Entfesseln Sie Ihren inneren Cyborg mit der Fashion-Technologie von Behnaz Farahi

Von Wasim Muklashy
- 15. Mai 2018 - 6 min-LEKTÜRE
Opale by Behnaz Farahi
„Opale“ von Behnaz Farahi ist ein „emotionsgeladenes Kleidungsstück“, das auf Gesichtsausdrücke reagiert. Mit freundlicher Genehmigung von Behnaz Farahi.

Die Grenzen zwischen Selbstdarstellung und Wissenschaft waren noch nie so verschwommen wie heute. Früher tendierte man entweder zur einen oder zur anderen Seite – rechte oder linke Gehirnhälfte, Realist oder Idealist und so weiter. Aber vielleicht gab es diese Unterschiede auch niemals und uns fehlten nur die erforderlichen Hilfsmittel, um das zu verstehen.

Aber die Zeiten haben sich geändert.

Das perfekte Beispiel dafür, dass die Grenzen zwischen verschiedenen Disziplinen immer weiter verschwinden, liefert Designerin, Architektin, Künstlerin, Philosophin und Fashion-Technologie-Innovatorin Behnaz Farahi.

„Ich finde mich oft an seltsamen Orten zwischen verschiedenen Disziplinen wieder.“ – Behnaz Farahi

Jemand mit zwei Diplomabschlüssen in Architektur ist doch sicherlich ein Architekt, oder? Aber Farahi arbeitet auch an ihrer Doktorarbeit im Bereich der Medienkunst. Daher verwundert es kaum, dass ihre Antwort auf die Frage „Was machen Sie beruflich?“ so vielseitig ausfällt wie ihre Interessen.

„Ich finde mich oft an seltsamen Orten zwischen verschiedenen Disziplinen wieder“, gesteht Farahi. „In letzter Zeit bezeichne ich mich als Designerin – genau genommen als interaktive Designerin – und vielleicht auch als kreative Technologin. Mein Interesse gilt der Kombination von Design mit interaktiver Technologie, um dadurch für ein bestimmtes Objekt neue Szenarien, Funktionen oder auch Geschichten zu kreieren.“

Es muss allerdings gesagt werden, dass Farahi ihre Karriere schon als Architektin im engeren Sinne begann: „Ich arbeitete etwa acht Jahre als Architektin und wollte dieses Umfeld eigentlich auch nicht verlassen.“

Doch ein Spaziergang im Park veränderte alles: Eine Gruppe von Kindern, die dort mit einem interaktiven Brunnen spielten, beflügelte ihre Fantasie. „Die Kleinen waren absolut begeistert davon“, erzählt Farahi.

Der Enthusiasmus der Kinder im Wechselspiel mit ihrer Umgebung „entzündete einen Funken in mir, der mich dazu brachte, mich der Zukunft von öffentlichen Räumen, Unterhaltung und Design im Allgemeinen zu widmen. Denn dieser Bereich entwickelte sich gerade dahin gehend, ansprechendere Erfahrungen zu schaffen“, so Farahi. „Ab diesem Zeitpunkt begann ich damit, mich jenseits der traditionellen Architektur umzusehen und mich mehr auf interaktive Technologien zu konzentrieren.“

Daraufhin experimentierte Farahi mit Technologien und Materialien wie Kameras mit Tiefensensoren, dehnbaren Stoffen, motorisierten Geräten von Leap Motion und Federn aus Formgedächtnislegierungen (insbesondere in ihren Installationen The Living Breathing Wall und Breathing Wall II). Aber erst mit Synapse im Jahr 2015 begann sie auch 3D-Druck zu erforschen. Bei diesem Projekt handelte es sich um einen 3D-gedruckten Helm, der auf die Gehirnaktivitäten des Trägers reagiert und dementsprechend leuchtet.

Behnaz Farahi's Caress of the Gaze garment
„Caress of the Gaze“ ist ein 3D-gedrucktes Kleidungsstück, das auf Blicke reagiert. Mit freundlicher Genehmigung von Behnaz Farahi.

Der Website von Farahi zufolge ging es bei Synapse darum, „die Möglichkeiten des 3D-Drucks aus verschiedenen Werkstoffen zu erforschen, um eine formverändernde Struktur zu schaffen, die den Körper wie eine zweite Haut umgibt“. Dieses Thema bestimmte auch ihre darauffolgenden Projekte wie das 3D-gedruckte Kleidungsstück Ruff, das sie 2015 in Zusammenarbeit mit dem Studio von Will.i.am gestaltete, und Caress of the Gaze, ein interaktives mit 3D-Druck hergestelltes Oberteil, das auf die Blicke von anderen Personen reagiert und im Rahmen des Pier 9 Residency Program von Autodesk geschaffen wurde. Im Jahr 2016 kehrte Farahi mit Aurora teilweise zu ihren architektonischen Wurzeln zurück, indem sie „eine interaktive Raumdecke gestaltete, die auf die Körperbewegungen unter ihr reagiert.“

Farahis Fashion-Technologie wird auch von einer Faszination für natürliche Systeme angeregt. „Bei meiner Arbeit hole ich meine Inspiration in erster Linie aus der Natur“, erklärt sie. „Alle Systeme der Natur sind in der Lage, auf sehr aktive Weise auf ihre Umgebung zu reagieren, und zwar sowohl auf interne als auch externe Faktoren. Nehmen wir beispielsweise Pflanzen: Sie reagieren ständig auf ihre internen Bedürfnisse sowie auf Impulse ihrer externen Umgebung. Ich finde das wirklich äußerst inspirierend.“ Ihre jüngsten Werke aus dem Jahr 2017, Bodyscape und Opale, verkörpern diese Faszination auf beeindruckende Weise.

Farahi beschreibt Bodyscape als „interaktiven im 3D-Druck hergestellten Modeartikel, der vom Verhalten des menschlichen Körpers inspiriert wird“. Er kombiniert gedruckte Stereolithografie‑Werkstoffe mit Gyroskopen und LED-Lampen, die in Übereinstimmung mit dem Bewegungsfluss des Trägers aufleuchten. Dadurch wird die Aufmerksamkeit auf die Flüssigkeit der menschlichen Körperbewegungen gerichtet. Das Kleidungsstück, das beinahe wie ein Poncho oder Brustpanzer getragen wird, basiert auf Hautspannungslinien, topologische Linien der Hautspannung, die 1861 vom Anatomen Karl Langer entdeckt wurden.

 

„Ich habe gewissermaßen versucht, die Grenze zwischen Menschen und anorganischen Objekten zu verwischen, um ein einfühlsameres Produkt zu kreieren“, so Farahi. „Wir tendieren dazu, Objekten Leben einzuhauchen, beispielsweise indem wir unseren Autos Namen geben, die ihnen etwas Charakter verleihen. Daher wollte ich etwas mit der Idee herumspielen, Objekte zum Leben zu erwecken. Ich möchte dem Betrachter das Gefühl vermitteln, dass es lebendig ist.“

Während sich Bodyscape auf die Reaktion auf interne Stimuli (die natürlichen Bewegungen des Körpers – das „Selbst“) konzentriert, verschiebt sich der Schwerpunkt bei Opale auf externe Impulse – das „Andere“. Das für Opale gestaltete Kleid könnte als Evolution von Caress of the Gaze gesehen werden und ist Farahis erster Ausbruch aus dem Bereich des 3D-Drucks hin zu noch breiter gefächerten Fertigungstechnologien. Bei diesem Werk experimentiert sie mit Soft-Robotik, Glasfaseroptik und Gesichtserkennungstechnologien. Dabei kommt eine Kamera zum Einsatz, die die Gesichtsausdrücke des Betrachters erkennen kann. Durch die Kombination der verschiedenen Technologien können die Glasfasern von Opale, die an Fell erinnern, entsprechend reagieren.

„Nach den Erfahrungen mit Bodyscape ging es mir vor allem darum, die Grenzen von Werkstoffen in anderen Medien auszureizen“, bekennt Farahi. „Die nähere Auseinandersetzung mit Soft-Robotik und der Verwendung von Silikon hat mich sehr fasziniert.“ Während der Arbeit an Opale ließ sie dieser Faszination dann freien Lauf. „Zuerst wurden die Glasfasern auf einer lasergeschnittenen Acrylplatte platziert, anschließend wurde dann alles zusammen auf einem Silikonuntergrund angebracht“, erklärt sie. „Was die Dichte und Länge der Glasfasern betrifft, stammten alle diesbezüglichen Informationen aus Daten, die durch die Analyse von menschlichen Körperkrümmungen gewonnen wurden.“

Und das Ergebnis ist nicht weniger faszinierend: Wenn der Betrachter Zorn vortäuscht, reagieren die Borsten darauf, indem sie sich wie die Haare einer sich bedroht fühlenden Katze angespannt aufstellen. Wenn der Betrachter traurig schaut, beginnen die Fasern verdrossen herunterzuhängen und so weiter. „Bei diesem Projekt ging es darum, Gefühle mit Bewegungen zu verknüpfen. Es sollte etwas entworfen werden, das die emotionalen Veränderungen in sozialen Interaktionen auffangen, also eine bestimmte Harmonie erfassen oder Emotionen wiedergeben kann“, führt Farahi aus.

Auch wenn sie keine Probleme hat einzugestehen, dass „sich ein großer Teil meiner Arbeit spekulativ anhört“, gibt Farahi aber im selben Atemzug zu bedenken, dass „dies eines Tages Normalität sein wird. Unsere Alltagsjacken oder -mäntel werden über integrierte Kameras verfügen, die nicht nur unser Geschlecht und Alter kennen, sondern auch erkennen, wo andere Menschen hinsehen. Auch unsere Sportbekleidung wird mit eingebauten Sensoren ausgestattet sein, die unsere Haltung und die Geschwindigkeit unserer Bewegungen verstehen können.“

Zudem meint sie: „Ein aufregender Aspekt besteht darin, dass die Materialien intelligent, aktiv und konfigurierbar sein werden. Das wird in der materiellen computergesteuerten Welt von morgen, in der wir leben werden, von großer Bedeutung sein.“

Farahi hat auch weiterhin vor, die bestehenden Möglichkeiten bei der Kombination von Architektur, Design, Mode, Kunst und interaktiven Technologien im Alltag auszureizen, damit die Grenzen des Möglichen neu überdacht werden müssen. Es versteht sich von selbst, dass wir bereits sehr gespannt darauf sind, was sie sich als Nächstes ausdenken wird.

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