Konvergenz zwischen Planung, Herstellung und Anwendung: Vorteile für Verbraucher und Umwelt

Von Jon Pittman
- 14. Jul 2016 - 6 min-LEKTÜRE

Bis zur Industriellen Revolution wurden Schuhe und Kleidung von Schustern und Schneidern nach Maß handgefertigt: ein Luxus, der allenfalls für die Mittelklasse erschwinglich war. Ärmere Leute hingegen nähten ihre Kleidung in der Regel selbst und besaßen im Laufe ihres Erwachsenenlebens vielleicht zwei oder drei Garnituren, die immer wieder geflickt wurden.

Die zweite Industrielle Revolution brachte Wirtschaftswachstum und einen höheren Lebensstandard durch Massenproduktion und fertigungstechnische Innovationen. Auf einmal konnten sich auch Normalverbraucher – einschließlich Menschen, die nahe an der Armutsgrenze lebten – Waren leisten, die zuvor unerschwinglich waren. Verwirklichen ließ sich diese allgemeine Verfügbarkeit von Produkten in großen Mengen jedoch nur zum Preis einer seelenlosen Massenproduktion. Gemäß dem ihr zugrunde liegenden Prinzip der Skaleneffekte ließen sich Gewinne nur durch die massenhafte Fertigung identischer Artikel erwirtschaften – Einheitsware statt Unikate.

Im 21. Jahrhundert wollen die Verbraucher mehr. Allzweckkonzepte und Großserien kommen zunehmend aus der Mode; billig und schnell hergestellte Produkte, die ihren Wert im Extremfall schon wenige Minuten nach dem Kauf verlieren – man denke beispielsweise an die Spielzeuge, die den Happy Meals von McDonald‘s beiliegen –, entsprechen nicht mehr dem Zeitgeist. Stattdessen nutzen viele Hersteller neue Möglichkeiten, ihre Produkte verstärkt den Kundenwünschen anzupassen, indem sie einerseits auf flexiblere Fertigungsverfahren und andererseits auf Daten zur Verbraucherrezeption zurückgreifen.

Hier kündigt sich also die nächste Revolution an: Produkte, Maschinen, ja selbst Gebäude, die sich selbst verbessern. Lineare Fertigungsabläufe – ein Produkt wird konzipiert, hergestellt und vom Verbraucher genutzt – werden durch eine bessere Alternative abgelöst, nämlich die Konvergenz zwischen Planung, Herstellung und Anwendung. Wenn diese drei Aspekte in eine Beziehung zueinander gebracht werden, erhalten die Verbraucher nicht nur Produkte, die länger halten und eine bessere Kosten/Nutzen-Relation aufweisen, sondern sie haben auch mehr Freude an ihrem Kauferlebnis. Zugleich entsteht dadurch weniger Abfall, den der Planet abbauen muss.

Um echte Konvergenz zu erzielen, müssen die im Folgenden beschriebenen drei Phasen durchlaufen werden. Dabei kommt es insbesondere darauf an, eine Endlosschleife zwischen Planung, Herstellung und Anwendung herzustellen.

1. Feedbackschleife zwischen Anwendung und Planung. Produkte werden zunehmend intelligenter. Mehr und mehr werden sie mit Sensoren ausgestattet; aus vormals unbelebten Objekten werden somit messbare, gewissermaßen sogar „lebendige“ Akteure. Wenn diese vernetzten Geräte so funktionieren, wie sie sollen, produzieren sie Daten, die uns Informationen über ihre praktische Anwendung liefern. Diese Informationen können wiederum genutzt werden, um zukünftige Produkte noch besser und funktionstauglicher zu gestalten.

Entscheidend ist dabei, dass Konstrukteure und Ingenieure die Produkterfahrung aus ganzheitlicher Perspektive berücksichtigen. Allzu häufig liegt der Schwerpunkt immer noch auf der Entwicklung eines Minimum Viable Product (MVP), das vor allem „minimal“ und erst an zweiter Stelle „viable“, also brauchbar, ist. Dabei stehen einzelne Funktionen im Vordergrund. Wenn Konstrukteure und Ingenieure sich jedoch nicht mit der Frage befassen, wie nützlich diese Funktionen aus Kundensicht sind und welchen Beitrag sie zur Kundenerfahrung leisten, kann es passieren, dass langfristig der Produkterfolg ausbleibt.

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Die Feedbackschleife zwischen Anwendung und Planung

Denn ob sich ein Produkt auf Dauer am Markt etablieren kann oder nicht, ist nicht nur eine Frage des Preises, sondern auch eine Frage des Zeitaufwands. Ein Produkt, dessen Installation und praktische Anwendung erst nach stundenlangem haareraufenden Brüten über einem Bedienerhandbuch und mehrmaligen Telefonaten mit dem technischen Support reibungslos (oder auch nicht) funktioniert, lässt sich nur mit viel gutem Willen als „brauchbar“ bezeichnen.

Es gibt durchaus Beispiele für erfolgreiche MVPs: die Ring Video Doorbell etwa, ein ferngesteuerter Türöffner, der übers Smartphone funktioniert und dem Anwender beispielsweise im Urlaub zusätzliche Sicherheit verschafft. Die Installation ist kinderleicht und dauert gerade mal 15 Minuten.

2. Konvergenzschleife zwischen Herstellung und Planung. Im nächsten Schritt erfolgt durch schnelleres Feedback eine engere und effizientere Abstimmung zwischen Fertigung und Planung. So könnte ein Fahrradhersteller, der momentan 50.000 Räder produziert, ohne zwischendurch Feedback von Anwendern einzuholen, auf eine flexiblere Fertigung umstellen: Kleinserien von 1.000 Rädern, die mit Sensoren ausgestattet werden, sodass der Hersteller Informationen über ihre Nutzung erhält. Anhand dieser Daten könnten die Techniker dann eventuell erforderliche Nachbesserungen vornehmen. Konkret würde dies zum Beispiel bedeuten, dass man mit Hilfe von Sensoren testen könnte, ob die Mehrzahl der Radfahrer Felgen- oder Scheibenbremsen bevorzugt. Entsprechend würde ständiges Feedback von unterschiedlichen Sensoren dem Hersteller ermöglichen, sein in kleineren Stückzahlen gefertigtes Produkt regelmäßig und zeitnah den sich wandelnden Kundenbedürfnissen anzupassen.

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Die Konvergenzschleife zwischen Herstellung und Planung

3. Konvergenzschleife zwischen Planung, Herstellung und Anwendung. Das ist das eigentliche Ziel: eine ständige Feedbackschleife zwischen Planung, Herstellung und Anwendung, die dafür sorgt, dass vernetzte Geräte auf Kundenbedürfnisse reagieren und entsprechende Nachbesserungen vornehmen. Dadurch verlängert sich nicht nur die Lebensdauer der Produkte bei gleichzeitiger Verbesserung der Kundenerfahrung, sondern es fällt auch weniger Abfall an.

Tesla Motors ist der Konkurrenz in dieser Hinsicht weit voraus – sozusagen der Usain Bolt unter den Konvergenz-Athleten –, aber selbst dort lief keineswegs immer alles rund. 2013 kam es bekanntlich zu mehreren Fahrzeugbränden durch beschädigte Batterien, an denen sich eine Debatte über die Sicherheit von Elektrowagen entzündete. Tesla stellte den Besitzern seiner Autos daraufhin über Mobilfunk Software-Updates zur Erhöhung des Bodenabstands bei höheren Fahrgeschwindigkeiten zur Verfügung.

Um ein Beispiel für eine Konvergenz zwischen Planung, Herstellung und Anwendung zu nennen, mit dem viele Leser vertraut sein dürften: das iPhone von Apple. Die Elektronik ist bei allen Geräten eines Modells identisch. Die Anwender individualisieren ihre Geräte jedoch sehr schnell, indem sie unterschiedliche Software installieren, Apps und Musik herunterladen, eigene Kontakte und Fotos speichern usw.

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Die Konvergenzschleife zwischen Planung, Herstellung und Anwendung

Ähnliches gilt für die Gebäudeverwaltung. So lassen sich etwa durch Installation einer Gebäudeleittechnik zur computerbasierten Überwachung und Steuerung der Klimaanlage und Beleuchtung erhebliche Verbesserungen der Energieeffizienz erzielen. Ein Mitglied der Geschäftsführung bei Autodesk installierte Sensoren in seinem Haus, um dem hohen Energieverbrauch auf die Spur zu kommen, und fand heraus, dass das Problem durch einen fehlerhaften Schaltkreis verursacht wurde.

Je mehr Unternehmen die oben beschriebenen Konvergenzschleifen in ihre Entwicklungs- und Fertigungsprozesse integrieren, desto mehr Produkte und Geräte werden über eingebaute Software auf Echtzeit-Feedback aus Anwendungs- und Umweltdaten reagieren und entsprechende Nachbesserungen vornehmen können. Soweit zum gegenwärtigen Stand. In welche Richtung wird die zukünftige Entwicklung gehen?

Der logische nächste Schritt besteht in der Entwicklung von Produkten, die durch Veränderung ihrer physischen Form auf Feedback aus dem Zusammenspiel zwischen Planung, Herstellung und Anwendung reagieren können. Denken Sie beispielsweise an die Querruder eines Flugzeugs, die beweglichen Klappen an den Hinterkanten der Tragflächen, die die Flugsteuerung um die Längsachse unterstützen. Sie sind dem Vogelflug nachempfunden. In Wirklichkeit steuern Vögel jedoch mit dem ganzen Körper. Wäre es entsprechend denkbar, dass Flugzeuge zum Wenden ihre Rumpf- und Flügelstellung verändern könnten? Das ist keineswegs so abwegig, wie es klingen mag. Momentan dreht sich zwar noch alles um Software und Datenträger. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis vermeintlich leblose Objekte in der Lage sein werden, aus eigenem Antrieb auf äußere Bedingungen zu reagieren, indem sie beispielsweise ihre Form verändern.

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