Innovation im Arbeitsalltag: 3 Expertentipps für den Hoch- und Tiefbau

Von Angus W. Stocking, L.S.
- 10. Aug 2017 - 7 min-LEKTÜRE

Als Modewort ist „Innovation“ derzeit in aller Munde. Echte Innovation bedeutet jedoch weder, das Rad neu zu erfinden, noch ein neues Weltwunder der Ingenieurtechnik zu bauen.

Im Hoch- und Tiefbau konnten in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte bezüglich der Verarbeitung von Sonderwerkstoffen, der Entwicklung von Methoden zur Gewährleistung von Nachhaltigkeit, Reduzierung der Umweltfolgen und Nutzung des vollen Potentials neuer und bewährter Technologien erzielt werden. Die ehrgeizigen Ziele, die sich die Branche gesetzt hat, lassen sich nur durch eine Verpflichtung zur Innovation im Arbeitsalltag erreichen.

Projekt- und methodenübergreifend fällt dabei auf, dass die Innovationsprozesse unterschiedlicher Branchenvorreiter einige Gemeinsamkeiten aufweisen. Der BIM-Experte Cristian Otter ist beim Utrechter Ingenieurbüro Geonius als Leiter eines sechsköpfigen Teams für die Entwicklung und Umsetzung von Innovationsprozessen zuständig. Er nennt die Nutzung zunehmend anspruchsvoller Modelle als entscheidenden Innovationsfaktor für sein Unternehmen.

Ishka Voiculescu hat als BIM- und CAD-Beauftragter bei den Stadtwerken im texanischen Austin die Einführung neuer Technologien vorangetrieben und dabei unter anderem den Einsatz von Drohnen zur Erfassung visueller Daten initiiert. Entscheidend seien auch die Möglichkeiten zur verbesserten Kommunikation von Bauvorhaben an Projektbeteiligte und andere Interessenvertreter ohne technische Vorkenntnisse, wie er betont.

A 360 panoramic image created in Autodesk Navisworks made from an InfraWorks model with Civil 3D objects, AutoCAD line work, and imported Revit models. 
Diese 360-Grad-Panoramaansicht wurde in Navisworks von Autodesk unter Zuhilfenahme eines InfraWorks-Modells mit Objekten aus Civil 3D, Linienzeichnungen aus AutoCAD und importierten Revit-Modellen erstellt. Mit freundlicher Genehmigung von BVH Integrated Services.

Matt Wunch ist BIM-Beauftragter bei der im Nordosten der USA ansässigen Ingenieurberatung BVH Integrated Services, die seit neuestem 360-Grad-Renderings zur Visualisierung von Bauvorhaben nutzt. „Das ist quasi ‚Virtual Reality für Arme‘, denn man ist jeweils auf eine einzige Position beschränkt, aber es macht für uns trotzdem einen Riesenunterschied aus“, erklärt er. „Wenn man dem Projektinhaber oder Bauherrn etwas in 3D zeigen kann, erspart man sich eine Menge Verständnisfragen und kann sich stattdessen auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren.“

Wie gelingt es diesen BIM-Experten, Innovation sozusagen als Routineaufgabe in ihren Arbeitsalltag zu integrieren? Indem sie diese zur täglichen Priorität machen und dabei weder das große Ganze noch das technische Detail aus dem Blick verlieren.

1. Vorhandene Innovationspotentiale ausschöpfen

Wunch gehört einer kleinen Elite von nur fünf Menschen in den USA an, die die Autodesk-Zertifizierung als „Certified Professional“ für Revit in den Bereichen MEP Mechanical, MEP Electrical, Structural und Architectural erworben haben. Seine technologische Neugier ist damit jedoch noch keineswegs gestillt, sondern er experimentiert weiterhin eifrig mit neuen Tools und Funktionen und macht dabei manchmal ganz zufällig spannende Entdeckungen. So fand er etwa im Zuge einer ehrenamtlichen Tätigkeit als Mentor für Schüler und Schülerinnen eine Möglichkeit, 360-Grad-Panoramaansichten zu erstellen.

„Ich habe da bloß ein bisschen mit InfraWorks [von Autodesk] rumgespielt, mir die unterschiedlichen Menüs angeschaut und ein paar Sachen mit den VR-Funktionen ausprobiert, und dabei ist mir aufgefallen, dass diese Ansicht möglicherweise gegenüber unseren derzeitigen Methoden einige Vorteile bietet“, erzählt er.

Tatsächlich ließ sich die Kommunikation von Ideen mit dem neuen Verfahren erheblich vereinfachen. „Damit können wir im Handumdrehen eine 360-Grad-Ansicht erstellen und an andere Projektbeteiligte weiterleiten“, berichtet Wunch. „Auftraggeber und Subunternehmer sind begeistert davon, und es erleichtert uns die Arbeit.“

Voiculescu wiederum verwendet UAV-Technologie zur Vermittlung seiner Ideen an die jeweiligen Endnutzer. „Wir nutzen [unbemannte Luftfahrzeuge] vor allem, um unseren 3D-GIS-basierten Modellen eine fotorealistische Optik zu geben, und bisher sind die Ergebnisse bei der Öffentlichkeit und den übrigen Projektbeteiligten sehr gut angekommen“, erläutert er.

Zudem sei es wichtig, so Voiculescu, die Software-Tools, die er bei seiner Arbeit verwendet, in- und auswendig zu kennen und gegebenenfalls benutzerspezifisch anpassen zu können. „Schließlich muss sich die Anschaffung dieser Tools auch lohnen, deswegen sollten wir ihr Potential voll ausschöpfen“, meint er.

A panoramic view of downtown Austin, Texas.
Zentrum der texanischen Stadt Austin. Mit freundlicher Genehmigung der Abteilung für öffentliche Bauvorhaben der Stadt Austin.

Otter hat ebenfalls Möglichkeiten entdeckt, komplexe Modelle mithilfe bereits vorhandener Tools zu bauen, statt sich nach neuen Software-Lösungen umzusehen. „Wir haben uns die Funktionen der Design-Software, die wir bereits verwendeten, einmal ganz genau angeschaut. Dadurch ist es uns gelungen, geotechnische Daten und GIS-Schichten in die Modelle einzubauen“, erläutert er.

Alle drei BIM-Experten betrachten soziale Medien als wichtige Quelle für Informationen und Anregungen. „Durch Empfehlungen auf Facebook bin ich auf coole Lösungen und Ideen für den Hoch- und Tiefbau gestoßen, auf die ich nie von alleine gekommen wäre“, bekräftigt Voilescu. „Wie wäre es zum Beispiel damit, diese hässlichen roten Hydranten in Straßenkunst zu verwandeln, indem man sie als Tintenfische anmalt? Nach dem Motto der Initiative ‚Keep Austin Weird‘ würde das doch zu uns passen wie die Faust aufs Auge.“

2. Nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen

„Man braucht neue Anregungen, sonst stagniert man“, ist Otter überzeugt. „Deswegen nimmt unsere Abteilung auch echte Aufträge an, statt sich rein auf Innovation zu konzentrieren. Und deswegen gehe ich regelmäßig auf die Baustellen und rede mit den Subunternehmern, die für uns arbeiten.“

Die erweiterten Möglichkeiten neuer Technologien nutzt Otter dabei als Chance zur Verbesserung der Kommunikation zwischen allen Projektbeteiligten. „Mittlerweile verwenden wir integrierte Modelle nicht nur in der Planung, sondern auch zur Kommunikation und Weitergabe von Informationen“, erläutert er. „Das vereinfacht die Zusammenarbeit mit Bauunternehmen erheblich. Unter anderem stellen wir ihnen Tablets zur Verfügung, um sicherzustellen, dass alle Beteiligten das aktuelle Modell vor sich haben, und die Kommunikation effizienter zu gestalten.“

„Wir haben keine andere Wahl, als zu innovieren; Bauvorhaben [in den Niederlanden] sind komplex und überlebenswichtig, deswegen sind fortschrittliche und effektive Technologien ein absolutes Muss.“ – Cristian Otter, BIM-Beauftragter bei Geonius

Neue Impulse hole er sich auch auf Fachtagungen, so Otter weiter. „Ich finde es interessant, mir anzusehen, wie es die Amerikaner machen, deswegen ist die Autodesk University echt super für mich. Ich treffe dort immer eine Menge kluger Leute, von denen ich etwas lerne und die gleichzeitig von mir lernen.“

Genauso wie Wunch ist er ein Fitnessfanatiker, der frische Luft braucht, um neue geistige Energien zu tanken. „Ich bin viel draußen und treibe Sport, vor allem Laufen und Mountainbike-Fahren“, erzählt Otter. „Natürlich mache ich das, um fit zu bleiben, aber auch, um den Kopf frei zu kriegen. Wenn ich zu lange am Computer sitze, macht mich das müde.“

Voiculescu nutzt den Urlaub sowohl zur Erholung als auch zur Entwicklung neuer Ideen. „Wenn ich in einer anderen Stadt bin, versuche ich technische Besonderheiten zu entdecken, die den meisten Touristen wahrscheinlich gar nicht auffallen würden“, erläutert er. „Zum Beispiel bin ich immer auf der Suche nach innovativen Lösungen zur Planung und Nutzung von Rampen, Bürgersteigen, Straßen und Fahrradwegen in anderen Städten. Wenn ich dann aus dem Urlaub zurück bin, berichte ich meinen Kollegen davon und wir schauen uns an, ob sich daraus etwas entwickeln lässt.“

3. Den Gesamtzusammenhang im Blick behalten

Wer die übergreifenden Ziele der eigenen Tätigkeit im Blick behält, entwickelt die notwendige Beharrlichkeit zur Durchsetzung innovativer Ideen – nicht zuletzt sind Unternehmen mit einem klar definierten „Zielbewusstsein“ nachweislich erfolgreicher.

Die Sicherheit der Mitmenschen hat für viele im Ingenieurbereich Tätige oberste Priorität. „Hier in den Niederlanden leben wir in einem kleinen, dicht besiedelten Land, und wenn die Deiche brechen, sind zwei Drittel der Bevölkerung unter Wasser“, erläutert Otter. „Das verleiht uns echt Motivation und macht uns ständig bewusst, wie wichtig unsere Tätigkeit als Ingenieure ist. Wir haben keine andere Wahl, als zu innovieren; Bauvorhaben hierzulande sind komplex und überlebenswichtig, deswegen sind fortschrittliche und effektive Technologien ein absolutes Muss.“

In Austin steht vielleicht nicht ganz so viel auf dem Spiel. Dennoch ist Voiculescu von dem Ehrgeiz getrieben, den Menschen in seinem Umfeld zu helfen. „Meine Ansicht ist, dass wir die Verantwortung dafür tragen, die Lebensbedingungen für unsere Bürger und Bürgerinnen zu verbessern. Das kann nur gelingen, wenn wir wissen, welche Technologien uns zur Verfügung stehen und wie wir sie zugunsten von Austin einsetzen können“, bekräftigt er. „Ich will, dass wir unserer Vision gerecht werden, die Stadt mit der besten Lebensqualität in den USA zu sein. Unsere Welt ist ständig im Wandel, und wir können nur mithalten, wenn wir unsere Arbeitsabläufe ständig auf dem neuesten Stand halten.“

Viele der hier vorgestellten Ideen und Ansätze mögen auf den ersten Blick unspektakulär erscheinen. Sie zeigen jedoch, dass Innovationen auch ohne teure Schulungsprogramme oder außergewöhnliche Begabung möglich sind. Vielmehr erfordern sie die richtige Mentalität – und eine gewisse Besessenheit.

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