In Syrien digitalisiert CyArk Kulturdenkmäler und bewahrt sie vor den Klauen des IS

Von Jeff Walsh
- 3. Apr 2018 - 5 min-LEKTÜRE
CyArk
Laser-Scan der Medrese Jaqmaqiya in Damaskus, in der das Epigraphische Museum untergebracht ist. Mit freundlicher Genehmigung von CyArk/UNESCO.

Dieser Artikel wurde aktualisiert und in Kooperation mit der re:publica 2018 unter dem Topic #TechForGood publiziert. Das englische Original ist aus September 2016.

2001 zerstörten die Taliban mithilfe von Dynamit, Flugabwehrkanonen und Artilleriegeschossen die Buddha‑Statuen von Bamiyan im Zentrum Afghanistans. Nach Wochen der Zerstörung blieben am Ende nur Schutt und Asche.

Dieses traurige Ereignis gab den Ausschlag für die Gründung der gemeinnützigen Organisation CyArk, die mithilfe moderner Technologien bedeutende Kulturschätze für die Nachwelt erhalten will. Durch den Einsatz von Laserscannern, Fotografie, Photogrammetrie und 3D-Erfassung konnten seit 2003 weltweit etwa 200 Denkmäler erfasst werden – kürzlich wurde Wat Phra Si San Phet in Ayutthaya, Thailand digitalisiert.

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Laser-Scan der Medrese Jaqmaqiya in Damaskus, in der das Epigraphische Museum untergebracht ist. Mit freundlicher Genehmigung von DGAM/CyArk.

„Ohne echte dreidimensionale oder technische Aufzeichnungen gingen diese Strukturen in Afghanistan für immer verloren“, erzählt Elizabeth Lee, Geschäftsführerin von CyArk. „Deshalb zogen wir los, um diese Informationen für Denkmäler auf der ganzen Welt zu erfassen. Falls den echten Monumenten etwas passieren sollte, stehen uns die Aufzeichnungen dann für eine spätere Rekonstruktion zur Verfügung.“

Leider kann sich CyArk nicht nur einfach darauf konzentrieren, Denkmäler zu digitalisieren, bevor der Zahn der Zeit, Umwelteinflüsse oder Naturereignisse sie für immer zerstören. Aufgrund der Aktivitäten des sogenannten Islamischen Staats stehen bei CyArk nun Kulturstätten in Syrien ganz oben auf der Prioritätenliste, um kulturell bedeutende Bauwerke, die möglicherweise nicht mehr lange existieren, zumindest digital zu bewahren.

„Dies macht unsere Mission noch dringender und verdeutlicht ihren Sinn“, führt Lee weiter aus. „Die Zahl der mutwilligen Zerstörungen ist drastisch angestiegen. Unsere Organisation wurde aufgrund einer einzigen vorsätzlichen Zerstörungsaktion gegründet. Aber da wir in den letzten 18 Monaten immer wieder beobachten mussten, dass solche Orte ganz gezielt angegriffen werden, steht uns unser Ziel noch klarer vor Augen und es wird deutlich, warum die Erfassung dieser Informationen so wichtig ist.“

Dabei geht es nicht nur um den Verlust der geschichtsträchtigen Stätten an sich. „Diese Gebäude oder Kunstwerke wurden uns von früheren Generationen hinterlassen. Mit ihrer Hilfe teilen sie uns ihre Erfahrungen und Ansichten mit. Wenn wir sie verlieren, geht auch eine Möglichkeit zur Kommunikation mit vergangenen Generationen verloren,“ meint Lee. „Deshalb denke ich, dass unsere aktuelle Arbeit und die Mobilisierung von Teams in Krisengebieten heute dringender ist als je zuvor, weil uns immer mehr [Kultur], immer schneller verloren geht.“

Erfassung von Kulturdenkmälern in Syrien

Zunächst schult CyArk seine Teams in der Hauptstadt des Libanon, Beirut, wo sie sich mit der zur Erfassung eines Objekts benötigten Technologie (z. B. FARO‑Scanner und AutoCAD und Recap 360 Pro Software) vertraut machen sollen.

„In dieser Region ist das Arbeiten sicherer“, erklärt Ross Davison, Field Manager bei CyArk. „Sie können sich den gesamten Prozess verinnerlichen und schneller werden. Wenn wir dann in gefährlichere Gegenden mit aktiven Konflikten reisen, können sie ihre Arbeit sehr effizient ausführen.“

Nach Abschluss der Schulung kehren die Teams zurück nach Syrien, genauer gesagt nach Damaskus, um mit der Arbeit zu beginnen. Wie viel Zeit zur Erfassung benötigt wird, ist abhängig von der Größe des Denkmals und von der Auflösung, mit der es erfasst werden soll. Im Durchschnitt dauert es etwa ein bis drei Tage, bei größeren Objekten bis zu zwei Wochen. Der Vorteil der Technologie besteht darin, dass Kulturdenkmäler in Konfliktgebieten fast unbemerkt digitalisiert werden können.

„Man kann eine sehr kleine Sondereinheit entsenden und der technologische Fortschritt ist mittlerweile so weit, dass zwei Personen – eine mit einer Kamera, die andere mit einem Scanner – ein Denkmal in wenigen Tagen fast unbemerkt vollständig erfassen können“, berichtet Davison.

Weil das Risiko bei diesen Stätten so hoch ist, kann CyArk zur Erfassung der Daten keine Technologien einsetzen, die ohne Menschen auskommen. Drohnen beispielsweise würden viel zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Sie sind laut, fallen auf und können leicht zu ihrem Ursprungsort zurückverfolgt werden,” erklärt Davison.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Bei CyArk investiert man auch viel Zeit in die Zusammenarbeit mit lokalen Experten, Architekten, Archäologen und Vermessern. Sie erfassen also nicht nur das Denkmal, sondern geben den Menschen vor Ort das nötige Werkzeug an die Hand, um ihre Geschichte zu erhalten.

„Oft arbeiten Organisationen im Ausland an einem bestimmten Projekt und wenn die Arbeit einmal abgeschlossen ist, verbleibt nichts von den Informationen und der eingesetzten Technologie in dem jeweiligen Land,“ merkt Davison an. „Wenn man aber nicht über die Infrastruktur oder Menschen verfügt, die diese tatsächlich einsetzen können, wird das Programm nicht nachhaltig sein.“

Als gemeinnützige Organisation muss CyArk aber auch die finanziellen Mittel beschaffen, die für die Erfassung möglichst vieler Denkmäler benötigt werden.

„Für diese Arbeit besteht unendlicher Bedarf“, erzählt Lee. „Zunächst schulte Ross fünf Syrer, ein paar Monate später bereits 15. Sie sind so begeistert von dieser Technologie und so motiviert, in diese schwer umkämpften Krisengebiete zu gehen, weil ihnen die Erhaltung ihrer Kultur und ihrer Geschichte sehr am Herzen liegt. Es ist also wirklich der sprichwörtliche Wettlauf gegen die Zeit.“

Ein ehrfürchtiger Moment

Doch auch wenn die Zeit kostbar ist, sind diese altehrwürdigen Bauwerke und deren Geschichte manchmal zu beeindruckend, um nicht einen Moment inne zu halten und sie auf sich wirken zu lassen. Einmal leitete Davison eine Schulung in Armenien und unterwies einige dutzend Menschen in der Erfassung eines Klosters, als ihm die Schönheit seiner Umgebung schlagartig bewusst wurde.

„Wir arbeiteten in einem Kloster, das in einen Felsen gehauen war. In der ersten Stunde war ich aber nur damit beschäftigt, eine Gruppe Schüler zusammenzuhalten und ihnen all diese Dinge zu erklären,“ berichtet Davison. „Ich sprach über Belichtung, weil es im Inneren des Klosters sehr dunkel war, dabei sah ich mich um, hielt einen Moment inne und dachte ‚Oh mein Gott, das ist unglaublich.’ Ich musste mich zuerst noch etwas sammeln, bevor ich wieder zum Thema Belichtung zurückkehren konnte. Man ist wirklich jedes Mal aufs Neue von der Schönheit der Bauwerke überwältigt.“

Lee bestätigt, dass die Rückmeldungen zu ihrer Arbeit und die Auswahl der potenziell zu erfassenden Kulturdenkmäler ebenfalls davon zeugen: „Diese Stätten haben eine tiefere Bedeutung”, erklärt sie. „Sie sind kraftvolle Kultur- und Geschichtssymbole und für jemanden, der die Geschichte neu schreiben möchte, ist es von großer Bedeutung, solche Orte zu zerstören. Deshalb sind die digitalen Aufzeichnungen dieser Stätten so wichtig, weil sie dem Hass und der Verfälschung der Geschichte Parole bieten können.“

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