Die Community of Things als Jazzband und Lebensretter

Von Mickey McManus
- 7. Jul 2015 - 5 min-LEKTÜRE
Micke Tong

Es ist der Albtraum aller Eltern: Ohne hinzusehen, jagt ein Kind seinem Fußball nach, rennt auf die Straße und wird von einem Auto überfahren. Aber was wäre, wenn Sensoren, Mikroprozessoren und das Internet der Dinge das Schlimmste verhindern könnten?

Im Moment übersteigt die Zahl der pro Jahr hergestellten Mikroprozessoren (winzige Computer, die Dinge zu vernetzten Geräten machen) die der Weltbevölkerung.

Sensoren und Mikroprozessoren sind in Ihrer Waschmaschine, Ihrer Kleidung, aber auch in Ihren Thermostaten und Autos verbaut. Zum Beispiel gibt es unter Ihrem Autositz Sensoren und Mikroprozessoren. Im Falle eines Aufpralls bestimmen diese anhand Ihres Gewichts den idealen Druck für den Airbag, bevor dieser sich öffnet.

Aber das ist erst der Anfang. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird aus dem Internet der Dinge eine wahre Community of Things entstehen (wie Jeff Kowalski, Chief Technical Officer bei Autodesk, sie in seinem Artikel über generatives Design beschreibt). Diese Community arbeitet dann gemeinsam daran, Probleme zu lösen und Leben zu retten.

community of things stoplight

Denken Sie zurück an den Anfang des Artikels und an den kleinen Jungen, der auf die Straße läuft. Dieses Mal verläuft die Geschichte jedoch ganz anders: Alle Dinge, die ihn umgeben, werden plötzlich lebendig, wie die Musiker in einer Jazzband, die gemeinsam improvisieren. Die Ampel am Ende der Straße schaltet auf Rot. Das Auto, das sich dem Jungen mit hoher Geschwindigkeit nähert, warnt seinen abgelenkten Fahrer und bremst ab. Ein Sensor in einem Straßenschild schickt ein Signal an einen anderen weiter entfernten Sensor. Dieser aktiviert eine Nagelsperre, die das Auto abrupt stoppt – wenige Sekunden, bevor es das Kind überfahren hätte.

Irgendwann wird es überhaupt keine abgelenkten Fahrer mehr geben. „In fünfzig Jahren werden unsere Kinder und Enkelkinder zurückblicken und sagen: ‚Ich kann gar nicht glauben, dass man damals noch selbst hinterm Steuer sitzen musste‘“, wie der CEO von Autodesk, Carl Bass, gegenüber der Zeitschrift Forbes erklärte.

Im Sommer 2015 führte Google im US‑Bundesstaat North Carolina auf öffentlichen Straßen Testfahrten mit seinen selbstfahrenden Fahrzeugen durch. Dem offiziellen Blog des Unternehmens kann man entnehmen, dass Googles selbstfahrende Autos fast 1,6 Millionen Kilometer zurückgelegt haben. Das entspricht etwa 75 Jahren Fahrerfahrung „eines durchschnittlichen erwachsenen US‑Bürgers“. Mit seinem Projekt möchte Google die Zahl der Verkehrsunfälle verringern, die auf Fehlverhalten der Fahrzeugführer zurückzuführen sind. Hierzulande waren laut Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahr 2014 immerhin 68,8 % aller Unfälle mit Personenschaden auf Fehlverhalten von PKW‑Fahrern zurückzuführen.

Doch wie geht es eigentlich dem kleinen Jungen? Er hat einen riesigen Schrecken bekommen, aber er ist am Leben, weil alle Sensoren und Maschinen in seiner Umgebung zusammengearbeitet haben, um sein Leben zu retten. So sieht die Zukunft in der Community of Things aus.

Hatten Sie jemals das Glück, einer großartigen Jazzband dabei zuzusehen, wie sie gemeinsam improvisiert? Es scheint fast so, als würden die einzelnen Musiker die Gedanken der anderen lesen. Der Saxophonist setzt zu einem Solo an, also wird der Schlagzeuger leiser. Der Klavierspieler wartet darauf, dass das Saxophon sein Solo beendet, und führt die Band dann zurück zum Grundrhythmus. Jeder Musiker hört zu und spürt instinktiv, wann er führen darf und wann er folgen muss.

community of things jazz band

Genauso werden sich künftig auch Sensoren und Maschinen verhalten. Sie werden subtil miteinander kommunizieren, Entscheidungen treffen und handeln. Thomas Frey, Senior Futurist beim US‑amerikanischen Da Vinci Institute, ist davon überzeugt, dass dann auch aggressives Fahrverhalten der Vergangenheit angehört.

„Durch den stetigen Informationsfluss, den die Sensoren generieren, werden Fahrzeuge eine symbiotische Beziehung mit [ihrer] Umwelt eingehen. Diese Beziehung wird sich stark von der Beziehung zwischen Mensch und Straße unterscheiden, da letztere vor allem auf Emotionen basiert.“

Und alles, was Google heute in seinen Fahrzeugen verbaut, wird vermutlich schon morgen in Ihre Schuhe integriert: Es gilt das mooresche Gesetz. Doch bevor intelligente Schuhe Wirklichkeit werden, kann die Zusammenarbeit in der Community of Things andere bedeutende Leistungen hervorbringen. Beispielsweise können Kunstfehler in der Medizin erkannt und deren Anzahl verringert werden. Je besser medizinische Geräte in Echtzeit aufeinander abgestimmt kooperieren, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Ihre Liebsten eine Operation unbeschadet überstehen.

Dabei kommt es jedoch auf die richtige Umsetzung an. Haben Sie schon mal eine Band spielen sehen, die offensichtlich nicht geprobt hatte? Sie erzeugt unrhythmische Missklänge. Oder stellen Sie sich eine Gruppe Kleinkinder vor, die bei einer Geburtstagsparty alle gleichzeitig nach ihrer Mama rufen. Natürlich können alle Gegenstände in Ihrem Haushalt miteinander vernetzt werden. Aber worin besteht der Sinn, wenn sich Ihr Leben dadurch nicht verbessert? Dann ist es einfach nur eine Gruppe von Dingen, die alle gleichzeitig nach Ihrer Aufmerksamkeit verlangen. Das klingt dann ungefähr so: „Nein Siri, ich hab nicht mit dir gesprochen! Ich wollte dem Thermostat etwas mitteilen. Halt, Waschmaschine! Sofort aufhören!”. In einigen Fällen kann ein IoT‑Gerät seinen menschlichen Besitzer auch inkompetent erscheinen lassen.

In der Musik können alle Instrumente perfekt aufeinander abgestimmt werden. Ein fabelhaftes Beispiel dafür bietet das Stück The Heroic Weather-Conditions of the Universe von Alexandre Desplat aus dem Soundtrack des Films „Moonrise Kingdom“. Dabei ist die Stille zwischen den Noten genauso wichtig wie die Noten selbst. Insgesamt kommen über 30 Instrumente zum Einsatz, darunter Harfen, Cellos, Vibraphone und B3-Orgeln, aber jedes der Instrumente respektiert die Stille und trägt genau die richtige Prise Klangwürze zur Vervollkommnung des Werkes bei.

generative design car chassis

Je mehr eine Band übt, umso stimmiger und schöner wird auch ihr musikalisches Zusammenspiel. Dieses Prinzip gilt auch in der Community of Things. Das Autodesk-Projekt Dreamcatcher beispielsweise generiert ausgehend von den Zielvorgaben der Designer viele verschiedene Entwürfe, die ein Mensch alleine niemals hätte erstellen können. Bei diesem Ansatz des generativen Designs finden auch geometrische Einschränkungen und Werkstoffeigenschaften Berücksichtigung.

Die Musiker einer Band tun sich zusammen, um gemeinsam einen vollen Klang hervorzubringen. Ähnlich könnten sich auch Dreamcatcher und der menschliche Designer bei der Entwicklung eines Fahrgestells mit der 3D-Druckplattform Spark vernetzen oder die Funktionen zum maschinellen Lernen nutzen, die Design Graph bietet, und so gemeinsam ein besseres Produkt erschaffen.

Design Graph wertet eine unvorstellbar große Anzahl von geometrischen Daten aus – 150 Millionen Bauteile und Komponenten. Diese werden kategorisiert und gekennzeichnet. Man verschwendet also keine Zeit mehr damit, die grundlegenden Bestandteile eines Fahrgestells zu entwerfen. Stattdessen können Dreamcatcher und Spark mithilfe von Design Graph improvisieren und die passenden Teile heraussuchen. So verbleibt mehr Zeit, um einen innovativen Gesamtentwurf für das Auto zu entwickeln.

Das Vorgehen gleicht dem einer gut eingespielten Band, die darauf hinarbeitet, hervorragend filigrane Musik zur Aufführung zu bringen. Wenn die Community of Things so perfekt aufeinander abgestimmt ist wie die handverlesenen Musiker eines Jazzensembles, können die vernetzten Dinge zusammenarbeiten, sich selbst verbessern und sogar Leben retten.

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