5 Tipps für Architekten zur Gestaltung zukunftsfähiger Büros

Von Ken Micallef
- 16. Mär 2015 - 6 min-LEKTÜRE

Wie wird der Arbeitsplatz der Zukunft aussehen? Eine entsprechende Internetsuche fördert die verschiedensten Bilder zutage: von Mitarbeitern, die im Alleingang ein ganzes Dickicht aus virtuellen Touchscreens bedienen und wie im Kultfilm „Alien“ automatisch von einer Aufgabe zur nächsten katapultiert werden, bis hin zu schwebenden Mini-Waben, die einzig durch eine drahtlose Vernetzung miteinander verbunden sind.

Der Architekt Jon Pickard von der Firma Pickard Chilton in New Haven im US-Bundesstaat Connecticut hingegen hat eine sehr konkrete Vorstellung, die so solide ist wie ein Wolkenkratzer.

„Beim Büro der Zukunft kommt es auf die richtige Technologie an“, glaubt Pickard, der in Zusammenarbeit mit seinem Mentor César Pelli für die Planung der berühmten Petronas Towers in Kuala Lumpur verantwortlich zeichnet und derzeit an der Gestaltung eines neuen Bürocampus für 10.000 Angestellte von ExxonMobil in der texanischen Großstadt Houston arbeitet.

„Bei unseren Besprechungen mit den Bauherren sprechen wir wirklich miteinander“, betont er. „Wir holen keine Superduper-Knalleffekte aus der Trickkiste, denn damit würgt man leicht jede zwischenmenschliche Verständigung ab. Wir verwenden die Technologie, die für den jeweiligen Auftrag angebracht ist.“

workplace of the future exxonmobil
Bürokomplex von ExxonMobil im texanischen Houston. Mit freundlicher Genehmigung von Studio AMD.

Futuristen mögen bei der Gestaltung von Bürogebäuden mit Schlagworten wie Internet der Dinge, Industrie 4.0, intelligente Gebäude und intelligente Fabriken um sich schmeißen – Pickards Ansatz ist nüchterner und pragmatischer. Form muss für ihn letztlich immer zur Unterstützung der Funktion dienen. In dem 2012 von Pickard Chilton veröffentlichten und mit  wunderschönen Illustrationen versehenem Band „The Office Building of the Future“ (Images Publishing) wird diese Philosophie veranschaulicht.

„Zu unseren Auftraggebern zählen einige der angesehensten Unternehmen der Welt, und es ist von entscheidender Bedeutung, dass Mitarbeiter abteilungsübergreifend Ideen austauschen“, erläutert Pickard. „Ich habe achtzehn Jahre lang mit César Pelli zusammengearbeitet, der ein überzeugter Gegner von Trennwänden ist. Man sitzt an seinem Schreibtisch, und wenn man das Gespräch mit einem Kollegen sucht, schaut man einfach hoch und kann ihn sehen. Bei uns in der Firma werden Gespräche quer durchs Studio mit Kollegen geführt, die dreißig Meter weit weg sind. Wenn man stattdessen auf eine hohe Wand starrt, kommt kein echtes Gespräch zustande.“

Pickard hat fünf Tipps, die Architekten bei der Gestaltung von Arbeitsumgebungen für die Zukunft beachten sollten.

1. Das Wohlbefinden der Angestellten wird zur obersten Priorität. „Der Arbeitsplatz der Zukunft muss die Angestellten motivieren und bei der Erledigung ihrer Aufgaben unterstützen“, ist Pickard überzeugt. „Wie lässt sich das architektonisch umsetzen? Wie schafft man eine Umgebung, die für Wohlbefinden sorgt? Das fängt bei natürlichem Licht an. In Deutschland ist zum Beispiel gesetzlich vorgeschrieben, dass Arbeitsräume ausreichend Tageslicht erhalten und eine Sichtverbindung nach außen vorhanden sein muss.“

workplace of the future petronas towers
Petronas Towers, Kuala Lumpur, Malaysia. Mit freundlicher Genehmigung von Didier Croonenberghs.

Pickard fährt fort: „Das andere große Thema ist Biophilie – die Liebe des Menschen zur lebendigen Natur. Der Anblick eines Baumes oder das Geräusch von plätscherndem Wasser bringt den Puls runter und baut Stresshormone ab, sodass man sich besser fühlt und offener für kreative Arbeit ist.“

Er fügt hinzu: „Ein weiterer Trend, der sich in Zukunft immer mehr durchsetzen wird, ist deswegen die direkte Integration der Natur in den Arbeitsraum, und zwar sowohl in Form von Innenraumbepflanzung als auch durch die Anordnung von Gebäuden um schöne Außenbereiche.“

2. Die Technologien von morgen erfordern heute ein Maximum an Flexibilität. „Bei der Planung zukünftiger Arbeitsumgebungen müssen wir möglichst viel Flexibilität einbauen. Wie immer man sich die Technologie der Zukunft vorstellt, auf jeden Fall wird sie sich rapide verändern. Ein Ansatz zur flexibleren Gestaltung von Gebäuden wäre zum Beispiel der Einbau von Hohlräumen unter den Fußböden, die eine kontrollierte Wohnraumlüftung ermöglichen und damit das Wohlbefinden der Mitarbeiter steigern“, so Pickard.

„Am meisten beschweren sich die Leute in Bürogebäuden darüber, dass ihnen entweder zu kalt oder zu heiß ist. Eine Unterboden-Klimaanlage sorgt für eine angenehme Lufttemperatur. Damit können die Mitarbeiter ihre Umgebungstemperatur durch Zufuhr von kühler oder warmer Luft regeln. Das baut echt Stress ab.“ Weiter erläutert er: „Wir schaffen also diese Räume, die man durch verstellbare Trennwände buchstäblich über Nacht vollkommen umbauen kann, und die ganze Technologie befindet sich an einer zugänglichen Stelle mit vertikalen Kabelkanälen zur Verlegung neuer Kabel. Wir versuchen, uns nicht allzu konkret festzulegen; wenn das Gebäude zu konkret wird, misslingt es garantiert.“

“The number-one complaint in an office building is people are either too cold or too hot,” Pickard continues. “An underfloor air system allows the distribution of a comfortable air temperature. People can control their environment by adjusting a device called a swirl below them that controls the amount of cool or warm air. That really reduces a sense of stress. So we design these spaces that can literally transform overnight with moveable partitions, and all the technology is in an accessible spot with vertical chaseways where you can run new cabling. We try not to be too specific; if the building becomes too specific, it will fail.”

Kingdom Center, Riyadh, Saudi Arabia. Courtesy David Deveson Photography.
Kingdom Center, Riad, Saudi-Arabien. Mit freundlicher Genehmigung von David Deveson Photography.

3. Automatisierte Gebäude sind keine Zukunftsvision, sondern Realität.„Die Kreislaufsysteme, die für die Beheizung, Klimatisierung, Belüftung, Stromversorgung usw. eines Gebäudes sorgen, werden heute schon automatisch gesteuert. Ein Unterbereich der automatisierten Gebäudetechnik ist die Beleuchtung, die heutzutage ein unglaublich komplexes System darstellt“, sagt Pickard.

„In dem Bürocampus, den wir gerade für Exxon Mobil planen, haben wir Anlagen, die den Lichteinfall regeln und mit dem gesamten Beleuchtungssystem koordinieren können. Das erhöht das Wohlbefinden und damit die Produktivität der dort beschäftigten Mitarbeiter und verringert zugleich den Energieverbrauch. Das gehört alles zum aktuellen Stand der automatisierten Gebäudetechnik, und es zeigt, was technologisch möglich ist.“

4. Trennwände wird es immer geben, Konferenztische nicht unbedingt. „Als Architekten und Planer müssen wir wissen, wovon wir reden, wenn wir unsere Auftraggeber in die Zukunft mitnehmen wollen. Und ihnen vermitteln können, dass es dabei nicht um oberflächliche Äußerlichkeiten geht, sondern ganz handfest darum, wie man Räume so gestalten kann, dass sie bestimmte Zielsetzungen unterstützen“, betont Pickard.

„Dazu braucht man eine profunde Wissensbasis, und man muss die Fakten parat haben. Wenn wir einem Auftraggeber einen bestimmten Ansatz empfehlen, berufen wir uns dabei auf aktuelle Forschungsergebnisse, die beispielsweise den Nachweis erbringen, dass Tageslichteinfall die Produktivität um so-und-soviel Prozent erhöht. Wenn man gesicherte Daten auf den Tisch legt, ist der Auftraggeber in den allermeisten Fällen gerne bereit, das erforderliche Kapital zu investieren“, so Pickard weiter.

„Wenn die Mehrausgaben bewirken, dass die Mitarbeiter zufriedener und produktiver werden, wäre alles andere ja auch unlogisch. Die Investition kann sich sehr schnell auszahlen. Dies sind spannende Zeiten für Architekten. Wir erleben gerade eine echte Transformation der Arbeitswelt.“

workplace of the future exxonmobile interior
Innenansicht des Bürokomplexes von ExxonMobil in Houston. Mit freundlicher Genehmigung von Studio AMD.

5. Wissen ist Macht – das gilt morgen genauso wie gestern und heute. „Als Architekten und Planer müssen wir wissen, wovon wir reden, wenn wir unsere Auftraggeber in die Zukunft mitnehmen wollen. Und ihnen vermitteln können, dass es dabei nicht um oberflächliche Äußerlichkeiten geht, sondern ganz handfest darum, wie man Räume so gestalten kann, dass sie bestimmte Zielsetzungen unterstützen“, betont Pickard.

„Dazu braucht man eine profunde Wissensbasis, und man muss die Fakten parat haben. Wenn wir einem Auftraggeber einen bestimmten Ansatz empfehlen, berufen wir uns dabei auf aktuelle Forschungsergebnisse, die beispielsweise den Nachweis erbringen, dass Tageslichteinfall die Produktivität um so-und-soviel Prozent erhöht. Wenn man gesicherte Daten auf den Tisch legt, ist der Auftraggeber in den allermeisten Fällen gerne bereit, das erforderliche Kapital zu investieren“, so Pickard weiter.

„Wenn die Mehrausgaben bewirken, dass die Mitarbeiter zufriedener und produktiver werden, wäre alles andere ja auch unlogisch. Die Investition kann sich sehr schnell auszahlen. Dies sind spannende Zeiten für Architekten. Wir erleben gerade eine echte Transformation der Arbeitswelt.“

Ähnliche Artikel

Erfolgreich!

Sie sind angemeldet

Für alle, die mehr über die Gestaltung der Zukunft wissen wollen.

Unseren Newsletter abonnieren