungen möglich, die sich letztlich bereichernd auswirken können.

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Eine Veranstaltung von Section Cut in Boston. Mit freundlicher Genehmigung von Section Cut.

In ihrer Stelle bei dem Landschaftsplanungsunternehmen hatte Min selbst als Berufsanfängerin das Gefühl, kreativ gefordert und gefördert zu werden. „Ich habe dort unglaublich viel gelernt“, schwärmt sie. „Über Werkstoffe und Fertigungsverfahren und wie man den Auftraggeber von den eigenen Ideen überzeugen kann. Die Arbeit dort hat mir gezeigt, wie spannend Planungsarbeiten sein können.“

Aus dieser positiven Erfahrung heraus entschied sie sich, ihrer Disziplin doch treu zu bleiben.  Schließlich durfte sie ein Projekt in Eigenregie durchführen, und dies wiederum führte letztendlich zur Gründung ihres Architekturbüros, das sie seit nunmehr 13 Jahren leitet.

In ihrem Freundeskreis habe es einige gegeben, die ihr davon abgeraten hätten, die Stelle bei der Landschaftsplanungsfirma anzunehmen, erzählt Min. Sie bezweifelten, dass diese Erfahrung sie als Architektin weiterbringen würde. Min ist jedoch davon überzeugt, damals die richtige Entscheidung getroffen zu haben. „Wenn man andere Wege geht, die nicht einer konventionellen Laufbahn entsprechen, tun sich oft Chancen auf, die man sonst verpassen würde“, glaubt sie.

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E.B. Min und Jeffrey L. Day mit ihrem modularen Stones Table. Mit freundlicher Genehmigung von John Lee.

Neuerdings geht Min wieder einmal ungewöhnliche Wege und expandiert in den Bereich Möbeldesign. Sie sieht diesen jüngsten „Umweg“ als weiteres Standbein, das ähnlich wie ihre Erfahrung als Landschaftsplanerin ihr Profil als Architektin stärke. „Als Architekturbüro bildet Möbeldesign einen Bestandteil unserer Projekte und Arbeitsverfahren“, betont sie. „Je besser wir uns mit Möbeln auskennen, desto mehr können wir unsere Arbeitsweise verfeinern.“

Ähnlich wie bei Min verlief Yuens eigene Karriere nicht geradlinig. Zusammen mit drei Freunden gründete er Section Cut nach Abschluss der Uni. Ursprünglich sollte die Website zum Austausch von Ressourcen rund um Architektur und Gestaltung dienen und richtete sich primär an Studierende. Mittlerweile ist daraus ein ehrgeizigeres Projekt geworden, das sowohl von Akademikern als auch von Fachleuten aus der Praxis genutzt wird.

Parallel zum Aufbau der Website trieb Yuen auch seine Laufbahn als Architekt voran. Nach Abschluss seines Studiums an der University of Michigan hängte er ein weiteres Studienjahr im Fachbereich Robotertechnik dran. Anschließend nahm er eine Stelle bei Skidmore, Owings & Merrill in Chicago an. Von dort wechselte er nach San Francisco, wo er in der Planungsabteilung des Fertighausherstellers Blu Homes arbeitete. Heute ist er als Berater für Planungs- und Bauunternehmen tätig und widmet der Website etwa ein Drittel seiner Arbeitszeit.

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Haus am Lake Okoboji in Iowa nach einem Bauplan von Min | Day. Mit freundlicher Genehmigung von Paul Crosby.

Daneben arbeitet Yuen seit kurzem an einem weiteren Projekt namens Big Fluffy – „Ihr Freund in der Cloud“, wie es in der Eigenwerbung heißt. Das neue Unternehmen will Architekten und Ingenieuren den Arbeitsalltag erleichtern, indem es ihnen die Leistung eines Cloud-Supercomputers auf dem Laptop bereitstellt.

Auch für Quereinsteiger bieten sich also zahlreiche Möglichkeiten, in der Architekturbranche erfolgreich zu sein. Nachwuchsarchitekten, die gerne neben ihrer hauptberuflichen Tätigkeit anderen Interessen nachgehen wollen, sollten am besten offen mit ihren Arbeitgebern sprechen und sich keine Sorgen machen, dass ihre Arbeit dadurch beeinträchtigt würde, rät Yuen. „Viele Leute haben Angst davor, sich zuviel zuzumuten. Dabei ist es vollkommen okay, etwas machen zu wollen, was von der traditionellen Architektenlaufbahn abweicht.“

Letztendlich können derartige „Umwege“ zu mehr Zufriedenheit am Arbeitsplatz beitragen. Für manche Architekten – und Architektinnen – erweist sich eine Zickzacklinie sogar als der schnellste Weg zum Erfolg.

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