Ein Bauunternehmen mit 30 Niederlassungen ebnet den Weg für die Einführung von BIM

Von Angus W. Stocking, L.S.
- 30. Nov 2015 - 5 min-LEKTÜRE
Entwurf für die Stadt Islip/New York. Mit freundlicher Genehmigung von GPI.

Wenn man es am wenigsten erwartet, gewinnt der Außenseiter das Rennen.

Quinton McDaniel erinnert sich noch an die Zeit, als seine kleine Ingenieurfirma für den Auftrag der umfassenden Sanierung einer Straßenkreuzung aus dem Rennen schien. Also schlug er seinem Team vor, ein 3D-Modell und einen animierten, virtuellen Überflug (Flyover) der geplanten Neugestaltung zu erstellen, um der Auswahlkommission wichtige Planungselemente visuell zu präsentieren.

„Es war ein großes Projekt, und wir hatten erst in letzter Minute beschlossen, einen Entwurf zu präsentieren“, sagt McDaniel. „Ich wusste, dass wir den Auftrag nur dann bekommen würden, wenn sich unsere Präsentation wirklich von der Konkurrenz abhob, und unser Firmenchef sah das genauso.“

Jetzt war McDaniel unter Zugzwang – er hatte vier Tage, um ein Modell des aktuellen Zustands und der vorgeschlagenen Änderungen fertigzustellen. Und das Modell sollte nicht nur funktional sein – es musste darüber hinaus eine optisch ansprechende Geschichte erzählen. Mit Autodesk InfraWorks 360, vorhandenen Luftaufnahmen und topografischen Daten entwickelte McDaniel ein Modell der Kreuzung in ihrem bisherigen Zustand und fügte anschließend die von seiner Firma vorgeschlagenen Änderungen an der Versorgungs- und Entwässerungsinfrastruktur, den Fahrbahnen, Wegerechten und Gehwegen hinzu.

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Von McDaniels ehemaliger Firma fertiggestelltes Sanierungsprojekt einer Straßenkreuzung. Mit freundlicher Genehmigung von Quinton McDaniel.

Seine Firma wurde sogar richtig kreativ. Das Team arbeitete mit Gegenüberstellungen: Fotos von Kindern, die an abbröckelnden Böschungen entlang laufen, neben Animationen von Kindern auf breiten Gehwegen sowie Gras bewachsene Senken, die einen sicheren Abstand zwischen den Kindern und der Straße herstellen.

McDaniels Präsentationsidee wurde überraschend gut belohnt: Die Projektverantwortlichen waren beeindruckt. Sie gaben McDaniel und seiner Firma einstimmig den Vorzug vor mehreren größeren Unternehmen. Abgesehen von dem Gewinn für seine kleine Firma, bot sich ihm außerdem eine unverhoffte Gelegenheit: seine Kenntnisse in BIM einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Bauingenieure sind in der Regel nicht dafür bekannt, dass sie neue Technologien als Erste annehmen, und insbesondere BIM bedeutet eine große Umstellung für Unternehmen, die sich traditionell auf 2D-CAD konzentrieren. Aber einige Ingenieure haben es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Weg zu ebnen. Und diese Spezialisten werden von Ingenieur- und Baufirmen heiß umworben, wie McDaniel aus eigener Erfahrung weiß.

„Eine der Firmen, die wir aus dem Rennen schlugen, war Greenman-Pedersen Inc. (GPI) und diese wollte nie mehr ein Projekt gegen eine BIM-gestützte Präsentation verlieren“, sagt McDaniel, der mittlerweile als Projektmanager und CAD-Technologiemanager bei GPI arbeitet. „Also haben sie mich abgeworben!“

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Entwurf für Nassau County/New York. Mit freundlicher Genehmigung von GPI.

Obwohl das bedeutete, dass McDaniel seine ehemalige Firma, die das Projekt gewonnen hatte, verlassen musste, begrüßte er die Herausforderung, einem breiteren Publikum von Bauingenieuren die Vorteile von BIM näher zu bringen.

Eigentlich lautete sein Auftrag bei GPI, BIM am Standort des Unternehmens in Brooksville/Florida einzuführen. Aber wie viele Technologie-Beauftragte wissen, gehört zur BIM-Implementierung mehr, als nur neue Software zu bestellen. McDaniel sah sich mit den typischen Herausforderungen konfrontiert, denen sich Unternehmen stellen müssen, wenn sie ihre Planungs-, Entwurfs- und Bauprozesse auf einen aktuellen Stand bringen wollen.

Wohl niemanden, der je bei einer Beratungsfirma gearbeitet hat, wird es überraschen, dass McDaniel die ersten Monate in seiner neuen Position damit verbrachte, bei laufenden Projekten, die auf Schwierigkeiten gestoßen waren, die „Kuh vom Eis zu holen“. Für einen neuen Mitarbeiter, der weitreichende Veränderungen herbeiführen soll, sind solche Erfahrungen sehr wertvoll. McDaniel wurde sehr schnell klar, dass zunächst eine wichtige Hürde genommen werden musste, bevor seine GPI-Niederlassung für eine vollständige BIM-Implementierung bereit war.

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Entwurf für die Autobahnüberführung der New York State Route 110 über die Route 27 Sunrise Highway. Mit freundlicher Genehmigung von GPI.

„GPI verdankt sein Wachstum hier in der Mitte Floridas vor allem der Übernahme von anderen Unternehmen“, erklärt er. „Das ist großartig und in dieser Branche durchaus üblich, aber mit der Integration verschiedener Büros hat man auch immer das Problem, unterschiedliche Arbeitsweisen und CAD-Standards integrieren zu müssen.“

Es gab sogar eine noch größere Herausforderung zu bedenken: „GPI hat allein in Florida acht Niederlassungen und landesweit sind es mehr als 30“, sagt McDaniel. „Es ist unser Ziel, dass all diese Büros trotz unterschiedlicher Stärken und Spezialbereiche als Einheit zusammenarbeiten. So haben einige unserer Büros hervorragende Abteilungen für Bautechnik, aber nicht jedes Büro benötigt einen Tragwerksplaner vor Ort. Wie können wir also die Zusammenarbeit so gestalten, dass die in der Firma vorhandenen ausgeprägten Fähigkeiten im konstruktiven Ingenieurbau bei den Projekten zum Einsatz kommen, wo sie benötigt werden?“

Während man nicht unbedingt in jedem Büro einen Ingenieur braucht, benötigt man immer jemanden mit einem guten Verständnis der BIM-Technologie. BIM wird bei GPI bereits für Projekte wie der 1,2 Milliarden US-Dollar (1,1 Milliarden Euro) teuren Sanierung der George Washington Bridge in New York eingesetzt – McDaniels Aufgabe besteht also nicht zwangsläufig darin, BIM bei GPI bekannt zu machen. Vielmehr geht es darum, sich den Schwierigkeiten bei der Übernahme der Technologie in die alltäglichen Arbeitsprozesse zu stellen. Oder wie Science-Fiction-Autor William Gibson so treffend formulierte: „Die Zukunft ist schon da – sie ist nur nicht gerade verbreitet.“

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Sanierungsprojekt der George Washington Bridge. Mit freundlicher Genehmigung von GPI.

Also arbeitet McDaniel daran, diesen fortgeschrittenen Wissensstand gleichmäßiger in den verschiedenen Niederlassungen zu verbreiten. „Wir haben kräftig in Autodesk Vault und Buzzsaw investiert, mit dem Hauptziel, die Zusammenarbeit an bestehenden Projekten zu verbessern”, sagt McDaniel. „Und es funktioniert – die Verbesserung der Zusammenarbeit im 2D-Bereich ebnet uns den Weg, um langfristig wirklich effektiv mit BIM zu arbeiten.“

Als Beispiel nennt McDaniel ein seit 20 Jahren laufendes, mehrstufiges GPI-Projekt, an dem mehrere Büros beteiligt sind. „Wir druckten und kopierten eine Menge Zeichnungen, übertrugen Informationen auf unterschiedlichste Weisen und das Projektmanagement wurde immer schwieriger – es gab häufig Konflikte und Störungen“, sagt er. „Mittlerweile nutzen wir Planungsdaten viel effektiver gemeinsam und koordinieren die Projektleistungen von räumlich getrennten Büros. Es ist vielleicht noch kein astreines BIM, aber wir haben mehr und mehr das Gefühl, an einer gemeinsamen Planung zu arbeiten und einander zu helfen, anstatt uns gegenseitig in die Quere zu kommen.“

Der Übergang zu BIM im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat eine Erkenntnis offenbart: dass ein 3D-Modell ein notwendiger, aber nicht alleinig ausreichender Bestandteil des Planungsprozesses ist. Es ist ebenso wichtig, gemeinsame Standards und Kommunikationsprotokolle zu etablieren. Wie McDaniel und GPI erkannt haben, ist dies die erste Hürde auf dem Weg zu einer erfolgreichen BIM-Implementierung.

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