Mit kinetischer Architektur verwandelt Tait Towers einen Nachtclub in Las Vegas in ein Gesamtkunstwerk

Von Matt Alderton
- 25. Jun 2015 - 5 min-LEKTÜRE
Micke Tong

Zwei Uhr morgens in Las Vegas. Eigentlich sollte man längst im Bett sein. Aber im Gedränge des Omnia Nightclub, der im März 2015 auf einer Fläche von knapp 7.000 Quadratmetern im Caesars Palace eröffnet wurde, haben die Gesetze der Alltagswelt keine Gültigkeit. Omnia leitet sich von dem lateinischen Wort für „alles“ ab, und der Club hält, was sein Name verspricht. In der Tat bietet dieser neue Ableger der Hakkasan Group, die ein globales Nachtclub- und Restaurant-Imperium betreibt, seinen Gästen „alles“.

Kein Wunder, dass Justin Bieber hier seinen 21. Geburtstag feierte. Selbst in einer Nacht, in der das Publikum statt aus Popstars und ihrem Gefolge im wesentlichen aus Geschäftsreisenden und allerlei ausgelassenem Partyvolk – hier ein Junggesellinnenabschied, dort eine Gruppe von Collegestudenten auf der Suche nach Abenteuern – besteht, schaut man sich unwillkürlich nach den obligatorischen Paparazzi um. Denn in diesem Club scheint alles möglich: ein magischer Ort, wo Frösche zu Prinzen und Aschenbrödel zu Prinzessinnen werden.

Und beim nächsten Song fällt endlich der Groschen.

„I’m gonna swing from the chandelier, from the chandelieeeeer“, säuselt die australische  Sängerin Sia, deren schmachtende Stimme, unterlegt mit dröhnendem Bass, durch den Club hallt.

Dort oben, hoch über den Köpfen der tosenden, zuckenden Menschenmasse, hängt er in seiner ganzen Pracht: der Kronleuchter..

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Mit freundlicher Genehmigung von Tait Towers und Rukes.com

Vier Etagen über der Tanzfläche, die er in regenbogenfarbene Lichtschwälle taucht, schmiegt er sich in ein über 20 Meter hohes Deckengewölbe ein. Der Leuchter besteht aus acht konzentrischen Ringen, die mit multimedialer Elektronik – Videoprojektionen, theatralischen Lichteffekten, LED-Projektionsflächen – verkabelt sind. Wie Zirkusakrobaten bewegen sich die Ringe – aufwärts, abwärts, neigen sich und kippen seitwärts – im Takt der Musik und der Lichteffekte. Omnias Prunkstück.

„Dieser Kronleuchter fährt nicht nur rauf und runter und schüttet ein pulsierendes Licht aus, urplötzlich bricht er aus seiner normalen Umlaufbahn aus und wird zur schlingernden Achterbahn – das haut die Leute total um“, so Tyler Kicera, der bei Tait Towers, wo der Leuchter entworfen und gebaut wurde, für die Geschäftsentwicklung zuständig ist. „Das bereichert echt das Erlebnis im Club, weil quasi für Abwechslung sorgt. Man ist nicht bloß die ganze Nacht lang in die gleiche Umgebung versunken, sondern der Leuchter verändert sich ständig, und dadurch verändert sich gleichzeitig die Energie im Raum.“

Innovation durch Kooperation

Seit der Firmengründung im Jahr 1978 spezialisiert sich Tait Towers auf die Gestaltung und den Bau von Bühnenausstattung für Live -Events, unter anderem für Konzerte und Clubs. Der Omnia-Leuchter entstand aus einer Kooperation mit Willie Williams, der sich mit aufsehenerregenden Bühnendesigns für Künstler wie U2, David Bowie, R.E.M., The Rolling Stones und George Michael einen Namen gemacht hat..

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Mit freundlicher Genehmigung von Tait Towers und Rukes.com

„Willie beschäftigte sich damals mit verschiedenen Effekten, die man mit Videoprojektionen an der Decke erzielen kann, und er bot uns eine Zusammenarbeit an“, erzählt Tait-Chef Adam Davis. „Letztlich machten wir eine Menge Experimente mit Autodesk-Software, um herauszufinden, wie sich in diesem Raum am effizientesten etwas wirklich Dramatisches umsetzen ließ. Wir haben bestimmt 25 verschiedene Versionen durchprobiert, bevor wir mit  dem Ergebnis zufrieden waren.“

Williams kam auf die Idee, einen dynamischen Leuchter aus konzentrischen Ringen zu bauen, und stellte dem Team von Tait seine 2D-Zeichnungen zur Verfügung. Mit Hilfe von Autodesk AutoCAD und Autodesk 3ds Max wurden dann 3D-Modelle erstellt, um zu prüfen, ob und wie sich seine Vision verwirklichen lassen würde.

„Wir konnten das Konzept sehr, sehr schnell entwickeln und uns eine konkrete Vorstellung davon machen, wie die Struktur des Leuchters aussehen und funktionieren könnte“, berichtet Kicera. „AutoCAD leistete uns hier eine entscheidende Hilfestellung, denn wir waren dadurch nicht in eingefahrenen Denkmustern befangen – was es, glaube ich, sehr schwierig gemacht hätte, das Konzept mit einem derart rasanten Tempo weiterzuentwickeln.“

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Mit freundlicher Genehmigung von Tait Towers und Rukes.com

Mit 3ds Max wurden Simulationen unter Berücksichtigung der physikalischen Gesetze entwickelt, um sicherzustellen, dass die Ringe nicht miteinander kollidieren.

„3ds Max trug entscheidend dazu bei, dass wir verstehen konnten, wie sich dieser Leuchter in der Realität verhalten würde“, so Kicera weiter.

Von der Konzeption bis zur Auftragserteilung dauerte die Entwicklung des Leuchters 22.000 Stunden – das entspricht 2,5 Jahren. Tait stellte ihn innerhalb von etwa einem Jahr fertig. „Gemessen an anderen Architekturprojekten ging es also ziemlich schnell“, so Kicera. „Aber aus der Unterhaltungsbranche sind wir an knappe Lieferfristen gewöhnt.“

Lebendiges Design

„Schnell“ ist allerdings nicht gleich „einfach“. Der fertige Leuchter – die weltweit größte Dauerinstallation dieser Art in einem Nachtclub – wiegt knapp 6.000 kg und besteht aus 20.152 einzelnen dreifarbigen LED-Pixeln, Kabeln mit einer Gesamtlänge von 750 Metern – das entspricht der Länge von 2,3 Kreuzfahrtschiffen – und 357 Kristallen , die von den drei mittleren Ringen herabhängen. „Einfach“ sieht anders aus – erst recht, wenn man die ungeheure Ausstrahlungskraft des kinetischen Kronleuchters bedenkt.

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Mit freundlicher Genehmigung von Tait Towers und Rukes.com

„Das Endergebnis ist ein Hingucker im buchstäblichen Sinn – man kann einfach nicht wegschauen“, meint Davis. „Wir können sehr schnell die ganze Decke nach unten fahren und sie knapp über den Köpfen des Publikums anhalten, sodass eine sehr intime Atmosphäre entsteht, wir können aber auch genau das Gegenteil machen und dafür sorgen, dass die ganze Decke abhebt – dadurch wird unten auf der Tanzfläche eine enorme Energie entfesselt.“

Das System basiert auf einer patentgeschützten Steuerungssoftware, die die Bewegungen, Lichteffekte und LED-Video-Inhalte des Leuchters mit Hilfe von Video-Modellierung in ihrer ganzen Komplexität choreographiert und koordiniert und dabei zugleich die Sicherheit der Installation gewährleistet.

„Kinetische Architektur nimmt ein statisches Objekt und versetzt es in Bewegung. Dadurch lassen sich einzigartige Möglichkeiten schaffen, einen Raum oder Ort völlig anders zu erfahren und die Menschen – so hoffen wir zumindest – auf positive Weise zu berühren. Gewohnte Raster werden durchbrochen, und es entstehen Momente der Entdeckung und Bewusstwerdung“, erläutert Kicera. „Hier entsteht gerade ein neuer Markt mit echten Chancen, und dieses Projekt ist ein erster Schritt dazu, den Menschen zu zeigen, was sich mit kinetischer Architektur erreichen lässt.

Matt Alderton lebt und arbeitet in Chicago als freischaffender Publizist. Er hat sich auf Wirtschaftsthemen, Design, Ernährung, Reisen und Technologie spezialisiert. Unter anderem hat der Absolvent der  Medill School of Journalism an der Northwestern University in Illinois bereits über Beanies, Mega-Brücken, Roboter und Hähnchen-Sandwiches berichtet. Er ist über seine Website MattAlderton.com zu erreichen.

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