Designer Sprechstunde: Stephen D. Ambrose – Retter des Rockstargehörs

Von Heather Miller
- 13. Jan 2016 - 6 min-LEKTÜRE
Ambrose (rechts) mit Stevie Wonder. Mit freundlicher Genehmigung von Stephen D. Ambrose.

Seit seinem 13. Lebensjahr verfolgt Stephen D. Ambrose eine Mission, die noch lange nicht erfüllt ist.

Was er damals tat, würden manche Menschen vielleicht als typische Rebellion eines Teenagers gegenüber seinem Vater bezeichnen. Mitte der 1960er Jahre lebte Ambrose mit seinem Vater, der klassisch ausgebildeter Musiker war und seinem Sohn das Hören von Rock- und Folkmusik verbot, in Nashville/Tennessee.

Eines Tages schließlich, im „reifen“ Alter von 13 Jahren, bastelte Ambrose einen Ohrhörer aus einem alten Detektorradio und erfand so den weltweit ersten drahtlosen Ohrhörer zum In‑Ear‑Monitoring. Nun war er in der Lage, sich selbst Gitarre spielen und singen zu hören, ohne dass sein Vater etwas mitbekam. Heutzutage kommen sogenannte In‑Ear‑Hörer, mit denen Sänger die eigene Stimme wahrnehmen können, bei fast allen Musikveranstaltungen zum Einsatz.

Nach diesem ersten Prototyp investierte Ambrose viele Jahre in die Entwicklung und Verbesserung der drahtlosen Geräte und tourte dabei unter anderem mit Stevie Wonder, Simon & Garfunkel und der Steve Miller Band. Außerdem war er bei Studioaufnahmen von Joni Mitchell, Roger Waters und Guns N’ Roses für den Sound verantwortlich.

Ein wesentlicher Schwachpunkt seiner drahtlosen In‑Ear‑Hörer und Mikrofone, die er mittlerweile als kundenspezifische Sonderanfertigungen herstellte, blieb ihm jedoch jahrelang verborgen: Sie können Gehörschäden verursachen.

Nun verfolgt er mit seiner Arbeit an einem vollkommen neuen Produkt, das das Gehör schützt, anstatt es zu schädigen, noch viel ehrgeizigere Ziele. Erfahren Sie in diesem Interview von Ambrose selbst, wie er mit einem Ohrhörer eine Revolution auslöste und welche Anstrengungen er unternimmt, um das Gehör eines jeden Rockstars zu retten.

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(Left to right) (Von links nach rechts) Eine Nachbildung des ersten Ohrhörer-Prototyps und Beispiele für Geräte, die Ambrose in den 1970ern und 1980ern schuf.

Wie ist es Ihnen gelungen, aus einem einfachen Kopfhörer eines Transistorradios den ersten Prototypen eines drahtlosen In‑Ear‑Hörers zu erschaffen?
Ich hatte einen Kopfhörer von einem Detektorradio, der aber von sehr schlechter Qualität war. Trotzdem benutzte ich ihn zum Hören und versuchte herauszufinden, wie ich es schaffen könnte, dass meine Stimme durch das Radio gelenkt würde. Ich wollte mich selbst hören und den Klang meiner Stimme verstärken können, ohne dass jemand meinen Gesang mitbekam. Es ging mir dabei besonders um meinen Vater. Der Kopfhörer enthielt einen Ohrhörer, der allerdings umgearbeitet werden musste. Am Anfang benutzte ich tatsächlich Kaugummi und später dann „professionellere“ Materialien wie Hüpfkitt.

Anschließend zerlegte ich einen Kassettenrekorder mit Mikrofon in seine Einzelteile, um an den Verstärker zu kommen. Diesen benutzte ich, um den ersten In‑Ear‑Hörer anzutreiben. Das war im Jahr 1965 im Alter von 13 Jahren. Tüfteln liegt mir eben im Blut.

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Stevie Wonder?
In den 1970ern gründete ich meine erste Firma namens SoundSight – sie stellte Ohrhörer zum In‑Ear‑Monitoring her.

Stevie nahm damals gerade sein Album „Journey Through ‚The Secret Life of Plants‘“ auf und sie baten mich ins Studio zu kommen, um individuelle Ohrhörer für ihn anzufertigen. Ich füllte beide seiner Ohren mit Abdruckmasse. Also mit genau dem Material, das auch ein Zahnarzt verwendet, um einen Gebissabdruck zu nehmen. Man braucht dazu eine Spritze und selbsthärtendes Silikon, das das Ohr in wenigen Minuten ausfüllt. Es ist in etwa so fest wie ein Radiergummi, aber man erhält eine exakte Nachbildung des Ohrs.

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Stephen D. Ambrose in seinem Labor

Stevie hat das Endprodukt sofort gefallen. Er war von Geburt an blind, aber plötzlich konnte er überall dort, wo es ein Mikrofon gab „sehen“. Als er das Gerät zum ersten Mal benutzte, drehte er immer den Bass hoch – ich regelte ihn dann wieder runter, um sein Gehör zu schonen.

So also fing die Geschichte mit Stevie und mir Ende der 1970er Jahre an. Damit hatten wir quasi bewiesen, dass man In‑Ear‑Monitoring Ernst nehmen muss. Sogar die besten Künstler der Welt schwören darauf.

Wann haben Sie bemerkt, dass sich Ihre Erfindung möglicherweise nachteilig auf das Gehör der Träger auswirken könnte?
Obwohl ich bereits in den 1970er Jahren ein Patent anmeldete, löste es das Problem nur auf Kosten der Klangtreue und wurde nur begrenzt eingesetzt. In den 1990ern, nachdem ich mit KISS und der Steve Miller Band auf Tour gewesen war, wusste ich, dass die Ohrhörer zu Gehörverlust führten. Mir war auch klar, dass die Verantwortung dafür als ursprünglicher Erfinder bei mir lag. Die Erkenntnis, dass ich etwas geschaffen hatte, das alle taub werden ließ, war nicht gerade erfreulich.

Vorerst ging ich also nicht mehr auf Tour und stellte die Produktion ein. Zunächst wollte ich herausfinden, welche Änderungen erforderlich waren, damit jeder die In‑Ear‑Hörer benutzen konnte. Die Audiobranche profitierte davon in Form von revolutionärer Klangqualität. Für meine Arbeit erhielt ich Zuschüsse von der National Science Foundation und den National Institutes of Health. Ich entwickelte also das sogenannte zweite Trommelfell, das wir an der Vanderbilt University ausprobierten.

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Abbildung der einzelnen Komponenten des Modells 1964ADEL von Asius Technologies – erstellt mit Autodesk Fusion 360. Mit freundlicher Genehmigung von Stephen D. Ambrose.

Ich rief Asius Technologies ins Leben. Jetzt kann man sich bei viel geringerer Lautstärke hören, hat aber gleichzeitig nicht das Gefühl, auf die eigentlich gewünschte Lautstärke und Klangtreue verzichten zu müssen. Und das Beste ist, dass das Gehör keinen Schaden nimmt. Nachdem ich das alles herausgefunden und das Problem gelöst hatte, konnte ich die Verantwortung für mein persönliches Monster übernehmen.

Auf welches Hilfsmittel, Werkzeug bzw. auf welche Technologie können Sie nicht verzichten?
Da fällt mir sofort die 3D-CAD-Funktion ein. Besonders die von Autodesk Inventor und Fusion 360. Bei der Arbeit mit Fusion 360 kommt es mir so vor, als sei ich in einem Tonstudio und könnte mit Menschen in anderen Ländern eine Jamsession veranstalten. Genauso fühlt es sich an. Nur dass man anstellte von Akkorden, Melodien und Instrumenten mit Geräten und Konzepten improvisiert, die grafisch und originell sind.

Als ich in den 1970er Jahren mit der Entwicklung einer neuen Generation drahtloser In‑Ear‑Hörer und Prototypen begann, gab es weder CAD-Technologie noch Computer. Ich musste die Modelle noch per Hand formen und schnitzen. Heutzutage unterstützt uns die Technologie bei diesem unglaublichen Prozess namens Erfindens. So entsteht dieses wunderbare Gefühl des Verstehens.

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Stellen Sie sich vor, Sie müssten auf einer einsamen Insel leben und könnten nur eine Platte mitnehmen. Für welche würden Sie sich entscheiden?
Da fällt mir die Antwort leicht, aber gleichzeitig muss ich zugeben, dass es auch die schwierigste Frage ist. Das ist fast so, als würde man Eltern fragen, welches Kind sie am liebsten mögen. Egal welche Antwort sie geben, sie liegen immer falsch. Aber die einzige Platte, die ich mitnehmen würde, wäre „The Hissing of Summer Lawns“ von Joni Mitchell.

Auf diesem Album singt sie den Song „Don’t Interrupt the Sorrow“ und ich hatte das Glück, an dem Tag im Studio zu sein, an dem sie das Lied aufnahm. Die Aufnahme klingt unverfälscht und natürlich. Ganz anders als bei Phil Spectors Wall of Sound. Da folgte tagelang nur Echo auf Echo auf Echo. Hier hingegen hat man das Gefühl, man befände sich mit Joni in einem Raum. Diese Erfahrung umschließt dich, es entsteht eine vertraute Atmosphäre, und zwar dank Henry Louie. Er ist der Toningenieur, der für die unglaubliche Mikrofonierung gesorgt hat. Anstatt auf Echokammern und Nachhall zu setzen, erfasste er den Klang so, dass ein Gemeinschaftserlebnis entstand. Seitdem habe ich nie wieder etwas Vergleichbares gehört.

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