Norwegisches Bahnprojekt holt Öffentlichkeit durch immersives Design an Bord

Von Rob McManamy
- 26. Dez 2017 - 5 min-LEKTÜRE
immersive design header Bane NOR
Bildgestaltung: Micke Tong.

Ein Eisenbahnprojekt mit einem neuen, 10 km langen Schienenabschnitt wird für eine Unterbrechung des bisherigen Bahnverkehrs sorgen. Und obwohl der erste Spatenstich erst 2019 gemacht wird, erhalten Behördenvertreter und Bürger des im Süden von Oslo gelegenen Moss bereits jetzt einen außergewöhnlich anschaulichen Ausblick in die Zukunft, der in dieser Projektphase bislang den Planern vorbehalten war.

„Wir haben in der Stadt einen Showroom eingerichtet, in dem sich die Bürgerinnen und Bürger das Projekt wie in einem Kino anschauen können. Dieses Konzept kommt richtig gut an“, erzählt Hans Petter Sjøen, Koordinator für Facility Management bei  Bane NOR. Das ein Jahr junge Staatsunternehmen ist für den Ausbau, den Betrieb und den Erhalt der nationalen Eisenbahninfrastruktur in Norwegen verantwortlich. „Auch von den Projektbeteiligten ist das neue Konzept gut aufgenommen worden. Sie erzählen uns zum Beispiel, dass sie auf der großen Leinwand Aspekte des Projekts wahrgenommen haben, die ihnen sonst entgangen wären.“

Handelsübliche VR-Systeme umfassen meist nur ein Headset, können bei einer Session also auch nur von einer Person benutzt werden. Bei diesem Projekt hingegen kommt virtuelle Realität in einer 180-Grad-Darstellung zum Einsatz, die mehrere Zuschauer gleichzeitig auf eine Simulationsreise in die Welt des immersiven Designs entführt. Die entsprechende Navigation erfolgt durch Navisworks Simulate. Parallel dazu läuft ein Programm für Gebäudedatenmodellierung (BIM Track), über das die Anwender ihre Eindrücke in Echtzeit kommentieren können – so entsteht ein echter Dialog zwischen Bane NOR und dem Planungsteam von Rambøll/Sweco.

„An einem Tag im Monat ist immer einer unserer Mitarbeiter im VR-Showroom, der die Fragen der Bürger beantwortet“, ergänzt Jarle Rasmussen, Projektmanager bei Bane NOR. „Wenn das Bauvorhaben 2019 anläuft, wird das VR-Projekt sicher noch von viel mehr Menschen besucht werden, die sehen möchten, wie alles nach der Fertigstellung im Jahr 2024 aussehen wird. Ich glaube aber, dass dieses Konzept schon jetzt viel zur Akzeptanz in der Bevölkerung beigetragen hat.“

Das VR-Programm ist ein Gemeinschaftsprojekt zweier skandinavischer Branchengrößen, dem Stockholmer Unternehmen Sweco und der in Kopenhagen ansässigen Rambøll Group. Geplant wird das komplexe Bauvorhaben bereits seit über einem Jahr. Es umfasst den Bau eines neuen, 10 km langen Streckenabschnitts, zwei Tunnel und einen neuen Durchgangsbahnhof. Gegenwärtig baut das erfolgreiche Team gemeinsam im Norden von Oslo eine 75 km lange, zweigleisige InterCity-Strecke zwischen Sørli und Lillehammer. Im letzten Herbst machte das Projekt durch den innovativen Einsatz von BIM und 3D-Simulationen Furore: Das Team von Rambøll-Sweco ANS belegte damit bei den AEC Excellence Awards 2016 den 1. Platz in der Kategorie Infrastruktur.

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Komplexes Bahnprojekt: Gebaut werden 10 km neuer Schienenstrang, zwei Tunnel und ein neuer Durchgangsbahnhof. Mit freundlicher Genehmigung von Bane NOR.

In der Laudatio wurde diese Innovation folgendermaßen gewürdigt: „Durch den Einsatz von 3D-Simulationen setzte das Projektteam bei der Planung, der Visualisierung und dem Umgang mit komplexen natürlichen Gegebenheiten auf BIM. Während des gesamten Projekts nutzten insgesamt  120 am Planungs- und Genehmigungsverfahren beteiligte Personen BIM-Tools als zentrale Plattform für Planung, Vorschläge, Analysen, gemeinsame Nutzung, Bau und Kommentare.“

Auch für das neuere Projekt eines 10 km langen Schienenabschnitts im Süden von Oslo hat das Team wieder alle diese Funktionen einbezogen. Seit Januar 2017 ist zudem Autodesk Infraworks in das immersive VR-Programm integriert, um die Zusammenarbeit für das Team und die Öffentlichkeit noch einfacher zu gestalten.

„Die Idee der Kinoevent-Erfahrung stammt von Samuel Andersson, einem unserer BIM-Koordinatoren“, erzählt Oskar Karlsson, der bei Sweco als BIM-Manager für das Projekt zuständig ist. „Er hatte vom VR-Lab der norwegischen Universität  für Umwelt- und Biowissenschaften (NMBU) nahe Oslo erfahren, wo man so eine derart große Projektionsfläche verwendete. Unser erster Vorschlag lautete deshalb, die Modelle für das Projektteam hochdetailliert auf einem 180-Grad-Projektionsschirm darzustellen. So können die Teammitglieder nicht nur das Endergebnis sehen, sondern auch alle Baufortschritte während des gesamten Projekts verfolgen.“

Laut Oskar Karlsson wurden von Bane NOR spezifische Projektanforderungen festgelegt, die gewährleisten sollen, dass die gesamte Signalanlage für den Fahrer des Triebfahrzeugs und die Bahn den neuesten Vorgaben entspricht. Dank des VR-Labs – vom Bauteam gern auch das „B-Lab“ genannt – kann die Gruppe diese Vorgaben jetzt noch besser erfüllen. „Als uns klar wurde, dass wir das Lab auch für die einfachere Lokalisierung einzelner Elemente benutzen könnten, haben wir damit alle Signalanlagen an der Strecke angelegt“, so Hans Petter Sjøen.

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Das VR-Projekt nimmt die Zuschauer mit auf eine Simulationsreise in die Welt des immersiven Designs. Mit freundlicher Genehmigung von Bane NOR.

„Soweit ich weiß, haben wir das bei diesem Projekt zum ersten Mal gemacht“, erklärt Christina Hegge, Projektmanagerin bei Rambøll. Damit meint sie die verstärkte Nutzung von virtueller Realität und Augmented Reality (AR) im Rahmen eines Infrastrukturprojekts. „Aber diesen Technologien gehört die Zukunft, deshalb bin ich mir sicher, dass sie immer häufiger zum Einsatz kommen werden.“

Laut Christina Hegge befasst sich das Team aktuell mit der technischen Detailplanung und erstellt die Ausschreibungsunterlagen für die vollständige Bauausführung der vorbereitenden und der eigentlichen bahntechnischen Arbeiten. Gerade beginnen die vorbereitenden Arbeiten auf der Baustelle.

Bis jetzt haben nur das Bauteam, der Eigentümer und andere Projektbeteiligte die riesige Projektionsfläche der Universität genutzt, um ihre Zusammenarbeit weiter zu verbessern. Für die Bevölkerung wurde der Showroom in Moss zur Verfügung gestellt, wo man mit Hilfe der VR-Headsets in das Bauprojekt eintauchen kann. Beide Interessengruppen äußerten sich begeistert.

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Projektanforderungen von Bane NOR sollen gewährleisten, dass die Signalanlage entlang der Strecke den neuesten Vorgaben entspricht. Mit freundlicher Genehmigung von Bane NOR.

„Bislang hatten wir nur mit 2D-Zeichnungen gearbeitet, also fragten wir uns: ‚Wie können wir Technologien einsetzen, um das Ganze spannender zu gestalten?‘“, erzählt Jarle Rasmussen. „Bei der Planung von Gebäuden hat sich so viel getan, häufig gibt es nicht mal mehr Bauzeichnungen in Papierform. Bei  Infrastrukturprojekten ist man noch nicht ganz so weit. Eines Tages hoffentlich schon, aber wohl nicht in naher Zukunft. Unsere Standorte liegen noch zu weit voneinander entfernt und unsere Tools sind nicht alle auf dem gleichen Stand, sodass wir einfach noch nicht komplett auf Papier verzichten können.“

Trotzdem vertreten Hans Petter Sjøen und Jarle Rasmussen die Ansicht, dass sich die zukünftige Entwicklungsgeschwindigkeit des Technologiewandels nur schwer einschätzen lässt. Beide sind seit 2003 in der Bahnindustrie tätig. Auf die Frage, ob sie sich vor 14 Jahren die Technologie hätten vorstellen können, die heute für diese Projekte verwendet wird, müssen beide lachen. Ihre einstimmige Antwort lautet: „Auf keinen Fall!“

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