Eindeutig sauberer: Vantage Power nutzt Mixed Reality zur Vermarktung seiner Motorsysteme für Hybridbusse

Von Markkus Rovito
- 20. Feb 2018 - 6 min-LEKTÜRE
hybrid bus vantage power
Mit freundlicher Genehmigung von Vantage Power

Vor sieben Jahren stand Alexander Schey in der südlichsten Stadt der Welt am Ufer und hatte noch keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.

Es lag nicht daran, dass es Schey an Talent, Intelligenz oder Motivation gefehlt hätte – ganz im Gegenteil. Immerhin hatte er gerade den Zielort der 25.750 Kilometer langen Panamericana erreicht, die er gemeinsam mit seinem Freund Toby Schulz in einem selbst entworfenen Elektrofahrzeug bezwungen hatte. Nach der Sicherstellung der Finanzierung des Projekts ließ Schey das Studium für Maschinenbau am Imperial College London sausen und baute unter Mithilfe eines Teams aus Doktoranden des Fachbereichs Ingenieurwissenschaften einen Radical SR8 in ein Elektrofahrzeug um. Darauf folgte die monatelange Fahrt vom Norden Alaskas bis ins argentinische Ushuaia, die der Öffentlichkeit beweisen sollte, was ein Elektroauto so draufhat.

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Einer von 9.250 Bussen, die im öffentlichen Verkehr Londons eingesetzt werden – dieser wurde allerdings von Vantage Power umgerüstet. Mit freundlicher Genehmigung von Vantage Power.

Nach zahlreichen Presseberichten sowie einer achtteiligen Dokumentation der BBC über ihr abenteuerliches Unterfangen kehrten Schey und Schulz Anfang 2011 wieder nach London zurück – zwei normale Typen, die kein Geld hatten und ein Unternehmen gründen wollten. Sie brauchten eine Nische innerhalb der Elektrifizierung im Automobilbereich, an die sich ein kleines Start-up heranwagen konnte. Als sie sich der weltweit aufkommenden Probleme mit Dieselbussen bewusst wurden, gründeten die beiden Vantage Power, um ein System zur Umrüstung von Bussen auf Elektro-Hybrid-Antrieb zu entwickeln.

In Großbritannien gibt es mehr als 46.000 Busse, die jedes Jahr über eine Milliarde Liter Diesel verbrauchen. Allein in London sind 9.250 Busse im Einsatz und ab 8. April 2019 wird für Dieselbusse eine happige Gebühr fällig, wenn diese durch die neue Ultra Low Emission Zone (ein innerstädtischer Schutzbereich, der sogar noch über die Regelungen der bisher bestehende Niedrigemissionszone Londons hinausgeht) im Zentrum der Metropole fahren sollen. Hybridbusse sind von der Gebühr ausgenommen, allerdings ist die Anschaffung solcher Busse für die Betreiber mit enormen Investitionskosten verbunden. Mit dem B320 Hybrid Retrofit System von Vantage Power kann ein Unternehmen hingegen seine alten Busse zum Nulltarif auf den Hybridbetrieb umrüsten.

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B320 Hybrid Retrofit System von Vantage Power. Mit freundlicher Genehmigung von Vantage Power.

Nach einer überwiegend aus Forschung und Entwicklung bestehenden Anfangsphase ist das Team von Vantage Power nunmehr auf 37 Mitarbeiter angewachsen. Die ersten Kunden und Busse, die ihre Systeme nutzen, sind bereits auf der Straße unterwegs. Jetzt muss das Unternehmen allerdings an Substanz zulegen, und hier sieht Schey die größte Herausforderung für den Marktneuling nicht etwa im politischen Bereich oder dem Lithiumpreis in China, sondern im Überzeugen der potenziellen Abnehmer. „Unsere Kunden sind bisher mit unserer Arbeit sehr zufrieden, und wir haben auch sämtliche Zusagen eingehalten“, sagt Schey. „Manchen Interessenten genügt dies bereits, aber andere haben eine größere Risikoaversion. Da musst du harte Überzeugungsarbeit leisten.“

Natürlich müssen Schulz und Schey, nachdem sie mit ihrem Panamericana-Trip die Herzen und Köpfe der Öffentlichkeit für Elektrofahrzeuge geöffnet haben, auch noch die konkrete Standfestigkeit ihres Produkts unter Beweis stellen. Wenn es sich dabei um ein 1,5 Tonnen schweres Hybridmotorsystem handelt, ist eine Vorführung freilich leichter gesagt als getan. Und hier kommt die HoloLens von Microsoft ins Spiel. Dieses Mixed-Reality-Headset fügt 3D-Hologramme und Raumklänge in die natürliche Umgebung des Benutzers ein. Damit kann Vantage Power potenziellen Kunden 3D-Modelle von Motor, Batteriesatz und des gesamten Hybridsystems in Originalgröße zeigen.

 

Bislang ist die HoloLens allerdings nur als teure Entwicklerversion erhältlich. Doch Schey erkannte bereits beim ersten Test im Jahr 2015 das Potenzial des Systems für sein Unternehmen Als sich Vantage Power im vergangenen Jahr dann endlich ein Gerät unter den Nagel reißen konnten, mussten sich Schey und sein Team – mit Unterstützung der Londoner 3D-Augmented-Reality-Spezialisten von Gamar – noch ziemlich in Zeug legen, um ihre umfangreichen mit Inventor von Autodesk erstellten 3D-Modelle auf die HoloLens zu übertragen.

„Wir mussten da ziemlich abspecken – beispielsweise durch die Entfernung interner Funktionen, die Abrundung von Kurven und die Reduzierung der Polygonanzahl –, damit die Prozessorleistung der HoloLens Schritt halten konnte“, erklärt Schey. Die Mühe zahlte sich aber schließlich aus. Seitdem er im Juli 2017 damit begonnen hat, seine Vantage Power-Demos mit der HoloLens vorzuführen, hat Schey die Brille so gut wie jedem aufgesetzt: Kunden, Anlegern, Angestellten – sogar seinem 85 Jahre alten Großvater.

„Ich habe ein Bild von ihm, wie er auf dem Fußboden liegt und sich das Modell von unten ansieht“, führt er fort. „Diese Technik funktioniert sehr intuitiv und ist iüberhaupt nicht invasiv. Beim Einsatz von virtueller Realität besteht die Gefahr, hinzufallen, weil sie deine Sinne verwirrt. Aber mit den durchsichtigen Linsen der HoloLens kannst du deine Umgebung nach wie vor sehen und stolperst nicht über Tische oder Stühle.“

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Der Hybridantrieb von Vantage Power verringert den Kraftstoffverbrauch und Emissionen um mehr als 40 Prozent. Mit freundlicher Genehmigung von Vantage Power.

Schey ist beeindruckt davon, was die HoloLens in derart kurzer Zeit für Vantage Power erreicht hat – und auch von ihren störungsfreien Animationen. „Sie hatte enorme Auswirkungen, weil sie auch technisch weniger versierten Menschen hilft, dein Produkt zu verstehen. Da schlägt sie andere mir bekannte Lösungen um Längen. Zudem haben sie die meisten Leute noch nie zuvor ausprobiert. Wenn sie die Brille aufsetzen, hat dies einen zusätzlichen positiven Nebeneffekt für das Unternehmen und Produkt, weil wir dadurch einen seriösen und zukunftsorientierten Eindruck vermitteln.“

Schey hat auch aus Unternehmerperspektive über „Fachkräftemangel“ geschrieben. Dabei stellte er fest, dass die Mitarbeiter höhere Motivationswerte aufweisen, wenn sie für ein fortschrittliches Unternehmen arbeiten. „Das betriebsinterne Team macht das Unternehmen aus. Wenn hier der Eindruck herrscht, dass in der Firma etwas weitergeht, dann hat das einen Bumerang-Effekt, der sich positiv auf die Qualität der Arbeit und das Interesse am eigentlichen Geschäft auswirkt.“

Vantage Power hat bisher erst an der Oberfläche gekratzt, wie man die HoloLens im Rahmen der Geschäftstätigkeiten einsetzen kann. Schey beabsichtigt, das Gerät zukünftig auch im Zuge der Fahrzeugwartung zu verwenden. So könnten mit einer HoloLens ausgestattete Mechaniker ihnen bisher unbekannte Fahrzeuge ansehen, während sich die Mitarbeiter im Büro durch die Kamera des Headsets in die Perspektive der Mechaniker versetzen. Diese könnten dann die entsprechenden Anleitungen suchen und den Mechanikern zeigen, die dann ihre Hände frei hätten, um die erforderlichen Tätigkeiten vorzunehmen. Somit könnten Reparaturen schneller und mit weniger vorbereitendem Training erfolgen.

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Mit der HoloLens von Microsoft lässt sich ein 1,5 Tonnen schweren Hybridmotorsystem viel einfacher vorführen. Mit freundlicher Genehmigung von Vantage Power.

„Ich bin überzeugt, dass die HoloLens oder vergleichbare Produkte die Art und Weise verändern werden, wie wir mit der Welt interagieren“, so Schey. „Heute ist die HoloLens bereits ein attraktives Gerät, aber noch etwas klobig und schwer. Doch in ein paar Jahren wird es sie bestimmt im Format einer gewöhnlichen Sonnenbrille geben.“

Und je leichter sie wird, desto einfacher wird es, mit ihrer Hilfe Kunden, Anlegern und Zulieferern die Kapazitäten von Vantage Power näherzubringen. „Bei herkömmlichen Vorführmethoden gibt es beispielsweise das Design eines Motorraums mit all seinen Einzelteilen, Drähten und Kabeln noch nicht als Computermodell, und falls doch, dann niemals derart detailgetreu wie bei uns“, meint Schey. „Wenn Kunden dieses Ausmaß an Detailliertheit des Designs konkret sehen können, werden sie zugleich unterbewusst von der Qualität und Gründlichkeit unserer Technik überzeugt.“

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