Die Königsklasse der nutzerorientierten Gestaltung: AirGo und das Körperscanning

Von Rosa Trieu
- 16. Jan 2018 - 6 min-LEKTÜRE
AirGo Design Njord
Die neuen AirGo Njord Bussitze. Mit freundlicher Genehmigung von AirGo.

Der Fahrgastkomfort in öffentlichen Verkehrsmitteln scheint auf der Prioritätenliste der Beförderungsdienstleister ganz unten zu rangieren – besonders ärgerlich ist das bei längeren Reisen. Aber das Start-up-Unternehmen AirGo Design aus Singapur ist schon dabei, das zu ändern. AirGo hat die 735 Milliarden USD schwere Luftfahrtindustrie bereits erfolgreich durch einen innovativen Sitz für die Economy Class revolutioniert und ist gerüstet, nun auch Fähren und Busse mit seinen Produkten auszustatten.

Ursprünglich hatte das Unternehmen diese anderen Verkehrsbranchen gar nicht auf dem Radar. Zunächst einmal nahm AirGo mit seinen ultraleichten, ergonomischen und schmalen Sitzrahmen Fahrt auf, die für bereits vorhandene Flugzeugsitze und Langstreckenflüge in der Economy Class konzipiert worden waren. Dabei war es schon eine Herausforderung an sich, Fluggesellschaften vom Einsatz optimierter Sitze zu überzeugen, schließlich hat die Branche mit strengen rechtlichen Vorgaben und winzigen Gewinnspannen zu kämpfen. Aber nach zahlreichen Tests und Zertifizierungen sollen die Flugzeugsitze des Start-ups bis 2018 in die Massenproduktion gehen und 2019 eingeführt werden. Vergangenes Jahr schließlich wandte sich ein Schiffsbauunternehmen mit der Bitte an AirGo, die Sitze seiner Fähren zu modernisieren.

AirGo Njord ergonomic bus seat
Die Sitze von AirGo sorgen für eine gesündere Sitzhaltung. Mit freundlicher Genehmigung von AirGo.

„Wie sich herausstellte, unterscheiden sich Sitze für Fähren nur unwesentlich von Bussitzen“, verrät AirGo Mitbegründer und CTO Alireza Yaghoubi, ein ehemaliger Maschinenbauer. „Sie unterliegen einem anderen Zertifizierungsverfahren, aber im Grunde genommen handelt es sich um das gleiche Produkt. Wir erhielten zahlreiche Anfragen aus unterschiedlichen Branchen, die wir gar nicht anvisiert hatten, aber dann fanden wir heraus, dass sich praktisch jeder Anbieter ein neues Design wünschte.“

Sitze für öffentliche Verkehrsmittel wurden lange Zeit auf der Grundlage von Diagrammen mit Körpermaßen entwickelt, wobei versucht wird, die Größe und die Proportionen des menschlichen Körpers mit Durchschnittswerten für das 50., 95. und 99. Perzentil zu messen. Im Rahmen seines Designprozesses stützt sich AirGo jedoch nicht auf Durchschnittswerte, sondern auf die 3D-Körperscanning-Technologie – ein einzigartig anwenderorientiertes Verfahren. „Man beschäftigte sich gleichzeitig mit drei Zahlenwerten, aber dadurch wird kein Mensch ausreichend abgebildet“, erläutert Alireza Yaghoubi. „Dafür ist ein ganzes Spektrum nötig, aber aus einer Tabelle lässt sich das nicht ablesen.“

AirGo body scanning
Dieser 3D-Scan zeigt, dass sich der Rücken eines Mannes in stehender Haltung leicht nach hinten wölbt. Mit freundlicher Genehmigung von AirGo.

Ist z. B. eine Armlehne zu niedrig angebracht ist, müssen sich Menschen, die kleiner oder größer sind als der „Durchschnittsmensch“, für den diese Armlehne ursprünglich konzipiert wurde, nach oben oder unten strecken, was bei ihnen zu einer Dehnung des Muskelgewebes zwischen dem Nacken und dem oberen Schulterbereich führt. „Diese Dinge erfährt man nicht aus Grafiken und Tabellen, denn die zeigen uns ja immer nur Zahlen“, bemerkt Alireza Yaghoubi. „Der Scan eines menschlichen Körpers hingegen ist wirklich interaktiv.“

Für die Entwicklung seiner Sitze verwendete AirGo 3D-Scans von etwa zehn Männern und zehn Frauen, die kleiner oder größer sind als der Durchschnitt: bei den Männern waren das 1,65 – 1,91 m, bei den Frauen 1,55 – 1,80 m. Unter Berücksichtigung dieser Bereiche stellte AirGo laut Alireza Yaghoubi drei Standardmodelle (klein, durchschnittlich, groß) für Männer und Frauen her, die als Richtlinien für den Entwurf einer allgemeinen Sitzkontur dienen. Die Kontur wird durch eine Reihe von Knoten (Punkte aus dem Scan) an Körperteilen bestimmt, in denen sich die Menschen normalerweise voneinander unterscheiden – z. B. die Position der Kniescheibe, die Länge des Halses und die Wölbung der Lendenwirbelsäule.

AirGo Njord offers superior lumbar support
Die Wölbung der Rückenlehnen der AirGo Njord-Sitze folgt der Kontur des menschlichen Körpers und stützt die Lendenwirbelsäule besser. Mit freundlicher Genehmigung von AirGo.

„Wir haben herausgefunden, dass sich die Wölbung der Lendenwirbelsäule bei Frauen um zehn Grad ändert, wenn sie von einer sitzenden in eine stehende Position wechseln“, erläutert Alireza Yaghoubi. „Frauen fällt es schwer, ganz aufrecht zu sitzen – die Rückenlehne eines guten Sitzes sollte also nicht vollkommen eben sein. Der männliche Körper hingegen weist eine natürliche Wölbung nach hinten auf, was ein guter Sitz durch eine integrierte Rückwärtsneigung von fünf bis zehn Grad ausgleichen sollte. Heutzutage sind die meisten Sitzlehnen aber aufrecht ausgerichtet, und längst nicht alle verfügen über eine Funktion zum Verstellen der Rückenlehne nach hinten.“

Bei einer Standard-Rückenlehne von AirGo werden diese Erkenntnisse umgesetzt, wodurch 95 Prozent der Reisenden im Alter von 15 bis 65 Jahren bequem auf den entsprechenden Sitzen Platz finden. Allerdings vergrößert sich das Gewicht des Sitzes, wenn die Stabilität zu sehr erhöht wird. Das wiederum führt zu höheren Kosten. Aber dank der 3D-Scanning-Technologie können Menschen mit unterschiedlichen Körpergrößen, Lebensaltern und Geschlechtern bequem nebeneinander sitzen. „Komfort ist eine sehr subjektive Angelegenheit. Das gilt natürlich besonders, wenn man die Demografie der Menschen nicht kennt, die auf den Sitzen Platz nehmen werden“, gibt Alireza Yaghoubi zu bedenken. „Uns Menschen gibt es nun mal in verschiedenen Körpergrößen und Körperformen.“

Ein weiterer Vorteil der AirGo-Sitze ist ihre Selbstreinigungsfunktion. Hier konnte Alireza Yaghoubi auf seine Erfahrung in der Werkstoffkunde und die Erkenntnis zurückgreifen, dass in Flugzeugen keine hellen Farben verwendet werden. „Fluglinien setzen auf grau, dunkelblau, braun und weitere ähnliche Farben“, erklärt er. „Weiße oder sehr helle Materialien werden einfach schneller fleckig.“

Genau deshalb können die Sitze von AirGo mit einer Fluorpolymer-Emulsion auf Wasserbasis besprüht werden, die superamphiphob wirkt. So wird das Material fleckenabweisend und erhält gleichzeitig antimikrobielle Eigenschaften, die auch Lebensmittel, Öl, Bakterien und Gerüche abweisen. Dank dieser Technologie kann AirGo Sitze in zeitgemäßen und leuchtenden Farben anfertigen. Jedes Produkt des Unternehmens – sei es nun für Flugzeuge, Busse oder Fähren – unterscheidet sich zudem durch die verfügbaren Polsterungen.

Laut Alireza Yaghoubi ist es wesentlich einfacher, Sitze für Busse und Fähren auf den Markt zu bringen, als für Fluglinien, weil sich AirGo mit anderen Herstellern von Bussitzen – wie z. B. dem finnischen Unternehmen Khimaira Oy – zusammenschließen kann, deren Fahrzeugrahmen bereits nach branchenüblichem Standard zertifiziert wurden. Er hofft, den Prototypen innerhalb der nächsten 12 Monate einem großen europäischen Bushersteller präsentieren zu können.

Zum Entwurfsprozess des Unternehmens gehört es auch, Prototypen für verschiedene Arten von Polsterungen anzufertigen und die Polsterung zu laminieren, sodass ein osteomorphes Design entsteht. Dabei werden die Sitze mit Schäumen in verschiedenen Dichtegraden ausgestattet, deren geometrische Muster die verschiedenen Druckpunkte des Körpers unterstützen. Wenn sich ein Fahrgast (ganz gleich, welcher Größe oder Statur) hinsetzt, reagiert die Sitzpolsterung auf den unterschiedlich großen Druck, was die Durchblutung verbessert und Taubheitsgefühle verringert.

Die AirGo-Sitze sorgen neben der verbesserten Sitzhaltung und Stützfunktion für den Rücken auch für mehr Beinfreiheit, benötigen dabei aber nicht mehr Fläche als die bisherigen Sitzanordnungen – ein wesentlicher Faktor für Fluglinien, die ihren Gästen mehr Platz bieten möchten. Ein besseres Design kann die Schwachpunkte des bisherigen Ansatzes ausgleichen, bei dem so viele (Flugzeug-)Sitze wie möglich auf einer festgelegten Fläche montiert werden. Zudem könnten sich die Verwendung von leichteren, umweltfreundlicheren Materialien und ein verstärkter Fokus auf den Komfort der Passagiere vorteilhaft auswirken – und zwar auf das Reiseerlebnis der Kunden und das Endergebnis der Verkehrsindustrie.

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