Vergessen Sie das Internet der Dinge für Verbraucher: Wirklich wichtig ist der Industriebereich

Von Jon Pittman
- 20. Jul 2016 - 6 min-LEKTÜRE

Von dem Verlegermilliardär Malcolm Forbes ist die Aussage überliefert: „Wer mit den meisten Spielzeugen stirbt, hat gewonnen.“ Bei seinem eigenen Tod besaß Forbes ausgesprochen viele Spielzeuge. Heute, im Jahr 2016, würden ihm jedoch nicht alle Verbraucher zustimmen, jedenfalls nicht in Bezug auf vernetzte Geräte.

Die Hersteller setzen darauf, dass Verbraucher gar nicht abwarten können, die neuesten IoT-Geräte zu kaufen. Ein Bericht von Accenture aus dem Jahr 2016 zeichnet ein ganz anderes Bild: Viele Verbraucher zögern mit der Anschaffung zusätzlicher Geräte. Dabei stellen Preis und Sicherheit keineswegs die einzigen Hürden dar.

Aber es gibt auch gute Nachrichten: Laut einer Prognose des McKinsey Global Institute wird das IoT bis 2025 weltweit einen wirtschaftlichen Mehrwert von bis zu 11 Billionen Dollar schaffen; ein großer Teil davon soll auf geschäftliche und industrielle Anwendungen entfallen. Laut McKinsey liegt das wahre Potenzial im industriellen Internet der Dinge (IIoT).

Ich sehe das genauso. Allerdings würde ich einschränkend hinzufügen, dass das IoT noch relativ unreif ist und über den unausgewogenen Ansatz sogenannter Minimum Viable Products (vermarktbare Produkte mit minimalem Aufwand) hinausgehen muss, auf dem ein großer Teil der bisherigen Entwicklung beim IoT basiert.

Ich weiß das aus eigener Erfahrung: Ich habe mein Haus mit 150 vernetzten Geräten, 18 unterschiedlichen Systemen, fünf verschiedenen Netzwerken, einer geduldigen Frau und sogar einem geduldigen Hund (der vor dem schrillen Rauchalarm von Nest Protect nach draußen in den Regen flüchtete) zu einem IoT-Testfeld gemacht. Vor kurzem habe ich über meine Erfahrungen mit dem Verbraucher-IoT und einige der Probleme berichtet, die mir dabei begegneten. Eines der Probleme betraf ein Gerät für IoT-Sicherheit, das meine Hardware vor Malware schützen sollte. Leider war es schon mit der relativ geringen Anzahl von Geräten in meinem Netzwerk überfordert, und selbst nach meinen Bemühungen zur Fehlerbehebung versagte es in einem recht anspruchslosen und einfachen System.

Vor diesem Hintergrund muss man sich vorstellen, was bei der Hochskalierung etwa für ein Kühlungsleitsystem in einem Rechenzentrum passieren würde, für das Hunderte oder gar Tausende Umweltsensoren und Stellantriebe in der gesamten Anlage benötigt werden. Bei Industrieanwendungen wäre es nicht akzeptabel, wenn man mit all diesen Geräten und den Verbindungen zwischen ihnen herumprobieren und Einstellungen vornehmen müsste. Sie müssen einfach funktionieren.

Aus diesem Grund sollten die aktuellen Erfahrungen mit dem Verbraucher-IoT bei der Entwicklung von geschäftlichen und industriellen IoT-Systemen unbedingt berücksichtigt werden.

1. Ein klares Wertversprechen. Im Bereich Verbraucher-IoT gibt es zahlreiche Anwendungen, die zwar interessant, aber überflüssig sind. Sie zeigen, was die Technologie leisten kann, sprechen aber keine echten Bedürfnisse der Nutzer an. Ausnahmen gibt es bei Sicherheit, Energiesparen und Gesundheit. Selbst hier aber müssen die Vorteile die Kosten deutlich überwiegen, einschließlich des für Installation, Wartung und Neustarts erforderlichen Aufwands an Zeit und Geduld.

IIoT
Brandon Au

Hier besteht eine Chance, beim IIoT auf den Stärken im Verbraucherbereich aufzubauen und von den Schwächen zu lernen – indem Wert geschaffen wird, ohne zu viel Aufmerksamkeit zu verlangen.

Für IoT-Anwendungen in größeren Räumen können Ingenieure wissenschaftliche Modelle erstellen, um Maßnahmen an mehreren Standorten innerhalb einer Anlage zu orchestrieren. Eines meiner erfolgreichen IoT-Experimente war der Rasenbewässerungsdienst Rachio: Er kennt die Wettervorhersage für die nächsten Tage, macht Schluss mit Spekulieren und verringert die Kosten für die Bewässerung meines Rasens. Wenn man solche Systeme für Golfplätze und Büroparks hochskaliert, könnte man erheblich Wasser einsparen und gleichzeitig dafür sorgen, dass die Pflanzen für ihre konkreten Bedingungen – Bodenbeschaffenheit, Neigung, Sonnenbestrahlung, Wetter usw. – optimal bewässert werden.

Rachio ist deutlich besser als eine einfache Automation, bei der Sprinkleranlagen vor Bürokomplexen jeden Morgen um sechs angeschaltet werden, auch wenn es gerade geregnet hat. Ebenfalls macht es Schluss mit der unwissenschaftlichen Methode, nach Augenschein zu entscheiden, ob mein Rasen Wasser braucht.

Richtig umgesetzt, funktionieren solche Sachen einfach und zuverlässig, sodass man sie überhaupt nicht bemerkt. Darüber hinaus aber liegt das Leistungspotenzial des IoT darin, dass es mit ständigen Datenrückmeldungen von Sensoren arbeitet. Dadurch können Entwickler ihre Produkte in Echtzeit überwachen, anhand der gewonnenen Erkenntnisse die Planung optimieren und Nachbesserungen an Produkten vornehmen, die bereits auf dem Markt sind.

Trotzdem muss das Basisprodukt direkt nach dem Installieren richtig funktionieren, damit es verbessert werden kann. Mag sein, dass das Sicherheitsgerät, das mich so viel Zeit gekostet hat, inzwischen überarbeitet wurde – aber ich werde es nie erfahren. Denn ich benutze es längst nicht mehr.

2. Komplexität ist unsichtbar. Das Verbraucher-IoT ist für Anwendungen im kleinen Maßstab gedacht. Als ich meinem Haus ein drahtloses Musiksystem von Sonos installiert hatte, verlor ich alle paar Stunden die Netzwerkverbindung. Mit Dutzenden Geräten, einer Handvoll Netzwerke und verschiedenster unabhängig voneinander arbeitender Technik (und meinem Setup, mit dem das für solche Probleme zuständige Gerät nicht klarkam) wurde es enorm zeitraubend, herauszufinden, woran dieses Problem lag.

Derartige Ausfallzeiten darf es in großen Unternehmen, die viele Geräte und Verbindungen zu verwalten und reichlich Daten zu verarbeiten haben, schlicht nicht geben. IIoT-Lösungen müssen in der Lage sein, derartige Komplexität autonom, robust und erfinderisch zu meistern.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein: Diese Geräte müssen mit klar nachvollziehbaren Anleitungen geliefert werden, sich leicht einrichten lassen und einen Wert für mich haben, ohne mich Zeit zu kosten. Dies ist die Mindestanforderung, die jedes IoT-Gerät erfüllen muss.

IIoT

Außerdem darf die Technologie nicht mehr nur in einem Vakuum funktionieren. Mein Fitbit, mein Rachio-Bewässerungssystem und alle meine anderen Geräte müssen ihre Umgebung kennen und in der Lage sein, zusammen gut zu funktionieren und dabei Netzwerkressourcen gemeinsam zu nutzen.

Laut dem oben zitierten Bericht des McKinsey Global Institute „könnten 40 Prozent des potenziellen Mehrwerts verlorengehen“, wenn es nicht gelingt, „die verschiedenen IoT-Systeme durch gemeinsame Standards besser zu verknüpfen“. Diese Interoperabilität mache den Unterschied zwischen einem IoT-Markt mit einem Volumen von 7 Billionen Dollar oder von 11,1 Billionen Dollar im Jahr 2025 aus.

3. Produktentwicklung ist ganzheitlich. In der ersten IoT-Generation lag der Fokus bei Minimum Viable Products zu sehr auf dem Minimum (den Funktionen eines Geräts) und zu wenig auf der Vermarktbarkeit (dem Nutzen dieser Funktionen). Das muss sich ändern.

Ein Produkt, das eine Sache perfekt beherrscht, ist für mich sehr viel wertvoller als eines, das sechs Sachen nur einigermaßen leistet. Bei der Einführung neuer Technologien ging es in den vergangenen 20 Jahren primär um die Überbrückung der Spaltung zwischen Visionären und Pragmatikern.

Die Nutzer haben sich daran gewöhnt, dass SaaS-Systeme und B2B-Anwendungen als Betaversionen begannen und sich stets graduell zu verbessern schienen. Wenn ein Anbieter ein unvollständiges IoT-Produkt ausliefert, werden Unternehmenskunden jedoch nicht auf das nächste Update warten – sie werden es einfach deinstallieren und nicht mehr nutzen. Mehr Erfolg werden deshalb Unternehmen haben, die zunächst ein minimales, fokussiertes und autonomes IoT-Produkt herausbringen und es dann erweitern.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich möchte nicht wie ein Schwarzseher in Bezug auf IoT wirken. Es gibt genügend Potenzial und genügend Erfolgsgeschichten im Verbraucherbereich, um den Weg für die unternehmerische Anwendung zu bereiten. Doch der Einsatz ist hier höher, und es besteht die Gefahr, dass 4 Billionen Dollar Marktpotenzial verschwendet werden, wenn Entwickler und Ingenieure Fehler machen.

Das B2B-Geschäftsmodell der ständigen Iterationen ist für IoT nicht gut geeignet. Das bisherige Konzept der Minimum Viable Products wird in diesem Bereich nicht funktionieren. Wenn Ihr IoT-Produkt nicht sofort nach dem Auspacken hält, was es verspricht, wird es wieder eingepackt.

IioT
Brandon Au

Um die große Chance des IIoT zu nutzen, müssen Entwickler und Ingenieure bei der Produktentwicklung umdenken. Natürlich sollten sie ihre Zeit und Energie auf das Entwickeln ihrer Geräte konzentrieren. Wichtiger als deren reine Funktionstauglichkeit ist jedoch, dass sie in der Lage sind, als Teil von Netzwerken und Ökosystemen zu funktionieren.

Es geht hier nicht um einen Wettbewerb, wer das beste Einzelgerät herstellt oder welcher Verbraucher die größte Gerätesammlung besitzt. Wie erfolgreich sich das IoT in Zukunft durchsetzen kann, wird von der Zusammenarbeit der Geräte untereinander abhängen, also von der Frage, wie teamfähig sie sind.

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