Kein konstruktionstechnisches Vorwissen erforderlich: Die Startup-Firma Karmic Bikes erfindet das (Elektro-)Rad neu

Von Jean Thilmany
- 12. Okt 2015 - 4 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von Karmic Bikes

Hong Quan ist leidenschaftlicher Radfahrer. Für E-Bikes hatte er nie viel übrig – bis er eines Tages doch eine Probefahrt machte und „absolut begeistert“ war.

Allerdings nur von dem unglaublichen Fahrgefühl. Den Preis von 6.000 US-Dollar (ca. 5.350 Euro) fand er alles andere als berauschend.

Ohne jegliches technisches Vorwissen war Quan davon überzeugt, dass er ein Elektrorad entwickeln könne, das nur einen Bruchteil davon kosten würde, ohne dabei auf die Vorteile des leichten Rahmens und wendigen Designs verzichten zu müssen. Aus dieser Gewissheit heraus entstand die Firma Karmic Bikes im kalifornischen Startup-Mekka Palo Alto. Wenn alles nach Plan läuft, wollen Quan und sein Team demnächst mit der Markteinführung ihres Modells „Koben“ das E-Rad neu erfinden.

e_bike_technology_karmic_koben
Das Modell „Koben“ von Karmic Bikes. Mit freundlicher Genehmigung von Karmic Bikes.

Zur Begriffsklärung: Ein Elektrofahrrad, Pedelec oder neudeutsch E-Bike ist ein Zweirad, das mit einem kleinen akkubetriebenen Elektromotor ausgestattet ist, der zur Bewältigung von Steigungen oder langen Strecken zugeschaltet werden kann, sodass Radfahrer sich nicht mit schweren Beinen abzustrampeln brauchen.

„Ich bin auf das Vorurteil reingefallen, dass ein echter Radfahrer ohne Motor klarkommt“, so Quan. „Aber dann habe ich ein gutes E-Bike ausprobiert und gemerkt, dass man den Motor ja nur dann einzuschalten braucht, wenn es wirklich nötig ist. Wenn man zum Beispiel lange Strecken fährt oder einen steilen Anstieg zu bewältigen hat oder wenn man nicht total verschwitzt am Arbeitsplatz ankommen möchte, dann ist ein E-Bike echt super.“

Außerdem wurde ihm klar, dass das motorisierte Fahrrad vielen Möchtegern-Radfahrern helfen könnte, den inneren Schweinehund zu überwinden und sich in der Gewissheit in den Sattel zu schwingen, dass der Motor notfalls die fehlende Lungenkapazität und Muskelkraft ersetzen kann.

Das Problem ist bloß, dass man für ein gutes Elektrofahrrad ziemlich tief in die Tasche greifen muss. Die derzeit erhältlichen kostengünstigeren Modelle bieten ein eingeschränktes Fahrvergnügen, weil sie zu schwer und klobig sind, findet Quan. Außerdem gehe ihren Akkus immer viel zu schnell der Saft aus.

e_bike_technology_karmic_battery
Akku für das Modell „Koben“ von Karmic Bikes. Mit freundlicher Genehmigung von Karmic Bikes.

„Ich war mir sicher, dass wir ein E-Bike herstellen könnten, das nicht nur schnittiger ist als andere Modelle, sondern bei dem auch Qualität und Preis stimmen und das die von den Benutzern erwartete Reichweite und Leistung bietet“, so Quan.

Sein Mangel an konstruktionstechnischem Vorwissen hinderte Quan nicht daran, sich mit Hilfe von Autodesk Fusion 360 in die Planungs- und Entwicklungsarbeit zu stürzen. Er nutzte Autodesk AutoCAD zur Erstellung eines Rahmenentwurfs, der dann mit den Entwürfen für Akku und Motor in eine Fusion-360-Umgebung integriert wurde.

Zudem erleichtert die Anwendung Quan die weltweite Zusammenarbeit mit seinen Zulieferern.

„Für mich ist 3D noch ziemlich neu, und die Leute, mit denen ich zusammenarbeite, sind über die ganze Welt verstreut“, sagt er. „Selbst ich als Nicht-Ingenieur bin mit Fusion 360 zurechtgekommen. Wir können unsere Modelle gemeinsam nutzen und brauchen Bauteildaten nicht mehr als riesige Dateien zu verschicken. Wir können Veränderungen an Modellen vornehmen und sie unseren Zulieferern in Asien zeigen, ohne Riesendateien hin- und herzuschicken. Dadurch lässt sich der Entwicklungszyklus um Wochen verkürzen.“

e_bike_technology_karmic_handlebars
Lenker für das Modell „Koben“ von Karmic Bikes. Mit freundlicher Genehmigung von Karmic Bikes.

Bei der Crowdfunding-Kampagne, die Karmic Bikes im Mai 2015 zur Projektfinanzierung startete, kamen über 259.000 US-Dollar (ca. 231.000 Euro) zusammen – weit mehr als die veranschlagte Mindestsumme von 195.000 US-Dollar (ca. 174.000 Euro). Mit dem „Koben“ ist das erste Modell des Unternehmens mittlerweile bereits in Serie gegangen. Nun gilt es, nach der Auslieferung der Bestellungen aus der Crowdfunding-Phase die Markteinführung im Frühjahr 2016 vorzubereiten. In den USA ist das Ein-Gang-Modell für 1.899 Dollar (ca. 1.700 Euro) und das mehrgängige „Koben S“ für 2.399 Dollar (ca. 2.140 Euro) erhältlich.

Zwar geht es Quan und seinem Team durchaus darum, das Image des Elektrofahrrads als behäbiges Gefährt für Bewegungsmuffel aufzubessern. Neben einer bestechenden Optik bieten die Modelle von Karmic Bikes jedoch auch allerhand zukunftsweisende Funktionen: z. B. den abschließbaren Akku mit einer Reichweite von 80 Kilometern und einem universellen Ladegerät. Für Quan ist dieses Fahrrad jedoch weit mehr als nur die Summe seiner ausgeklügelten Bauteile.

„Motor, Akku und so weiter, das ist alles sehr wichtig. Uns geht es aber um eine ganzheitliche Lösung und darum, ein E-Bike herzustellen, über dessen Innenleben sich die Fahrer überhaupt keine Gedanken zu machen brauchen“, so Quan. „Der Markt für E-Bikes wurde ursprünglich vorangetrieben von Tüftlern, die gerne Dinge auseinandernehmen und wieder zusammenbauen. Inzwischen sind wir aber auf dem Weg zum Massenmarkt, wo die Leute ein fertiges Produkt wollen, das funktioniert, gut konstruiert und erschwinglich ist. Letztendlich zählt das Fahrgefühl – und genau das wollen wir ihnen liefern.“

Jean Thilmany lebt als Publizistin und Lektorin in St. Paul/Minnesota. Sie schreibt seit langem über Konstruktionstechnologie, ein Thema, das sie fasziniert.

Ähnliche Artikel

Erfolgreich!

Sie sind angemeldet

Für alle, die mehr über die Gestaltung der Zukunft wissen wollen.

Unseren Newsletter abonnieren