Ein neues Gleichgewicht der Kräfte: gridX fördert saubere Energie mit dezentraler Stromerzeugung

Von Markkus Rovito
- 24. Aug 2017 - 7 min-LEKTÜRE
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Es geschah am 27. September 2016 nach Einbruch der Dunkelheit: Eine leuchtend blaue Laserprojektion zeichnete den Schriftzug „STOP TIHANGE UND DOEL“ (das zweite belgische Atomkraftwerk) auf das Atomkraftwerk Tihange in der belgischen Gemarkung Huy. Die zuständigen Behörden verscheuchten die „Täter“ kurz darauf. Es waren die jungen Gründer des Aachener Startup-Unternehmens gridX.

Ihre Aktion gelang als wohldurchdachter Balanceakt zwischen ehrlichem Protest und raffinierter Marketingstrategie. Und das Risiko hatte sich gelohnt, denn anschließend gab es reichlich positive Publicity für das Startup gridX, das die neuen Mechanismen der Sharing Economy gekonnt gegen die Wirkungsweise einer Branche ausbalanciert, die so alt ist wie die Windmühlen: die Energieversorgung. Die Gründer von gridX, CEO David Balensiefen und CTO Andreas Booke, sind beide Mitte 20 und wissen, dass ihre Kunden – Nutzer von Solarmodulen und Elektrofahrzeugen – ein gutes Gleichgewicht zwischen selbstlosem Umweltschutz und wirtschaftlichem Anreiz suchen. Und auch die gridBox, ein vom Unternehmen neu auf den Markt gebrachter „WLAN-Router“ zur Energiespeicherung und dezentralen Energieerzeugung, besticht durch ein ausgewogenes Verhältnis aus gefälliger Form und wesentlicher Funktion.

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Protest-/Publicity-Aktion von gridX am belgischen Atomkraftwerk Tihange. Mit freundlicher Genehmigung von gridX.

Mit Balance und Ausgleich kennt man sich bei gridX also bestens aus. Diese Kenntnisse knüpfen perfekt an die eigentliche Zielsetzung des Unternehmens an: Es möchte die Energiekapazität von Solarenergiesystemen tagsüber gleichmäßig verteilen und so die Abhängigkeit von Atomkraft und fossilen Brennstoffen verringern. Das Startup ist darauf vorbereitet, sich in Deutschland (und ganz Europa) mit 1,7 Millionen Solarenergiesystemen und über 70.000 Elektrofahrzeugen zu vernetzen.

Bis vor kurzem war über einfach nur ein ganz gewöhnliches deutsches Adverb, das Amerikaner gern als hippes Synonym für „extrem“ verwenden. Mit dem Erfolg des Fahrdienstes Uber, der unsere Unternehmens- wie Alltagskultur verändert hat, ist das Wort nun zu einem Marker für den Bruch mit herkömmlichen Systemen, für Ressourcen-Dezentralisierung und Sharing Economy geworden. Nachdem unzählige Startups fix mit „dem Uber des Wäschewaschens“ oder „dem Uber des Zähneputzens“ an den Markt gingen, ist der Vergleich mittlerweile reichlich über-strapaziert.

Auf gridX trifft er allerdings wirklich zu. Private Eigentümer von Photovoltaikmodulen (Solarpanelen), batteriegestützten Energiespeichersystemen (wie z. B. Elektrofahrzeugen) und Wärmepumpen brauchen nur ein Kabel und die gridBox (Kaufpreis 449 EUR), und schon können sie ihre Überschussenergie an Stromanbieter verkaufen und im Gegenzug Netzstrom nach Bedarf nutzen. Genau wie Uber dezentralisiert gridX eine Ressource. So wird jeder Haushalt, der sich eine gridBox anschafft, zu einem Miniaturkraftwerk mit einer Chance auf Erträge durch eingespeisten Strom. Das Unternehmen stellt die Hardware und Software, mit der sich die Energieressourcen dieser einzelnen Haushalte bündeln lassen.

Eine weitere gute Eigenheit, die gridX und Uber verbindet, ist eine gewisse Hartnäckigkeit, mit der sie Klippen umschiffen: Als niemand den Gründern die Genehmigung erteilen wollte, ihre Erfindung zu verwirklichen, taten sie es einfach selbst.

Als der Elektroingenieur David Balensiefen nach seinem Uniabschluss für einen Energieversorger arbeitete, fragte er sich, warum man kleinere Energiequellen wie Solarpanele, Batterien und Wärmepumpen nicht organisiert ins nationale Stromnetz einbinden könnte. Laut Internationaler Energieagentur gab es zum Jahresende 2016 in Deutschland immerhin Solaranlagen mit einer Gesamtkapazität von 41,2 GW – das ist weltweit die höchste! Laut Balensiefens Schätzung wird etwa die Hälfte dieser Kapazität nie verbraucht.

„An einem besonders sonnigen oder windigen Tag wird für das Netz zu viel Energie produziert“, erläutert er. „Und im Gegensatz zu Energie aus Kohle oder Gas muss diese Energie sofort abgenommen werden. Leider gibt es keine intelligente Verbindung zwischen den Kraftwerken, also können wir die z. B. in Ungarn erzeugte Energie nicht in dezentralen Batterien in Deutschland zwischenspeichern und nachts verbrauchen.“

Zudem will Deutschland 2022 auch die verbleibenden acht deutschen Kernkraftwerke vom Netz nehmen, die laut Weltnuklearverband WNA über eine Gesamtbetriebskapazität von 10,7 GW verfügen. Würde nun die in Deutschland generierte Solarenergie effizient verwaltet, könnte sie allem Anschein nach sogar mehr als die Leistung aller deutschen Atomkraftwerke ersetzen. Aber als Balensiefen seinem Chef vorschlug, ein Gerät zur Netzeinspeisung von Solarenergie aus kleinen Hausanlagen zu erfinden, begründete dieser seine Ablehnung mit der Unwirtschaftlichkeit eines derartigen Unterfangens.

Die Idee für die gridBox entstand während einer mehrwöchigen Expedition nach Amerika, bei der Balensiefen von Andreas Booke, einem Mechatroniker (quasi eine Kombination aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Software-Engineering), begleitet wurde. Beide interessierten sich dafür, Energiesysteme im Kleinformat auf den Markt zu bringen, und so nutzten sie ihr gemeinsames Wissen und skizzierten ein erstes Konzept für die gridBox irgendwo in Ekuador auf eine Serviette.

2015 gewannen die Jungunternehmer einen kleinen Gründerwettbewerb und wurden in das TechFounders-Programm von UnternehmerTUM (das Zentrum für Innovation und Gründung der TU München) aufgenommen. Damit war ihnen der zugehörige Makerspace zugänglich, den sie zur Entwicklung eines Prototyps nutzen konnten. Trotzdem waren die Ressourcen des kleinen Unternehmens nach wie vor knapp, und wie Balensiefen bescheinigt, half ihnen die Entwicklung der gridBox mittels Autodesk-Software dabei, Geld für die Erstellung der Hardware-Prototypen zu sparen.

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Die gridX-Gründer nutzten den MakerSpace von UnternehmerTUM, dem Zentrum für Innovation und Gründung der TU München. Mit freundlicher Genehmigung von UnternehmerTUM/Bert Willer.

Von Booke stammt der überwiegende Teil des Designs für die gridBox, die zu den ersten mit Autodesk Eagle Software für Leiterplatten-Layouts und Fusion 360 entwickelten Produkten gehört. „Die Integration der Entwicklung von Elektronik- bzw. Leiterplatten in den mechanischen CAD-Prozess war immer schwierig für uns“, gesteht Booke. „Die insgesamt unkomplizierte Software und die automatische Versionskontrolle haben uns die Iteration wirklich vereinfacht. Für uns als Startup war das besonders wichtig, denn so konnten wir schnell verschiedene Designs testen. Durch das cloud-gestützte Synchronisieren hatten wir außerdem die Möglichkeit, dem Marketing und der Geschäftsentwicklung neue Produkteigenschaften problemlos zu präsentieren.“

Normalerweise ist die gridBox eher unauffällig in einer Garagenecke oder im Keller untergebracht, trotzdem legt man bei gridX Wert auf ansprechendes Produktdesign. „Die Funktion ist wohl wichtiger als das Design, aber wir wollten den Kunden auch etwas bieten, wenn sie daheim ihr Paket von gridX aufmachen“, so Balensiefen. „Wir sind deutsche Ingenieure und das wollten wir auch in die Gestaltung einfließen lassen. Das Produkt musste irgendwie schwer sein, denn ein leichtes Gerät schätzt man schnell als weniger wertvoll ein. Und es musste aus Aluminium gefertigt werden, denn das fühlt sich kühl und sehr technisch an.“

Während sich Booke um die Hardware für die gridBox kümmerte, wurde gleichzeitig an der Entwicklung der gridX-Software gearbeitet. „Die Software sorgt für das eigentliche Wunder“, erläutert Balensiefen, denn die gridBox musste als universelles Plug-and-Play-System mit den Solarpanelen, Wärmepumpen und Batteriesystemen aller Hersteller kompatibel sein.

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Die gridBox von gridX verfügt über die gleiche Plug-and-Play-Funktionalität wie ein WLAN-Router. Mit freundlicher Genehmigung von gridX.

„Das war einer der kniffligsten Aspekte“, verrät Balensiefen. „Für echte Plug-and-Play-Funktionalität mussten wir gewährleisten, dass die gridBox mit Geräten aller Art kommunizieren kann. Der Anwender muss sie nur an den Wechselrichter anschließen und den Netzstecker in eine Steckdose stecken. Dann konfiguriert sich die Box selbst. Es sollte so simpel sein wie bei einem WLAN-Router.“

Eine Webanwendung überwacht die Daten der gridBox, z. B. werden die Haushaltsgeräte mit dem höchsten Stromverbrauch ermittelt. Jeder Cent aus der Einspeisung von überflüssiger Energie ins Netz wird automatisch auf ein Bankkonto überwiesen. Laut Balensiefen kann der durchschnittliche Kunde seine jährliche Stromrechnung so um ca. 30 Prozent senken, auch wenn das natürlich je nach Gerätekapazität der einzelnen Haushalte variiert.

„Ich glaube, es liegt in der deutschen Mentalität, alles durchzurechnen und dann zu entscheiden: ‚Ok, ich kauf eine Speicherbatterie, denn nach 10 Jahren hat sie sich amortisiert‘“, meint Balensiefen. „Aber im Moment gibt es genauso viele Menschen, die aus Gründen des Umweltschutzes über die Anschaffung nachdenken. Der Umstieg auf erneuerbare Energien ist schon für unsere Nachkommen extrem wichtig, er muss aber auch ökonomisch sinnvoll sein.“

Teilweise war es sicher auch der Publicity durch ihre Anti-Atomkraft-Aktion in Belgien geschuldet – jedenfalls konnte sich Booke schon über die Anzahl der Vorbestellungen freuen, bevor die gridBox Mitte August auf dem Markt gebracht wurde. Mehr als 150 gridBox-Kunden handelten bereits in der Prelaunch-Phase mit ihrer Energie, und laut Balensiefen sind der Größe des innovativen Stromnetzes keine Grenzen gesetzt. Innerhalb der Europäischen Union gibt es einen grenzüberschreitenden Energiehandel, und so plant gridX, sein Netzwerk im kommenden Jahr auf Frankreich und Italien zu erweitern. Später soll dann auch nach Spanien und in weitere Länder expandiert werden. Ein Batteriespeichersystem ist zwar keine Grundvoraussetzung für den Einsatz der gridBox – dennoch sind die sinkenden Preise für Speicherbatterien für gridX schon mal vielversprechend.

„Je größer das Netzwerk wird, desto besser ist das für uns, für die Energieumsetzung, für die Umwelt“, so Balensiefen. „Wir entwickeln uns zum größten digitalen Energieversorgungsunternehmen – und das ohne jede Vernetzung mit einem herkömmlichen Kraftwerk.“

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