Ganze Studios in der Cloud: Die Zukunft der Unterhaltungsindustrie

Von Maurice Patel
- 16. Dez 2015 - 6 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction

Schäfchenwolken gleiten gemächlich an Philippe Petits (Joseph Gordon-Levitt) Füßen vorbei, als er seine ersten Schritte auf dem zwischen den Twin Towers hoch über Manhattan gespannten Drahtseil wagt. In seinem Film „The Walk“ (2015) lässt Regisseur Robert Zemeckis das Publikum aus schwindelerregender Höhe an dem Drama des ultimativ tollkühnen Drahtseilakts im August 1974 teilhaben.

Kaum weniger spektakulär als die Handlung selbst sind die Effekte, mit denen sie in Szene gesetzt wird. Bei der visuellen Umsetzung eines Films, der zwischen zwei Wolkenkratzern spielt, war es wohl nur folgerichtig, dass das Team der VFX-Firma „Atomic Fiction“ sich auf Cloud-Technologie verließ.

Insgesamt hat sich die Umstellung auf die Cloud in der Unterhaltungsindustrie freilich langsamer durchgesetzt als in anderen Branchen mit vergleichbarer wirtschaftlicher Bedeutung. Schwerwiegende Bedenken bestehen vor allem in den Punkten Sicherheit, Kosteneffizienz und Leistungsstärke – immerhin arbeitet die Unterhaltungsindustrie mit großen Dateien, sodass schnell Speicherkapazitäten von mehreren Terabytes erreicht werden. Andererseits wäre die Filmproduktion ohne den massiven Einsatz von Computertechnologie heutzutage undenkbar. Viele VFX-Firmen verfügen daher mittlerweile über eigene Rechenzentren (Renderfarmen) mit Hunderttausenden Servern. In jüngster Zeit ist jedoch ein Wandel in der Einstellung der Branche gegenüber der Cloud festzustellen.

Kevin Baillie von Atomic Fiction zählte zu den Pionieren, die frühzeitig die Vorteile der Cloud für Produktionsstudios erkannten und nutzten. Herausforderungen sieht er vor allem bezüglich der Kosten, die mit der Datenmigration verbunden sind, sowie der Datensicherheit. Für ihn steht jedoch außer Frage, dass sich die Umstellung lohnt.

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Hinter den Kulissen bei der VFX- Produktion für „The Walk“ mit Joseph Gordon-Levitt. Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction.

„Aus betriebswirtschaftlicher Perspektive zählt die Kostenersparnis zu den Hauptargumenten für  die Cloud, daneben ergeben sich jedoch auch kreative Vorteile“, sagt Baillie. „Bei ‚The Walk‘ konnten wir gegenüber der Nutzung einer herkömmlichen Infrastruktur um die 50 Prozent sparen. Um die Einhaltung der vereinbarten Liefertermine und -fristen zu gewährleisten, hätten wir 600 Server mieten müssen. Statt für Stromkosten, Arbeitskräfte und Miete aufzukommen, mussten wir nur für den tatsächlichen Verbrauch zahlen.“

Gemessen an den entsprechenden Anschaffungskosten ergibt sich ein noch höheres Einsparpotential. Durch Nutzung von Cloud-Diensten lassen sich sowohl der Kapitaleinsatz als auch die laufenden Betriebskosten einer VFX-Firma erheblich reduzieren. Dabei werden jedoch nicht nur Kosten, sondern auch Zeit gespart, wie Baillie betont. Dass 1.000 Computer innerhalb einer Stunde eine Szene fertigstellen könnten, deren Bearbeitung mit 100 Computern zehn Stunden gedauert hätte, spiele schließlich bei der Kostenberechnung keine Rolle. „Was in Rechnung gestellt wird, ist nicht die Anzahl der Computer, sondern der zur Bearbeitung eines Auftrags insgesamt erforderliche Zeitaufwand. So bekommt man die Ergebnisse sehr viel schneller zu sehen, wenn die Ideen dem Künstler noch frisch im Gedächtnis sind.“

„Wenn wir den Leuten das erklären, sieht man buchstäblich, wie ihnen plötzlich ein Licht aufgeht: ‚Größer ist also doch besser!‘“, so Baillie weiter. „Und außerdem bringt es auch eine Menge Vorteile, wenn sich die Kreativität verbessert, weil die Künstler tatsächlich an einer neuen Version arbeiten können, statt herumzusitzen und auf die Ergebnisse zu warten.“

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Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction

Der Massenexodus zur Cloud lässt trotzdem auf sich warten. Für viele Firmen stellen die mit der Umstellung auf eine neue Infrastruktur verbundenen Unterbrechungen der Arbeitsabläufe und die fehlende Fachkenntnis noch erhebliche Hindernisse dar. Jedoch arbeitet man vielerorts an der Überwindung dieser Hürden.

„Der Aufbau einer in großem Maßstab skalierbaren Cloud-Infrastruktur geht nicht über Nacht, und alles andere macht meiner Ansicht nach wenig Sinn“, so Baillie. „Nicht nur dass die Entwicklung selber mehrere Jahre dauert, sondern dabei kommen auch Web-Technologien zum Einsatz, von  denen die Leute in der Unterhaltungsindustrie herzlich wenig Ahnung haben. Ihnen ist das ungefähr so fremd, als ob man Griechisch sprechen würde. Wenn sie nicht gerade bei Airbnb oder Yelp arbeiten, haben sie noch nie von Docker gehört und keine Ahnung, wie Container funktionieren – Kernthemen, wenn es darum geht, Anwendungen in der Cloud einzusetzen. Mittlerweile gibt es jedoch spezielle Tools für die Unterhaltungsbranche wie z. B. Conductor [Atomic Fictions eigene Plattform, die das Unternehmen jetzt auch als Produkt anbietet], die den Leuten dabei helfen, diese Hürde zu nehmen und all diese tollen Technologien auszunutzen, ohne sich das entsprechende Wissen mühselig selber aneignen zu müssen.“

Bleibt nur noch der größte Elefant im Raum: das Thema Sicherheit. Es gibt kaum eine andere Branche, die soviel Wert auf Geheimhaltung legt wie die Filmindustrie. Raubkopien, die vor dem Kinostart durchs Internet geistern, können für die Produktionsfirma den finanziellen Ruin bedeuten. Die Versuche des US-Berufsverbands MPAA, dem Problem durch die Veröffentlichung entsprechender Richtlinien zu begegnen, zeigen wenig Wirkung. Andererseits investieren Anbieter von Cloud-Diensten wie Amazon, Google und Microsoft weitaus mehr Zeit, Geld und Ressourcen in Datensicherheit und -schutz als die größten IT-Abteilungen der Unterhaltungsbranche. Wie der Hacker-Angriff auf Sony Entertainment im Dezember 2014 zeigte, bietet selbst die Firewall eines Großkonzerns keinen hundertprozentigen Schutz.

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Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction

Baillie sieht das ähnlich. Seiner Meinung nach liegt das Sicherheitsproblem in Wirklichkeit bei den traditionellen Architekturen.

„Je mehr wir mit der Cloud arbeiten, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass eine gute Cloud-Infrastruktur sogar sicherer sein kann als die überwiegende Mehrheit lokaler Server-Installationen“, sagt er. „Bei vielen lokalen Server-Installationen habe ich den Eindruck, dass es diese irrtümliche Annahme der absoluten Sicherheit nur deswegen gibt, weil sich alles auf dem Firmengelände befindet und es sich um ein gutes Unternehmen handelt. Doch dieses Vertrauen ist sehr oft unbegründet.“

Zunehmend kostengünstige Cloud-Dienste und immer größere Bandbreiten führen auch dazu, dass kleinere Studios in naher Zukunft imstande sein werden, effektiver mit den Branchenriesen zu konkurrieren. Lange wird es nicht mehr dauern, bis den „Kleinen“ Rechenzentren zur Verfügung stehen, die es mit den Kapazitäten von Digital Domain, Weta oder Industrial Light & Magic aufnehmen können – und das zu einem Bruchteil der Kosten. Die großen Studios wiederum werden sich bei der Ausmusterung von Altgeräten ernsthaft Gedanken machen müssen, ob sich die Neuanschaffung von Computern und anderer Hardware noch lohnt.

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Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction

„Aktuell können sich vor allem die mittleren und größeren Unternehmen die Bandbreite leisten, die erforderlich ist, um die Cloud optimal zu nutzen“, so Baillie. „Das wird sich innerhalb der nächsten paar Jahre jedoch ändern. Dann werden sich auch Leute, die zu Hause am Computer tüfteln, diesen Kreativitätsschub leisten können. Wenn es einmal soweit ist, wird es zu einer echten Demokratisierung unserer Branche kommen, denn der Typ von nebenan kann dann plötzlich Dateien von der gleichen Größe und Komplexität bearbeiten wie Industrial Light & Magic und Ko.“

Dabei geht es nicht nur um die Frage, wer in Zukunft die visuellen Effekte entwickelt, sondern vor allem auch darum, wie die Unterhaltungsbranche den gesamten Produktionsprozess handhabt. Dieser Trend zeichnet sich bereits deutlich ab – in der rapiden Verbreitung cloud-basierter Produktionsleitung, Zusammenarbeit und Überprüfung/Freigabe ebenso wie in der Beliebtheit von Tools wie Autodesk Shotgun und RV.

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Mit freundlicher Genehmigung von Atomic Fiction

„Die langfristige Perspektive für die Branche sieht so aus, dass wir alles in die Cloud verlegen werden, und damit meine ich, dass wirklich jede Anwendung in der Cloud laufen wird“, prophezeit Baillie. „Man braucht Daten nicht mehr mit lokalen Standorten zu synchronisieren. Zugleich spart man damit die Kosten für Workstations, Speicher, Renderfarmen und die gesamte Sicherheitsinfrastruktur. Ich finde, das ist ziemlich klasse, denn es wird Unternehmen ermöglichen, von einem Tag zum nächsten ein ganzes Studio einzurichten – voll ausgerüstet und betriebsbereit und auf dem neuesten technischen Stand.“

Drehort Wolkenschloss? Fest steht: In Zukunft wird sich das Filmgeschäft zunehmend in der Cloud abspielen.

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