Das Guggenheim Helsinki liefert die neue Formvorlage für Architekturwettbewerbe (und es wird keine Kartoffel)

Von Patrick Sisson
- 30. Mär 2015 - 6 min-LEKTÜRE
Das Wettbewerbsgelände für den Guggenheim Helsinki Design Competition vom Marktplatz aus gesehen. Mit freundlicher Genehmigung von Tuomas Uusheimo.

Das Auge bleibt nicht unbedingt hängen am Südhafen von Helsinki (Eteläsatama), so unspektakulär fügt er sich in die malerisch zerrissene Küstenlinie am Finnischen Meerbusen ein. Fähren legen an und ab, Touristenschwärme schlendern vom Marktplatz herüber, knipsen Urlaubsfotos von den Wahrzeichen der finnischen Hauptstadt: dem Dom, der Uspenski-Kathedrale oder auch dem Palace Hotel.

Dabei stellt dieses 18.520 Quadratmeter große Areal ein weltweites Unikum dar: Noch nie konzentrierte sich eine derart geballte Ladung an architektonischer Expertise auf eine so kleine Fläche, so der Kurator für Architektonische und  Digitale Initiativen der Solomon R. Guggenheim-Stiftung, Troy Conrad Therrien. „In dieses Grundstück am Hafen von Helsinki wurde mehr architektonische Intelligenz investiert als irgendwo sonst auf der Welt, seit die Griechen den Parthenon auf der Akropolis erbauten“, behauptet Therrien.

Das mag übertrieben klingen – indes wird die Tugend der Bescheidenheit bei dem Designwettbewerb für das Guggenheim Helsinki sowieso eher klein geschrieben. Schon bei der Ankündigung des offenen Wettbewerbs für die Umgestaltung dieses Hafengeländes zum neuesten Vorzeigeobjekt der Stiftung am 4. Juni 2014 war mit einem hochkarätigen Teilnehmerfeld zu rechnen.

guggenheim helsinki architectural competitions finalist board. Courtesy Guggenheim.
Finalistenentwurf Helsinki Design Competition (Wandtafel). Mit freundlicher Genehmigung der Guggenheim-Stiftung.

Bis zum Einsendeschluss für die erste Phase im September gingen 1.715 Entwürfe aus 77 Ländern ein, die der interessierten Öffentlichkeit online zugänglich gemacht (und zur Bewertung an eine Jury geschickt) wurden. Damit war eine vollkommen neue Dimension in der Geschichte architektonischer Wettbewerbe erreicht. Gut möglich, dass dies nur ein Vorgeschmack auf die Zukunft ist – ermöglicht durch das Zusammenspiel zwischen Social-Media-Kanälen, die eine immer schnellere Kommunikation möglich machen, Design-Software, mit der die Kosten einer Wettbewerbsteilnahme erheblich sinken, und neuen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit über nationale Grenzen hinweg, die zur wechselseitigen Inspiration unterschiedlicher Stile und Ideen beitragen.

Für Therrien stellt das große Teilnehmerfeld in Helsinki mehr als nur eine Momentaufnahme der aktuellen Architekturszene – und womöglich den wertvollsten Datensatz zeitgenössischer Architektur – dar. Er sieht darin die neue Normalität.

„Ich glaube nicht, dass das ein einmaliges Phänomen bleiben wird“, bekräftigt er. „Das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Beim nächsten großen Wettbewerb wird die 2.000er-Grenze geknackt. Und was dann, wie ist das zu bewältigen? Wann ist die menschenmögliche Grenze dessen erreicht, was man elf Leuten zumuten kann, die sämtliche Entwürfe anschauen müssen?“

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Finalistenentwurf Helsinki Design Competition (Computersimulation). Mit freundlicher Genehmigung der Guggenheim-Stiftung.

In vieler Hinsicht fungierte der Design-Wettbewerb um das Guggenheim Helsinki als Blitzableiter, noch bevor der erste Entwurf einging. Noch nie in ihrer Geschichte hatte die Guggenheim-Stiftung eine derart demokratische Ausschreibung veröffentlicht: eine Geste des Respekts für bewährte Wettbewerbspraktiken in Finnland und der EU und wohl auch eine Reaktion auf das gespannte Verhältnis zwischen der Stiftung und der Stadt Helsinki, die den ursprünglichen Entwurf der Guggenheim-Stiftung abgelehnt hatte.

„Offene Wettbewerbe stellen eine hervorragende Lösung dar – vor allem für ein Gebäude wie dieses Museum, das soviel Potenzial hat, die Identität einer Stadt zu prägen“, so der Kurator für  Zeitgenössische Agentur und Stadtentwicklung am Londoner Victoria and Albert Museum, Dr. Rory Hyde. Zwar habe eine erste Sichtung der Masse der Einsendungen bei ihm den bedrückenden Eindruck aufkommen lassen, in der heutigen Architektur drehe sich alles um das Außenbild. Die sechs Entwürfe, die in die Endausscheidung kamen, überzeugten jedoch durch ihre Qualität. „Transparente Verfahren eignen sich hervorragend, um die Öffentlichkeit anzusprechen und in den Dialog um die Zukunft ihrer Stadt einzubeziehen.“

Zahlreiche Zweifler, darunter der Architekt und Architekturkritiker Michael Sorkin, warfen die Frage auf, ob der Stadt mit diesem Museum optimal gedient ist. Wären nicht auch andere Bebauungszwecke für dieses Grundstück denkbar gewesen? Die Erwartung, ein Einzelgebäude könne die unter dem Stichwort Bilbao-Effekt bekannte Anziehungskraft entfalten, sei heutzutage nicht mehr realistisch. Sorkin sprach in diesem Zusammenhang von „Starbucks-Tand“, einem so gefälligen wie charakterlosen Allerweltskonzept.

guggenheim competition finalist board
Finalistenentwurf Guggenheim Helsinki Design Competition (Wandtafel). Mit freundlicher Genehmigung der Guggenheim-Stiftung.

Aus dieser Überzeugung heraus ist Sorkin als Mitorganisator von The Next Helsinki aktiv geworden, einem parallel laufenden Wettbewerb zur Förderung alternativer Vorschläge für die  Nutzung des Hafengeländes und der verfügbaren finanziellen Mittel. Aus seiner Sicht hat das offene Ausschreibungskonzept durchaus positive Seiten, auch wenn der Guggenheim-Wettbewerb eher zum Spektakel geraten sei.

„Der Gedanke einer Kritik, die auf Crowdsourcing basiert, gefällt mir“, so Sorkin. „Er erinnert mich an Occupy [Wall Street] und den Tahrir-Platz, wo die Bevölkerung ihren Protest gegen Entscheidungen zum Ausdruck brachte, die in aller Regel von den Machthabern getroffen wurden.“

Sorkin weist zwar auf das Ausbeutungspotenzial von spekulativer Arbeit (spec work) in einem derart massiven Umfang hin, vermerkt jedoch positiv, dass dieser und ähnliche Wettbewerbe den Traum von einem Sieger lebendig hielten, der nicht aus der Starchitekten-Szene kommt. In ganz Europa finden Hunderte weniger prestigeträchtige öffentliche Wettbewerbe statt, in denen es nicht um ein einziges spektakuläres Bauwerk geht, sondern um die qualitative Verbesserung öffentlicher Räume. Und das ist häufig gerade dann der Fall, wenn sich der Entwurf eines Außenseiters als Sieger durchsetzt.

the next helsinki architectural competitions
Das designierte Areal des Wettbewerbs „Next Helsinki“, hinter dem großen Passagierschiff links im Bild. Mit freundlicher Genehmigung von Kaupunkimittausosasto.

„Besonders erfreulich ist es, wenn jemand den Auftrag bekommt, der nicht zum Kreis der üblichen Verdächtigen gehört“, so Sorkin.

In den vergangenen Jahren sei dies immer wieder vorgekommen, sagt auch Alexander Walter, der das Portal Bustler als Chefredakteur betreut. Dort werden Architektur- und Designwettbewerbe im Überblick präsentiert und neuerdings auch ausgeschrieben. Seit der Gründung als Ableger von Archinect im Jahr 2008 hat Bustler bereits Tausende von Wettbewerben durchgeführt bzw. moderiert. In diesem Zeitraum hat Walter einen Trend zu mehr Offenheit und Demokratie beobachtet.

„Mir fällt auf, dass immer mehr Teams aus aller Welt dabei sind“, so Walter. „Entwürfe lassen sich einfacher und schneller erstellen, dadurch ist die Eingangsschwelle niedriger geworden und zugleich die Qualität gestiegen. Man kann heute leichter mit Starchitekten und finanziell gut ausgestatteten Teams konkurrieren.“

Besonders spannend findet Walter dabei die Chancen, durch stärker global ausgerichtete, konkurrenzstarke und zugängliche Wettbewerbe eine größere Bandbreite an Entwurfsansätzen zu fördern. Er nennt den Wettbewerb um die Budapester Liget Gallery als ein Beispiel dafür, wie eine Mischung aus gezielten Informationskampagnen, Social Media und Werbung ein breites Teilnehmerfeld anlocken kann. In der gegenwärtigen Architekturszene dominiere „die parametrische Disziplin“, sagt Walter, er hoffe aber, dass regionale Stile und ein verstärkt international ausgerichtetes Teilnehmerfeld der Diskussion neue Impulse geben könne. Eine Analyse der  Twitter-Follower seines Portals habe ergeben, dass ein erheblicher Anteil aus Regionen außerhalb der USA und Westeuropas komme, u.a. aus dem Iran, Afrika und Indien.

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Finalistenentwurf Guggenheim Helsinki Design (Computersimulation). Mit freundlicher Genehmigung der Guggenheim-Stiftung.

Was den diesjährigen Wettbewerb um den besten Entwurf für das Guggenheim Helsinki angeht, so haben die sechs von der Jury ausgewählten Finalisten noch bis zum 2. April Zeit, ihre endgültigen Entwürfe einzureichen. Und die werden vermutlich wenig mit den ausgefallenen Vorschlägen gemein haben, die einige Kommentatoren mit Vorliebe in den Social Media aufspießten – die Kartoffel oder das Sumo-Gebäude etwa.

Gleichzeitig hat der Wettbewerb bereits riesige Datenmengen angehäuft. Therrien und sein Team von der Guggenheim-Stiftung haben sogar eine API und einen Amazon-Cloud-Server eingerichtet, um diese Informationen mit Experten zu teilen, die sie auswerten und daraus Schlüsse ziehen können, und in ein Format zu bringen, das zur Anregung einer Diskussion geeignet ist. So umstritten und umfangreich der Wettbewerb um das Guggenheim Helsinki auch sein mag, weist Therrien wohl zu Recht darauf hin, dass er als einer der ersten Architekturwettbewerbe des „Big Data“-Zeitalter tatsächlich Big Data produzierte. Und er fügt hinzu: „Wir haben nicht darum gebeten, eine Vorreiterrolle zu übernehmen, aber sie wurde uns anvertraut.“

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