Expertentipps für eine bessere Work-Life-Balance im Bauingenieurwesen

Von Angus W. Stocking, L.S.
- 22. Dez 2015 - 5 min-LEKTÜRE
Micke Tong

„Ich habe jahrelang bis zur Erschöpfung gearbeitet, um meine Produktivität und meine Umsätze zu erhöhen“, sagt der Ingenieur Scott Reed. „Ich war erfolgreich, aber ich hatte mir einen ungesunden Lebensstil angeeignet. Das änderte sich erst, als ich die bewusste Entscheidung traf, mein Leben ausgewogener zu gestalten.“

Reed, inzwischen Vice President bei CORE Consultants in Denver/Colorado, ist die Verkörperung eines ehrgeizigen, erfolgreichen jungen Geschäftsmanns. „Ich fing mit 25 im Bauingenieurwesen an und ich stieg viel schneller auf als meine Kollegen”, berichtet er. „Mit 34 war ich Führungskraft bei meiner damaligen Firma und brachte es bis zum Vice President. Aber im Nachhinein betrachtet, hätte ich ein ausgewogeneres Leben führen und dennoch das Gleiche erreichen können.“

Reed gibt hier einige Ratschläge in Sachen Karriere für Bauingenieure und erklärt, wie er es geschafft hat, ein produktiveres und erfüllteres Leben zu führen – sowohl beruflich als auch persönlich.

Von vorne anfangen

Der erste Schritt zu einer besseren Work-Life-Balance war für Reed der Wechsel zu einer neuen Firma. Einer Firma, die auch sein Privatleben wertschätzt. „Als ich in der Branche anfing, war sie noch sehr von Werten wie Dienstalter, langjährigen Karrieren und automatischem Aufstieg nach entsprechend langer Firmenzugehörigkeit geprägt”, erklärt er. „Aber in den letzten fünf Jahren habe ich beobachtet, dass Unternehmen weniger Wert auf das Dienstalter als vielmehr auf Innovation und Ergebnisse legen. Obwohl dies die bessere Geschäftsstrategie ist, kommt es manchmal vor, dass ältere Führungskräfte Innovationen bremsen. Das machte mir klar, wie sehr mich die Mentalität der alten Garde frustrierte.”

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Also wechselte er zu einem Start-up: CORE Consultants wurde im Januar 2014 von relativ jungen Ingenieuren und Beratern gegründet. „Die meisten von uns sind Anfang bis Mitte 30, unsere Direktoren Mitte 40 – alle mit Erfahrungshintergrund in größeren Unternehmen“, erklärt Reed. „Aufgrund dieser Erfahrungen ist uns eine gute Work-Life-Balance sehr wichtig. Natürlich arbeiten wir immer noch hart, aber wir haben eine Kultur geschaffen, in der Mitarbeiter sich nicht ausschließlich der Firma verschreiben müssen.“

Die Leitwerte für Work-Life-Balance bei CORE sind:

Aufbau von Teams aus Gleichgesinnten. „Wir sind stolz auf die Menschen, die wir einstellen“, sagt Reed. „Wir sorgen dafür, dass unsere neuen Teammitglieder nicht nur hoch qualifiziert und erfahren sind, sondern dass sie auch in unsere Kultur passen und von sich aus unsere Einstellung dazu teilen, wie wir arbeiten und unsere Kunden betreuen: mit einem hohen Maß an Eigenverantwortlichkeit.“

Förderung flexibler Arbeitszeiten und Arbeitsplätze. „Wir möchten, dass jeder seine Arbeit erledigen und sich um sein Privatleben kümmern kann“, betont Reed. „Flexible Arbeitszeiten sind da eine große Hilfe. Wenn zum Beispiel ein großes Projekt kurz vor der Übergabe steht, wissen wir, dass uns ein paar lange Tage bevorstehen – gelegentliche Großeinsätze sind überall nötig. Aber in ruhigeren Phasen kann ein Planer dafür auch mal früher Schluss machen oder sich ganz frei nehmen.“

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CORE steht auch Fernarbeit offen gegenüber, und bis jetzt funktioniert die Strategie. „Es ist ganz einfach“, sagt Reed. „Wenn man außerhalb des Büros produktiv sein kann, ist es kein Problem, seinen Job auch an weniger konventionellen Orten auszuführen. Wenn man seinen Mitarbeitern Flexibilität gibt und sie eigenverantwortlich sind, sind sie zufriedener und noch produktiver.“

Vermeidung verteilter Teams. „Bei meiner früheren Firma versuchten wir, Teams mit Mitarbeitern in verschiedenen Niederlassungen zu managen. Um ehrlich zu sein – ich habe es gehasst“, erzählt Reed. „Es war sehr unwirtschaftlich, und im heutigen Geschäftsklima muss man immer auf höchstem Niveau produzieren.”

Zudem hat die veraltete Auffassung, dass die Firma immer Vorrang hat, bei Reed Skepsis gegenüber traditionellen Wachstumsmodellen aufkommen lassen, bei denen große Firmen kleinere aufkaufen und in ihre Kultur zu integrieren versuchen. „Ob es uns nun gefällt oder nicht, jede Firma hat ihre eigene Arbeitsweise“, sagt er. „Erfolgreiche Akquisitionen sind durchaus möglich, aber Kulturen und Arbeitsabläufe zusammenzuführen, dauert lange und ist eine große Herausforderung.“ Häufig führt es auch dazu, dass Spitzenkräfte im wahrsten Sinne des Wortes „auf der Straße landen“. Reed hat es selbst erlebt. Direkt nach der Geburt seines Sohnes musste er acht Monate lang alle zwei Wochen von Denver nach Orange County in Kalifornien pendeln. Ein Jahr später wurde er nochmals für sechs Monate nach Kalifornien versetzt.

Das CORE-Team glaubt, dass es wesentlich effizienter ist, Leistungen mit minimalem Reiseaufwand von einem Home-Office aus zu erbringen. „Dies widerspricht aktuellen Trends, aber ich denke, wir werden es zukünftig noch öfter sehen“, sagt Reed.

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Men­to­ring in Sachen Zeitmanagement

Um eine bessere Work-Life-Balance zu erlangen, brauchte Reed mehr als einen Stellenwechsel, also suchte er sich Hilfe von außen. „In meinem Fall war Hilfe von außerhalb meines Alltags notwendig, um mehr Ausgewogenheit in mein Leben zu bringen“, erzählt er. „Ich fand einen Berater mit Erfahrung in Stressbewältigung und das hat mir unglaublich viel gebracht.“

Unter Anleitung lernte Reed, dass er gerne Aufgaben auf seiner wachsenden To-do-Liste abhakt, sich aber nie genug Zeit nahm, seine Arbeit zu planen. „Es ist nicht einfach, aber es ist viel wichtiger, Zeit in Planung zu investieren als in eine bestimmte Aufgabe.“ Jetzt arbeitet er die Planung ebenso in seine Woche ein wie jede andere Aufgabe – er terminiert sie.

Und – funktioniert das? „Nun, noch vor ein paar Jahren bin ich jeden Morgen um 4.00 Uhr aufgestanden, habe eine Stunde von zu Hause gearbeitet, danach etwa 10 Stunden im Büro und habe dann mein Laptop mit nach Hause genommen, um mehr Arbeit zu erledigen“, sagt Reed. „Und ich nahm sie sogar mit in den Urlaub. Ich stehe auch jetzt noch früh auf, aber statt gleich zu arbeiten, verbringe ich Zeit mit meinem Sohn Jackson. Ich bringe ihn zur Vorschule und kann ihn auch manchmal abholen. Und ich bringe mein Laptop nicht mehr nach Hause, es sei denn, mein Tag endet mit einem Außentermin. Das ist besser.“

Früher empfand Reed Technologie als eine Fessel. Obwohl sie zur Erhöhung der Produktivität beiträgt und ihm ermöglichte, jederzeit und von überall zu arbeiten, brachte sie seine Work-Life-Balance in Schieflage. Aber mit den geeigneten Arbeitsabläufen und mithilfe von Werkzeugen wie Autodesk Vault und AutoCAD Civil 3D kann er die Technologie nun für sich arbeiten lassen – und das bedeutet mehr persönlichen Freiraum.

Dank seiner besseren Work-Life-Balance konnte Reeds Frau Kristen wiederum mehr Verantwortung in ihrer Tätigkeit übernehmen. „Wir sind immer noch ein gutes Beispiel für ein ehrgeiziges junges Paar, dem die Karriere sehr wichtig ist“, sagt er. „Für mich bedeutet mehr Ausgewogenheit nicht weniger Produktivität oder Ehrgeiz, aber ich bin jetzt glücklicher, meine Frau ist glücklicher, und ich habe viel mehr Zeit für meine Familie.“

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