4 Expertentipps für eine erfüllte Karriere im Ingenieurwesen

Von Amy Bunszel
- 25. Feb 2016 - 6 min-LEKTÜRE

Ein geradliniger Weg führt nicht zwangsläufig zum Traumjob. So war es bei mir und meiner Karriere als Ingenieurin jedenfalls nicht.

In der Schule war ich gut in Mathe und Naturwissenschaften, und ich hatte einen tollen Beratungslehrer, der mich in dieser Richtung anspornte. Im College zog es mich zu den mathematischen Methoden der Elektrotechnik hin und ich entwickelte hervorragende Fähigkeiten im Lösen von Problemstellungen. Nach Abschluss meines Studiums der Elektrotechnik arbeitete ich als Entwicklungsingenieurin für Mikrowellentechnik bei General Electric (GE), an Raumfahrtprojekten wie Radarsystemen und Lenkflugkörpern.

In den ersten Jahren meiner Karriere habe ich sehr viel herumexperimentiert, um herauszufinden, bei welchen Aufgaben und in welchen Unternehmen ich mich am wohlsten fühle. Ich wechselte ungefähr alle zwei Jahre den Job und habe alles Mögliche gemacht – von Simulation und Planung bis hin zu CAD-Softwareadministration und -Schulung.

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Dann gründete ich eine Firma namens Linius Technologies, bei der ich zugleich Anwendungstechnikerin, Produktmanagerin, Testerin, Produktdesignerin, Website-Entwicklerin und Publizistin war. Dort fand ich heraus, was mir Spaß machte, was mir keinen Spaß machte, und worin ich gut war. Das führte mich schließlich zu meiner Lieblingstätigkeit: dem Produktmanagement.

2003 übernahm Autodesk Linius. So konnte ich meine Fähigkeiten im Produktmanagement perfektionieren, statt mich auf 12 Jobs zu verteilen. Jetzt führe ich ein funktionsübergreifendes, weltweites Softwareentwicklerteam mit 700 Mitarbeitern. Es bedurfte einiger Selbstreflexion, um dahin zu gelangen, wo ich jetzt bin. Für eine erfolgreiche Karriere im Ingenieurwesen empfehle ich aufgrund meiner Erfahrungen vier Dinge:

1. Experimentieren Sie viel. Lassen Sie Ihren Job nicht zur Routine werden und werden Sie nicht zu selbstzufrieden. Wenn sich eine Gelegenheit bietet zu einer Aufgabe, die Ihre Fähigkeiten übersteigt, greifen Sie zu. Sie könnten beispielsweise Ihren Vorgesetzten fragen: „Ich möchte gerne herausfinden, ob ich eines Tages eine Führungsrolle übernehmen will. Hätten Sie eine Aufgabe für mich, die Sie entlasten würde und mir ermöglicht, Praxisluft zu schnuppern?“

Sie könnten mit Kollegen eine Budgetüberprüfung durchführen, den Einstellungsprozess für eine neue Position vorantreiben oder eine Aufgabe in einem Ausschuss übernehmen. So gewinnen Sie einen Einblick in einige der weniger technischen Rollen, die für den Arbeitsprozess wichtig sind, um herauszufinden, ob sie gut zu Ihnen passen.

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Am Besten pflegen Sie ein offenes Verhältnis zu Ihrem Vorgesetzten und kommunizieren klar Ihre Vorstellungen für die Zukunft – Vorgesetzte sind nicht besonders gut im Gedankenlesen. Haben Sie schon einmal gesagt, dass Sie gerne eine bestimmte Fähigkeit erwerben möchten? Vielleicht wären Sie gerne im Marketing tätig, arbeiten aber im Produktmanagement. Wenn dem so ist, sollten Sie sich das eingestehen und versuchen, das mit der Hilfe Ihres Vorgesetzten zu verändern.

Wenn das Experimentieren Sie zu einer anderen Firma führt, ist das völlig in Ordnung. Ich würde Sie ermutigen, darüber nachzudenken, was Sie in Ihrem Job lernen und ob Ihnen dies in Ihrem nächsten Job – oder dem, den Sie in 10 Jahren haben wollen – helfen wird. Wenn Sie ein gutes Verhältnis zu Ihrem Vorgesetzten haben, kann er (oder sie) Ihnen helfen, erst einmal herauszufinden, ob es eine geeignete Stelle innerhalb Ihrer Firma gibt.

2. Wachsen Sie über eine abweisende Arbeitskultur hinaus. Fast 40 Prozent der Frauen mit einem abgeschlossenen Ingenieurstudium wechseln den Beruf oder nehmen eine Tätigkeit erst gar nicht auf – sei es aufgrund der herrschenden Arbeitskultur, aus mangelndem Selbstvertrauen oder wegen anderer Faktoren.

Ein guter Studienfreund sagte einmal zu mir: „Ich verstehe nicht, warum du so hart arbeitest. Du hörst doch sowieso mit dem Arbeiten auf, wenn du mal Kinder hast.“ Nun, dem habe ich es gezeigt! Aber meistens habe ich diese voreingenommenen Bemerkungen erst gar nicht wahrgenommen. Ich war immer mit großer Leidenschaft bei der Sache und habe mich einfach durchgesetzt.

Aber dennoch können bestimmte Umgebungen auf manche abweisend wirken. Ältere, eingespielte Teams stehen neuen Kollegen oft nicht sehr offen gegenüber. Oder, wenn ein Produkt ein besonders hohes Maß an Fachkenntnis verlangt, kann der erforderliche Lernaufwand einem Ingenieur, der neu im Bereich ist, ganz schön zusetzen.

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Wenn Sie auf eine abweisende Situation oder eine unnahbare Person treffen, suchen Sie den Kontakt außerhalb des Tagesgeschäfts, wie zum Beispiel beim Mittagessen oder einem sogenannten Geschäftsspaziergang (Walking Meeting). Und vermeiden Sie in sozialen Situationen potenziell ausgrenzende Themen, wie Kinder oder Sport. Ich schneide oft Dinge an wie Reisen oder Essen, dann kann sich jeder in der Gruppe am Gespräch beteiligen.

Arbeiten Sie außerdem an Ihrem Selbstvertrauen. Häufig hatten Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, stärkere Selbstzweifel, als ich es bei Männern erlebt habe. Wenn Sie sich nicht sicher sind, wo Sie stehen, tauschen Sie sich nach einem Meeting mit jemandem aus der Gruppe aus, um ein zeitnahes Feedack zu erhalten. Dies kann Ihnen das nötige Selbstvertrauen geben, um sich Ihrer eigenen Kompetenz bewusst zu werden.

3. Bringen Sie Ihre Kollegen an Bord. Als Produktmanagerin war ich im Auge des Sturms, weil ich an der Entwicklung der Produktstrategie arbeitete und gleichzeitig als Schnittstelle zwischen dem Kunden, dem Vertriebsteam und der Entwicklungseinheit fungierte. Ich musste sowohl die Kundenwünsche für das Entwicklungsteam übersetzen, damit dieses das Problem verstand, das es zu lösen suchte, als auch dem Vertriebsteam adäquates Feedback geben, damit dieses die Nutzen an den Kunden kommunizieren konnte. Ich war superbeschäftigt und hatte superviel Spaß, aber es war auch ein sehr fordernder Job, da keine der beteiligten Personen direkt für mich arbeitete. Diese ins Boot zu holen, war die größte Herausforderung.

Gute, vertrauensvolle Beziehungen haben mir in meiner Karriere immer sehr geholfen. Es ist besonders wichtig, die Einschränkungen, mit denen sich Ihre Kollegen konfrontiert sehen, zu verstehen. In Ihrem Unternehmen ist sicher eine ganze Menge los und das kann dazu führen, dass unterschiedliche Menschen unterschiedliche Prioritäten setzen, die möglicherweise miteinander in Konkurrenz stehen. Dann ist es hilfreich, wenn man diese offen ansprechen kann.

Sie könnten beispielsweise sagen: „Mein wichtigstes Ziel ist blaues Wasser“, und Ihr Kollege sagt: „Aber mein wichtigstes Ziel ist grünes Wasser.“ Dieses einfache Beispiel macht deutlich, warum es bei den meisten Aufgaben so schwierig ist, Konflikte zu vermeiden.

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4. Überlegen Sie sich genau, was Sie wirklich wollen. Manche Menschen wollen in ihrer Karriere zu schnell vorankommen. Sie können wahrscheinlich woanders einen neuen Job mit einer besser klingenden Bezeichnung bekommen, aber es gibt eine Menge unbekannter Faktoren, die es zu beachten gilt. Sie müssen solche Veränderungen bewusst angehen. Allein die Zeit, die Sie in einer gewissen Position beschäftigt waren, ist noch kein Indikator dafür, ob Sie für einen Wechsel bereit sind. Sie müssen sich die Frage stellen: „Bin ich bereit für die nächste Position? Wo werde ich im Vergleich zu meinen neuen Kollegen stehen? Habe ich die notwendigen Kompetenzen erworben, um erfolgreich zu sein?“

Anstatt eine Gehaltserhöhung und eine Beförderung zu fordern, sollten Ingenieure um mehr Spielraum bitten. Mit anderen Worten: „Ich habe die Kapazität, weitere Probleme für Sie zu lösen. Was könnte ich sonst noch tun?“ Es ist viel konstruktiver, ein Gespräch über Spielraum zu führen und erst danach über eine angemessene Entlohnung zu sprechen. Schließlich tragen Ihre Stellenbezeichnung und die Entlohnung nur einen kleinen Teil zu einer erfüllenden Karriere im Ingenieurwesen bei. Das Wichtigste ist, wie Sie sich fühlen, wenn Sie morgens in Ihr Büro kommen.

Amy Bunszel, Vice President of Digital Engineering Products bei Autodesk, ist verantwortlich für Softwareentwicklung, Produktmanagement und User Experience (UX, Nutzererlebnis) von Produkten für diverse Branchen: Herstellungsindustrie, Automobil, Architektur, Ingenieurwesen und Bauindustrie. Ihr Team von weltweit über 700 Mitarbeitern erzielt mehr als 1 Milliarde US-Dollar (ca. 890 Millionen Euro) des Umsatzes von Autodesk und liefert über 10 Millionen Nutzern weltweit plattformübergreifende Windows, MAC, Web, iOS und Android-Produkte wie AutoCAD, Inventor, Alias und VRED.

Amy Bunszel hat einen Bachelor of Science in Elektrotechnik von der Cornell University und einen Master of Science in Elektrotechnik von der University of Massachusetts in Amherst. Sie ist Mitglied des President’s Council for Cornell Women, der sich für den Erfolg von Frauen an der Cornell University und darüber hinaus einsetzt.

 

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