Das wahre Leben eines Bauingenieurs: Daniel Iliyn über die Puzzleteile der Verkehrsplanung

Von Kylee Swenson
- 11. Nov 2015 - 6 min-LEKTÜRE
Visualisierung des InfraWorks-Modells für das Projekt zur Erweiterung der 124th Avenue zwischen Tualatin und Sherwood in Oregon. Mit freundlicher Genehmigung von David Evans & Associates.

Manche Menschen verfolgen jahrelang einen beruflichen Irrweg, bevor sie ihre wahre Leidenschaft entdecken. Andere umgehen Identitätskrisen und folgen von Anfang an ihrer wahren Berufung. Es liegt in ihrer DNA, aus irgendeinem glücklichen Grund..

Zu letzteren zählt zweifellos Daniel Iliyn, ein Bauingenieur für Straßen und Schnellstraßen bei David Evans and Associates, Inc. (DEA) in Portland im US-Bundesstaat Oregon. Schon als Kleinkind deutete einiges darauf hin, dass er später einmal Ingenieur werden würde.

Spulen wir vor ins Jahr 2010: Iliyn absolviert die Oregon State University mit einem Bachelor of Science in Bauwesen und tritt eine Stelle bei DEA an. Er hat seine Lizenz als professioneller Ingenieur (Professional Engineer, PE) zwar erst im vergangenen Jahr erhalten. Er führte jedoch von Anfang an wichtige Planungs- und Projektierungsarbeiten aus, darunter ein mehrere Milliarden US-Dollar schweres Stadtbahn-Vorhaben sowie ein Projekt, bei dem eine durch einen aktiven Steinbruch hindurchführende Fahrbahn um acht Kilometer verlängert wurde.

Hier verrät er, wie das wahre Leben eines Bauingenieurs aussieht – von den kreativen Herausforderungen und dem schwierigen Umgang mit der Öffentlichkeit bis hin zu seiner aufregenden ersten Bahnfahrt mit seinem dreijährigen Sohn, vorbei an den von ihm entworfenen umliegenden Straßen.

Warum haben Sie sich für eine Karriere im Bauwesen entschieden?
Als ich klein war, waren Zahlen und Puzzle meine Leidenschaft. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich im Alter von zwei Jahren Puzzle mit 100 Teilen selbstständig gelöst habe. Seit ich Puzzleteile in die Hand nehmen konnte, liebe ich es, Dinge zusammenzufügen.

Für mich ist das Bauingenieurswesen einfach ein riesiges Puzzle, vor allem, wenn wir über das Verkehrswesen sprechen. Hier geht es zum Beispiel darum, einen Gehsteig sowie Radweg auf einem vorhandenen Streifen unterzubringen, der nicht genügend Platz bietet, und dabei um bestehende Spuren und Objekte herum zu manövrieren.

Daniel Iliyn signing roadway plans
Daniel Iliyn bei der Unterzeichnung von Ausführungsplänen für eine Fahrbahn. Mit freundlicher Genehmigung von David Evans & Associates.

Welche Rolle spielt Kreativität bei Ihrer Arbeit?
Kreativität kommt ins Spiel, wenn du es in einer dreidimensionalen Welt mit einer Reihe von Beschränkungen zu tun hast. Eine der größten Herausforderungen für Verkehrsingenieure besteht darin, die Wünsche von Bauherren mit denen der Öffentlichkeit in Einklang zu bringen und gleichzeitig ein sicheres, effizientes und kostengünstiges Konzept zu schaffen, das den jeweils geltenden Bauvorschriften entspricht.

Im Straßenbau ist eine Vielzahl von Aspekten zu berücksichtigen, wie z. B. die Vorschriften bezüglich der zulässigen Steigung und Breite, wie viele Spuren die Straße haben muss und für welche Art von Fahrzeugen sie konstruiert werden soll. Gleichzeitig gibt es externe Faktoren wie Umwelteinwirkungen – es kann z. B. vorkommen, dass ein Feuchtgebiet oder ein bestimmter Prozentsatz der Bäume nicht angetastet werden dürfen, da sie sich innerhalb eines Uferstreifens oder einer anderen Art von ökologischem Schutzgebiet befinden. Oder ein Gebäude bzw. eine Straßenecke dürfen nicht verändert werden, da sie unter Denkmalschutz stehen. Werden all diese verschiedenen Teile einbezogen, sind jede Menge Ideen und Kreativität gefragt, um zu einem Ergebnis zu gelangen, das dem Bauherren zusagen könnte.

Außerdem gehen wir zum Einsatz von 3D-Visualisierung in Kombination mit BIM [anhand von Autodesk InfraWorks 360] in der Anfangsphase von Projekten über. Dabei werden Bilder und Videos erstellt, um Nicht-Ingenieuren – darunter unsere Auftraggeber und die Öffentlichkeit – unser Planungsziel bzw. unsere Vision für ein Vorhaben zu vermitteln.

Wir setzen uns intensiv mit der Öffentlichkeit auseinander, da wir neue Straßen mitten durch ihre Gärten bauen oder Straßen vor ihrem Haus bzw. ihrem Geschäft verbreitern. Die Leute haben sehr viel Interesse an den Projekten, an denen wir arbeiten. Daher veranstalten wir öffentliche Versammlungen und Tage der offenen Tür, bei denen sich Besucher ein Bild von den Bauvorhaben und ihrem Fortschritt machen können.

InfraWorks model of the 124th avenue intersection in Oregon
„Die Arbeit mit InfraWorks macht unheimlich viel Spaß,“ erklärt Daniel Iliyn. „Ich habe das Gefühl, ich werde dafür bezahlt, SimCity zu spielen.“ InfraWorks-Visualisierung des Projekts zur Erweiterung der 124th Avenue mit freundlicher Genehmigung von David Evans & Associates.

Wie wirken Sie Ängsten und Frustrationen der Öffentlichkeit entgegen?
Wenn wir mit dem Bauherren zu einem Tag der offenen Tür gehen, müssen wir darauf achten, genau zu erklären, warum etwas notwendig ist und weshalb die Auswirkungen derart weitreichend sind. Am anstrengendsten sind diese Gespräche, wenn wir es mit Nicht-Ingenieuren zu tun haben, die die Bauvorschriften nicht verstehen und Fragen stellen wie: „Warum muss die Böschung bei dieser Straße so breit sein und durch mein Grundstück führen?“ Als Planer muss ich mein Bestes tun, die Gestaltungsabsicht hinter dem Projekt so zu präsentieren, dass die Öffentlichkeit sie versteht, was mitunter schwierig sein kann.

Wovor graust es Ihnen bei Ihrer Arbeit?
Eine Sache, die mich als Berater manchmal wahnsinnig macht, ist das Jonglieren schwieriger Anforderungen seitens des Bauherrn und der Öffentlichkeit. Es kam schon vor, dass der Bauherr von uns verlangte, etwas auf eine Weise zu entwerfen, mit der ich nicht unbedingt einverstanden war. Ich war überzeugt, dass es einen effizienteren Weg gegeben hätte. In diesen Fällen musst du abwägen, wie wichtig es dir ist, dich gegen den Bauherren durchzusetzen.

Da gab es z. B. diesen Abschnitt eines Straßenbauprojekts. Diesen verbanden wir mit einem kleinen Abschnitt eines vorhandenen Gehsteigs, den der Bauherr beibehalten wollte. Aus der Planungsperspektive hielt ich es für sinnlos, ein Stück eines Fußwegs zu bewahren, obwohl wir drum herum einen völlig neuen Bürgersteig bauten. Wir haben wahrscheinlich mehr Zeit mit dem Entwurf zugebracht, als es gedauert hätte, dieses Stück Gehweg einfach zu ersetzen.

Darüber hinaus ist die Projektierung in der Bauindustrie ein iterativer Prozess, und es kann frustrierend sein, wenn du zum fünften Mal einen Straßenabschnitt entwirfst. Einerseits bringt es mich um den Verstand, andererseits gibt es mir das Gefühl, das letzte Teil zu einem Puzzle hinzuzufügen, wenn ich eine Lösung gefunden habe.

life of a civil engineer DEA light rail project
Daniel Iliyn mit Ehefrau Bonnie und Sohn Josiah auf der Tilikum-Crossing-Brücke, die Teil des Projekts „Portland to Milwaukie [Oregon] Light Rail“ ist. Mit freundlicher Genehmigung von Daniel Iliyn.
Welches war das spannendste Projekt, an dem Sie gearbeitet haben?
Das wohl spannendste Projekt war ein knapp 13 Kilometer langer Stadtbahn-Korridor einschließlich einer brandneuen Brücke über den Fluss hier in Portland. Das war mein erstes Projekt nach dem College. Ich sollte das Projekt 300 Stunden lang unterstützen und bei kleinen Projektierungsaufgaben helfen. Letztendlich wurden daraus jedoch mehrere Tausend Stunden, und ich übernahm den Großteil der Straßenplanung.

Es war das wichtigste Projekt für mich, da ich unheimlich viel lernte, indem ich gleich zu Anfang ins tiefe Wasser geworfen wurde. Es war jedoch auch erfüllend. Da sich der Korridor in den vergangenen zwei Jahren im Bau befand, konnte ich nach der Fertigstellung zusammen mit meinem drei Jahre alten Sohn mit der Stadtbahn fahren und an seiner Begeisterung teilhaben, als wir an Straßen vorbeifuhren, die Dada konzipiert hatte. Wenn wir an einer Straße vorbeikamen, sagte ich: „Schau mal, Josiah, diese Straße habe ich geplant.“ Dann kamen wir an einigen Bäumen vorbei, und er sagte: „Dada, hast du auch diese Bäume geplant?“ Es war rührend.

Die Serie „Das wahre Leben …“ von Redshift gibt Einblick in das Leben von Architekten, Ingenieuren, Bauunternehmern, Planern und anderen Akteuren der Baubranche.

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