Designer-Sprechstunde: Donald Norman – Verfechter der menschenorientierten Gestaltung

Von Heather Miller
- 1. Apr 2015 - 5 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von Don Norman

Donald Norman lebt menschenorientierte Gestaltung. Sein wegweisendes Buch The Design of Everyday Things: Psychologie und Design der alltäglichen Dinge und seine bahnbrechende Arbeit bei HP, Apple sowie dem internationalen Design- und Innovationsberatungsunternehmen IDEO setzen neue Maßstäbe für am Menschen orientierte Gestaltung.

Norman ist bereits zweimal in den Ruhestand gegangen, aber irgendwie hält er nie lange durch. An der University of California, San Diego, hat er nun im dortigen Design Lab eine weitere neue Stelle angetreten. Er hofft, dass dort eine Hauptanlaufstelle für Menschen entsteht, die die Gestaltung verändern wollen und bei der Lösung der wichtigsten soziotechnischen Probleme unserer Gesellschaft kreative, menschenorientierte Ansätze verfolgen. Den Schlüssel dazu bildet menschenorientiertes Design‑Thinking.

In unserer Sprechstunde gewährt uns Norman viele verschiedene Einblicke: Er spricht nicht nur über sein neues Projekt, sondern auch über Situationen, in denen Designer manchmal versuchen, die „falschen“ Probleme zu lösen, und die Notwendigkeit, intensiv über die Kommunikation mit selbstfahrenden Autos nachzudenken. Denn wie genau teilt Ihnen ein fahrerloses Fahrzeug eigentlich mit, dass es Sie gesehen hat? Lesen Sie weiter und erfahren Sie mehr über die Herausforderungen, die neue digitale, soziale und physische Realitäten an die Gestaltung der menschlichen Lebenswelt stellen.

Sie haben im Laufe Ihres Berufslebens an den unterschiedlichsten Projekten mitgewirkt und bringen sich nun am Design Lab der University of California in einem komplett neuen ein. Worum genau geht es bei diesem Design Lab und was können wir erwarten?
Mit dem Design Lab verfolgen wir mehrere Ziele. Der Schwerpunkt soll auf der Frage liegen, welchen Beitrag Gestaltung zur Lösung aktueller komplexer soziotechnischer Probleme unserer Gesellschaft leisten kann. Es geht zum Beispiel um Probleme im Gesundheits- und Bildungswesen, aber auch um die Zukunft der Arbeitswelt, in der der Automatisierungsgrad immer weiter zunimmt.

Heutzutage führt Automatisierung dazu, dass Arbeitsplätze verloren gehen. Warum sollte dieser Ansatz nicht dahingehend verändert werden, dass Aufgaben durch Automatisierung erweitert und unser Leben interessanter bzw. unsere Arbeit erfüllender gestaltet wird? Wir sprechen in diesem Zusammenhang vom „human-technology teamwork“ (Teamarbeit zwischen Mensch und Technologie).

Wir möchten daran arbeiten, wie Designer diese Probleme angehen, und dafür ist menschenorientiertes Design‑Thinking entscheidend.

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Mit freundlicher Genehmigung von Don Norman

Können Sie ein konkretes Beispiel dafür nennen, wo Designer Ihrer Meinung nach versuchen, das „falsche“ Problem zu lösen?
Im Gesundheitswesen gibt es zahlreiche komplexe Probleme und viele Personen arbeiten an Verbesserungen für Patienten. Das ist nachvollziehbar, aber ich glaube, dass Verbesserungen für das medizinische Personal genauso wichtig sind.

Dienstleistungsentwickler wollen die Kundenerfahrung verbessern. Aber was ist eigentlich mit den Menschen, die die Kunden betreuen, was ist mit den Mitarbeitern des Unternehmens? Auch sie sollen ihre Arbeit positiv erleben. Daraus ergeben sich zwei Vorteile. Erstens: Die Mitarbeiter profitieren von einem verbesserten Arbeitsklima und bleiben ihrer Firma länger treu. Und zweitens: Menschen, die ihre Arbeit gern machen, erbringen bessere Leistungen. Für das Gesundheitswesen bedeutet das zum Beispiel, dass sich die Qualität der Pflege verbessert, was wiederum direkt den Patienten zugutekommt.

Gibt es bestimmte Innovationen, die die menschenorientierte Gestaltung vor viel komplexere Herausforderungen stellen als andere?
Ja, denken Sie beispielweise an die Automatisierung von Fahrzeugen und die möglicherweise damit verbundenen Konsequenzen.

Eine Person versucht, über die Straße zu gehen, als sich ein selbstfahrendes Auto nähert. Woher weiß sie, dass sie gesehen wurde? Kann sie die Straße sicher überqueren? Stellen wir uns vor, Sie als Fahrer möchten einem solchen Auto an der Kreuzung die Vorfahrt gewähren. Woher wissen Sie, dass das Auto Ihr Zeichen gesehen hat, bzw. was passiert, wenn das selbstfahrende Auto Sie vorlassen möchte – wie gibt es das zu verstehen?

Über dieses Szenario müssen wir nachdenken. Soziale, physische und technische Aspekte beeinflussen unsere Lebensweise.

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Mit freundlicher Genehmigung von Don Norman

Nennen Sie uns einige der wichtigsten Herausforderungen für Designer der Gegenwart.
Ich glaube, wir haben eine schlechte Zeit durchgemacht und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich den Bereich Design. Alles spielte sich auf Bildschirmen und in digitaler Form ab. Endlich wenden wir uns wieder physischen Objekten zu. Endlich geht es wieder um Dinge, die wir berühren, bewegen und verstehen können. Dem Siegeszug von leistungsfähigen kleinen und preiswerten Werkzeugen wie 3D‑Druckern, Laserschneidern und einfachen, aber leistungsstarken Zeichenwerkzeugen ist es zu verdanken, dass jeder wundervolle Dinge für sich und seine Freunde erschaffen kann. Wir erleben gerade die Rückkehr zur individuellen Gestaltung. So wird es möglich, Dinge für uns herzustellen bzw. Dinge für uns entwickeln und anfertigen zu lassen, die unsere Bedürfnisse und unsere Persönlichkeit widerspiegeln. Wir sind nicht mehr länger darauf angewiesen, uns für ein in Massen produziertes Produkt zu entscheiden.

 

Was wir brauchen, sind Werkzeuge, die es allen erleichtern, Designs zu erstellen. Designer arbeiten immer noch mit Whiteboards und Post-its. Wir brauchen bessere Arbeitsmittel.

 

Hat Sie in der letzten Zeit irgendein Design oder eine Erfindung so sehr beeindruckt, dass Sie dachten: „Wow, die haben’s echt drauf?“
Mich begeistert vor allem die Kombination von Systemen. Meist konzentriert man sich beim Design auf eine einzelne Dienstleistung oder ein einzelnes Produkt. Wirklich beeindruckend wird es aber, wenn man diese miteinander verbindet. Erst gestern habe ich so etwas erlebt. Einige mögen es vielleicht nicht als etwas Besonderes empfinden, aber für mich steht es beispielhaft für die Macht, die das Zusammenführen verschiedener Wissensquellen hervorbringt.

Ich war bei einem Vortrag und auf der Leinwand zeigte der Redner ein Zitat des Architekturkritikers Lewis Mumford. Ich dachte mir: „Oh, das Zitat gefällt mir. Vielleicht verwende ich es eines Tages sogar selbst.“ Ich zog mein Handy aus der Tasche, um schnell ein Bild zu machen, bevor der Redner zur nächsten Folie wechselte. Leider ging alles so schnell, dass ich nicht den ganzen Text erfassen konnte. Ich dachte mir: „Na gut, wenigstens hast du ein Bild.“

Ich ging davon aus, dass ich mir das Bild zu Hause anschauen und dann nach dem vollen Wortlaut des Zitats suchen würde. Aber mein Telefon vibrierte und teilte mir mit, dass es das Bild analysiert und dann das Internet nach der entsprechenden Wortfolge durchsucht hatte. Dabei hat es einen Aufsatz des Redners gefunden, in dem genau dieses Zitat vorkam.

Mir war gar nicht bewusst gewesen, dass der Redner diesen Aufsatz verfasst hatte, aber es ist etwas, dass ich definitiv lesen will. Ich musste gar nicht darum bitten, mein Telefon machte alles von selbst. Und genau darin liegt die Macht: Ich musste nicht mal darum bitten.

Hinweis der Redaktion: Dies ist die erste Ausgabe der neuen Redshift‑Rubrik „Designer‑Sprechstunde“. Freuen Sie sich auf neue Interviews, in denen Sie aus erster Hand mehr über die Denkweise führender Designer aus allen Bereichen und Disziplinen erfahren.

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