Kann ich, will ich: Glänzende Zukunftsaussichten für Frauen in der Fertigungstechnik

Von Lisa Campbell
- 3. Feb 2016 - 6 min-LEKTÜRE

In den USA machen Frauen 47 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung aus. In der Fertigungsindustrie sind jedoch nur 27 Prozent der Beschäftigten Frauen. In deutschen Industriebetrieben zeichnet sich ein ähnliches Bild: Selbst in Vorzeigeunternehmen sind Frauen sowohl in der Belegschaft als auch in Führungspositionen gegenüber ihren männlichen Kollegen deutlich unterrepräsentiert.

Die Bemühungen der Fertigungsindustrie, weibliche Arbeitskräfte anzuwerben, lassen offensichtlich einiges zu wünschen übrig. Hier sind allerdings nicht nur die Betriebe gefordert. Was also lässt sich gegen das unausgewogene Geschlechterverhältnis in der Fertigungsindustrie tun? Hier drei Vorschläge:

1. MINT-Fächer sind Mädchensache. Das Interesse an naturwissenschaftlich-technischen Fächern sollte bereits in der Grundschule oder sogar im Kindergarten geweckt werden. Dabei ist es besonders wichtig, dass gerade Mädchen von Anfang an Selbstbewusstsein entwickeln, indem Leistungen und Fortschritte hervorgehoben werden. Das fängt schon im Kindergarten an: Eine Fünfjährige, die ihren Eltern stolz ein selbstgebasteltes Konstrukt präsentiert, ohne dafür gebührend gelobt zu werden, verliert schnell das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und damit die Lust, diese weiterzuentwickeln. Wenn sie hingegen eine positive Bestärkung erhält, stürzt sie sich am nächsten Tag um so eifriger auf ihr nächstes Bastelprojekt.

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Eltern sollten dabei vor allem die Botschaft kommunizieren: „Aus dir kann alles werden, wenn du dich anstrengst.“ Die Zeiten, in denen Mädchen gesagt wurde, nur Jungs könnten zur Feuerwehr oder zum Wehrdienst gehen, sind längst vorbei. Warum also gelten naturwissenschaftliche und technische Berufe immer noch als Männersache? Es wird höchste Zeit, dass sich mehr Mädchen für Jobs in der Gestaltung und Fertigung begeistern – indem man ihnen vermittelt, „diese Arbeit macht Spaß, sie ist spannend, und ihr könnt das schaffen“.

Neben den Eltern kommt hier auch den Lehrern und Lehrerinnen eine entscheidende Rolle zu. Bestärkung und Ermutigung bei der Bewältigung komplizierter naturwissenschaftlich-technischer Aufgaben zu erfahren, ist gerade für junge Mädchen, denen es oft an Selbstbewusstsein mangelt, ungemein motivierend. Noch besser ist es, sie in Aufgaben und Projekte einzubeziehen, die speziell darauf angelegt sind, ihr Interesse daran zu wecken, wie Dinge gemacht werden. Das ist nicht anders als beim Sport: Wenn Kinder schwimmen lernen oder anfangen, Fußball zu spielen, ist es wichtig, dass sie ermuntert werden, regelmäßig zu trainieren und bei der Sache zu bleiben. Übung macht den Meister (und natürlich die Meisterin) – das gilt auch in den MINT-Fächern.

2. Je praxisnäher, desto besser. Damit, dass Eltern und Lehrkräfte die Begeisterung der Schülerinnen für MINT-Fächer wecken, ist es jedoch noch nicht getan. Auch als Jugendliche und junge Frauen sollten sie weiterhin gefördert und ermuntert werden, bei entsprechender Neigung und Begabung ein Studium bzw. eine Ausbildung im naturwissenschaftlich-technischen Bereich anzusteuern. Zwar haben viele Jugendliche noch keine konkrete Berufsvorstellung – daher ist es umso wichtiger, Mädchen, die sich beispielsweise für Maschinenbau oder Industriedesign interessieren, über entsprechende Berufsbilder und Ausbildungswege zu informieren.

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Hier haben sich Mentorenprogramme als sehr erfolgreicher Ansatz bewährt. Sie können in der Schule selber, in den Betrieben oder auch online angeboten werden – vor allem geht es darum, interessierten Schülerinnen möglichst praxisnahe Einblicke in die Welt der Fertigungstechnik zu vermitteln, um ihre Fantasie anzuregen und sie auf Studium bzw. Ausbildung vorzubereiten.

Aber wo findet man geeignete Mentorinnen? Im Idealfall natürlich bei örtlichen Fertigungsbetrieben und Berufsverbänden. In den USA leisten Organisationen wie Women in Manufacturing oder die Society of Women Engineers einen unschätzbaren Beitrag zur Steigerung des Frauenanteils in naturwissenschaftlich-technischen Berufen. Für Schülerinnen ist der Ansporn um so größer, wenn sie nicht nur von den eigenen Eltern und Lehrern Unterstützung erfahren, sondern von einer Frau, die selber eine erfolgreiche Laufbahn als Fertigungstechnikerin oder Chemikerin eingeschlagen hat. Die aus ihrer eigenen Praxiserfahrung berichten und Fragen zum Arbeitsumfeld beantworten kann. Ein besseres Vorbild kann man sich schließlich kaum wünschen.

Überhaupt können Berufsverbände und die IHK einiges tun, um mehr weibliche Arbeitskräfte für das verarbeitende Gewerbe zu gewinnen: Zukunftstage an Schulen oder auch in den eigenen Räumlichkeiten, Führungen durch einschlägige Betriebe, Vorträge über Industriedesign oder Produktionsleitung …

Zudem können sowohl Berufsverbände als auch die Betriebe selbst Möglichkeiten für Mädchen jeden Alters schaffen, bei Design-Wettbewerben, Workshops oder Hackfesten selber Hand anzulegen. Sie können im Internet Informationen zur Verfügung stellen und Projekte zum Mitmachen anbieten. In erster Linie muss es Spaß machen, interaktiv und relevant sein.

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3. Überholte Stereotypen abbauen. Von einem Stigma zu sprechen, wäre vielleicht übertrieben. Jedoch gilt die Fertigungsindustrie nach wie vor als Männerwelt, in der Frauen sich weder wohlfühlen noch sonderlich willkommen sind. Das entspricht heute einfach nicht mehr der Realität, und die Industrie muss daran arbeiten, diese Klischees abzubauen, wenn sie Mädchen nicht von der Entscheidung für eine technische Laufbahn abschrecken will.

Hier sind gerade Sektoren wie der Auto- und Maschinenbau gefordert, die traditionell von Männern dominiert werden. Die Vorstellung, die Bedienung schwerer Maschinen sei viel zu gefährlich, als dass man sie zierlichen Frauen zumuten könne, ist längst überholt – heute werden Muskelarbeiten von Robotern verrichtet. Bei den Aufgaben, die weiterhin von Menschen erledigt werden, stehen vielmehr Kreativität und technisches Geschick im Vordergrund. Zur Programmierung einer CNC-Fräsmaschine ist keine Körperkraft, sondern solide Fachkenntnis erforderlich. Der viel diskutierte Fachkräftemangel in der Fertigungsindustrie ist ein weiteres Argument für die gezielte Anwerbung weiblicher Arbeitskräfte.

Zweifelsohne wird der technologische Fortschritt entscheidend zur Steigerung des Frauenanteils in der Fertigungstechnik beitragen. Vom Internet der Dinge über den Einsatz additiver Fertigungstechniken in Industriebetrieben bis hin zu generativer Gestaltung und fortschrittlichen Werkstoffen finden an allen Ecken und Enden rasante Entwicklungen statt, die einer neuen Generation von Technikerinnen und Ingenieurinnen spannende Karrierechancen erschließen.

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Für viele Frauen ist die Vorstellung, mit den Tools und Technologien zu arbeiten, die hier und heute die Welt verändern, ungeheuer attraktiv. Hier müssen jedoch auch die Unternehmen ihrerseits aktiv werden und sich gezielt bemühen, die neuen und innovativen Stellen in der Fertigungstechnik mit entsprechend qualifizierten Frauen zu besetzen. Die Fertigungsindustrie braucht mehr Frauen, die Fabrikgebäude planen, Fertigungs-, Industriedesign- und Maschinenbau-Abteilungen leiten, auf höchster Führungsebene für Produktion und Betriebsabläufe zuständig sind. Aber damit sind die Grenzen des Möglichen noch keineswegs erreicht – die Wirtschaft braucht mehr weibliche Vorbildfiguren an der Spitze von Großkonzernen wie Mary Barra bei General Motors oder Marillyn Hewson bei Lockheed Martin.

Es gibt durchaus Anlass zum Optimismus: zum Beispiel die zahlreichen jungen Frauen, die in der Maker-Bewegung aktiv sind, fortschrittlich denkende Spielzeughersteller wie Goldieblox und K’NEX oder Initiativen wie Technology Will Save Us. Allein die Tatsache, dass das Thema überhaupt breit diskutiert wird, ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Vorausgesetzt, die Industrie weiß diese positiven Entwicklungen zu nutzen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die aktuellen Prozentzahlen nurmehr eine unschöne historische Fußnote sind.

Lisa Campbell ist bei Autodesk als Vice President für den Bereich Industry Strategy and Marketing for Manufacturing zuständig. In ihr Aufgabenfeld fallen Strategieplanung, Geschäftsentwicklung, Markteinführung und Industrie für wichtige Fertigungssegmente wie Industriemaschinen, Autobau und Bauprodukte.

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