Das wahre Leben eines Maschinenbauingenieurs: Scott Wertel über den Arbeitsalltag eines erfolgreichen Beraters

Von Erin Hanson
- 20. Okt 2015 - 6 min-LEKTÜRE
Scott Wertel begeistert sich unter anderem für innovative generative Fertigungsverfahren. „Und zwar vor allem, weil sie mich vor neue Herausforderungen stellen“, so Wertel.

Scott Wertel ist ein vielbeschäftigter Mann. Er hat eine Vollzeitstelle als Configuration Manager bei einem kleinen Rüstungskonzern und ist nebenbei Inhaber eines erfolgreichen Beratungsunternehmens mit Schwerpunkt Maschinenbau, das seinen Namen trägt: Wertel Enterprises, LLC. Hat er viel zu tun? Na klar! Aber sein Schreibtischjob hindert ihn nicht daran, kreativ zu sein.

 

Wertel sagt, er habe sich wegen seiner Leidenschaft für den Weltraum für eine Karriere als Maschinenbauingenieur entschieden. Astronaut konnte er wegen einer Sehschwäche leider nicht werden. Ein Maschinenbaustudiumschien schien da die logische Konsequenz, um doch noch in diesem Bereich Fuß fassen zu können. Schon als Collegestudent absolvierte Wertel ein Praktikum bei Boeing in Houston, wo er an Projekten für die Internationale Raumstation mitwirkte. Seitdem war er immer in der Luftfahrt- und Verteidigungsindustrie tätig.

Für uns beschreibt Wertel nun, wie das wahre Leben eines Maschinenbauingenieurs mit Beratungsaufgaben aussieht. Er berichtet über kreative Höhenflüge, buchhalterische Tiefs und darüber, was ihn motiviert, stets sein Bestes zu geben.

Was gefällt Ihnen am besten an der Arbeit als Maschinenbauingenieur?
Man kann kreativ sein. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich nebenbei meine eigene Firma habe: Das Entwerfen fehlt mir. Bei meiner Vollzeitstelle erstelle ich keine Entwürfe, aber ich lasse meiner Kreativität gern freien Lauf. Ich mag es, neue Ideen zu entwickeln, und suche liebend gern Lösungen für die Probleme der Auftraggeber. Außerdem gefällt es mir, Neues zu entdecken und zu lernen. Das gelingt mir aber nur, wenn ich stets mit neuen und schwierigen Problemen konfrontiert werde, mit denen ich mich intensiv beschäftigen muss.

Stetig etwas dazu zu lernen, ist das Schönste an meinem Arbeitstag. Dabei ist es mir egal, ob ich einfach nur eine neue, äußerst zeitsparende Möglichkeit entdecke, wie ich etwas in einem CAD‑System darstellen kann, oder ob ich umfassende Nachforschungen zu einem mir bis dato unbekannten Problem der höheren Mathematik anstellen muss.

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„Ich bin in der Rüstungsindustrie tätig. Mir ist bewusst, dass die Handlungen der Endanwender sich auf die Gestaltung der Welt auswirken, deshalb ist es für mich sehr leicht, das Ergebnis meiner Arbeit zu erkennen“, sagt Scott Wertel. Mit freundlicher Genehmigung von Scott Wertel.

Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Entwurf den Vorstellungen Ihrer Auftraggeber entspricht?
Am Ende interessiert meine Auftraggeber vor allem eines: Wird das so funktionieren und ist das genau das, was ich verlangt habe? Wenn sie etwas auf dem Bildschirm betrachten, wissen sie gar nicht so genau, was sie da eigentlich sehen. Sofern nicht auch ein Ingenieur dabei ist, sind Simulationsergebnisse den Auftraggebern unwichtig. Damit beschäftige ich mich nur allein. Ich stelle dem Auftraggeber diese Ergebnisse nicht einmal vor. In den meisten Fällen empfinden sie das ganze Thema als viel zu kompliziert und interessieren sich auch nicht dafür. Sie wollen einfach nur wissen, ob etwas funktioniert oder nicht. Natürlich stelle ich die erforderlichen Berechnungen an und stelle sicher, dass es funktioniert.

 Wann kann man sagen, dass die Entwurfspräsentation beim Auftraggeber ein durchschlagender Erfolg war, und wann gilt sie eher als Misserfolg?
Natürlich sind meine Präsentationen manchmal erfolgreich und manchmal nicht und natürlich erhalte ich auch Feedback. Verlief eine Präsentation eher suboptimal, lag das eigentlich immer daran, dass ich mich vorher nicht sorgfältig genug vorbereitet und die eigentlichen Anforderungen des Auftraggebers nicht verstanden hatte. Außerdem ist das eine von den Situationen, in denen der Auftraggeber nicht weiß, was er will. Der Auftraggeber weiß, dass er etwas braucht, hat aber keine Ahnung, was genau. Man stellt dann ein paar Konzepte vor, und am Ende sagt der Auftraggeber: „Oh, ich hatte mir das ganz anders vorgestellt.“ Mittlerweile habe ich aber gelernt, meine Auftraggeber schon vorher nach ihren Vorstellungen zu fragen.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus, nachdem Sie die Anforderungen des Auftraggebers begriffen haben?
Ich verbringe viel Zeit am Computer. Weil ich außerhalb der Geschäftszeiten und extern arbeite, halte ich alle Leistungen fest, die ich für einen Auftraggeber erbringe. So hat er stets einen aktuellen Überblick über die geleisteten Stunden usw. Wie mein Arbeitsalltag aussieht, hängt auch sehr von dem Projekt ab, an dem ich gerade arbeite. Muss ich lediglich ein simples Werkzeug oder eine Einspannvorrichtung entwerfen, läuft ein normaler Bottom‑Up‑Design‑Prozess ab. Ich erstelle einige Teile, baue sie zusammen und mache während des Entstehungsprozesses ein paar Fotos. Die schicke ich dann per E-Mail an den Auftraggeber, damit er sieht, dass sein Projekt Fortschritte macht und ich ihn nicht vergessen habe. So kann man sich das ungefähr vorstellen.

Worüber machen Sie sich Sorgen, wenn Sie gerade mitten in einem Projekt stecken?
Wenn ich mitten im kreativen Prozess stecke, denke ich die ganze Zeit über das nächste Teil nach: wie wird es zusammengesetzt, wie wird es funktionieren usw. Ich träume sogar davon: Habe ich das richtig gemacht? Wie sieht es damit aus? Habe ich eine Interferenz übersehen? Oh verdammt, ich muss daran denken, die Größe des Motors anzupassen, weil ich an anderer Stelle etwas verändert habe.

Sowohl bei meiner Vollzeitstelle, aber auch in meinem eigenen Unternehmen gibt es eine Sache, die mir am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Mittlerweile brauche ich nicht mehr lange, um die Geometrie zu erstellen und den Entwurf anzufertigen. Aber wenn man mit einem Master-Model‑Ansatz arbeitet, ist die Verwaltung der Links sehr aufwendig. Man muss alle Metadaten im Auge behalten, damit alle Dateieigenschaften stimmen. Nun ist es also vielmehr die Verwaltung der Dateien, die mich Zeit kostet. Nachts liege ich wach und mache mir Sorgen darüber, dass ich vielleicht einen Link beschädigt habe, dass ein Verweis falsch ist oder dass ich an der falschen Version arbeite.

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Gibt es bestimmte Aufgaben, die Ihnen überhaupt nicht liegen?
Ich hasse Buchhaltung. Sie ist ein notwendiges Übel, das erledigt werden muss, mir aber kein Geld einbringt. Wenn ich bei einem Auftrag nicht vorankomme, sind das indirekte Kosten. Das tut weh. Am Ende dauert es manchmal genauso lange, den Überblick über all diese Dinge zu behalten, wie den Auftrag wirklich abzuschließen.

Wie entscheiden Sie, welches CAD‑Tool Sie bei einem Projekt einsetzen?
Ich benutze das CAD‑Tool, das vom Auftraggeber gewünscht wird. Ich arbeite gerade daran, meine Kenntnisse im Umgang mit Autodesk Fusion 360 zu vervollkommnen. Sobald ich schnell damit umgehen kann, werde ich stets als erstes auf dieses Programm zurückgreifen. Und zwar wegen der Möglichkeiten, die es zum Speichern von Daten in der Cloud, aber auch zur Teamarbeit bietet. Zuhause kann ich an meinem Schreibtisch‑PC arbeiten und unterwegs an meinem Laptop, weil die Software keine Node-Lock-Lizenz hat. So kann ich es immer dort aufrufen, wo ich gerade arbeite.

 Was motiviert Sie dazu, bei der Arbeit Ihr Bestes zu geben?
Wenn ich mir nachts nicht über beschädigte Links Gedanken machen würde, würden mich sicherlich andere Fragen wachhalten, zum Beispiel: Habe ich heute bei der Arbeit einen guten Job gemacht? Habe ich heute etwas erreicht? Das ist es also, was mich motiviert und zum Weitermachen anspornt. Ich stelle sehr hohe Ansprüche an mich selbst und möchte diese auch erfüllen.

 Die Reihe „Das wahre Leben …“ von Redshift gibt Einblick in das Leben von Architekten, Ingenieuren, Bauunternehmern, Planern und anderen Akteuren der Baubranche.

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