Notlösungen sind gefragt: Alle Jahre wieder stehen in China zur Feier des Neujahrsfests die Fabriken still

Von Sarah Stern
- 18. Feb 2016 - 6 min-LEKTÜRE

Stellen Sie sich einmal vor, die gesamte Bevölkerung westlicher Millionenstädte würde sich alljährlich über Weihnachten und Neujahr eine mehrwöchige Auszeit gönnen. Die volks- und weltwirtschaftlichen Folgen wären kaum auszudenken.

In China ist ein Massenexodus der Arbeitnehmer aus den Großstädten gang und gäbe. Millionen von Menschen nehmen das Neujahrsfest, das dort auf einen Neumond zwischen dem 21. Januar und 21. Februar fällt, zum Anlass für einen Besuch bei der Verwandtschaft auf dem Land. Für viele ist es der einzige Urlaub im Jahr. Die Macht der Tradition verwandelt geschäftige Industriegebiete in Geisterstädte – allein in Shenzhen, das als Hochburg der Elektronik- und Kommunikationsindustrie gilt, zieht es jährlich die große Mehrheit der 12 Millionen Einwohner in ihre Heimatorte zurück. Insgesamt schätzt die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform die Zahl aller Auto-, Zug-, Schiff- und Flugreisen für den 40- tägigen Zeitraum des Neujahrsfestes 2016 auf 2,9 Milliarden.

Die Weihnachts- und Sommerpausen und langen Wochenenden vor bzw. nach gesetzlichen Feiertagen, wie wir sie in westlichen Ländern kennen, sind ein Klacks dagegen. Indes bedeutet der alljährliche Massenexodus der Chinesen auch für viele Hersteller im Westen, vor allem im Bereich der Verbraucherelektronik, eine massive Lücke in ihrem Produktionskalender. Das gilt auch und gerade in Deutschland als wichtigstem Handelspartner Chinas innerhalb der EU.

lunar_new_year_newdealdesign_dogo
Dieses Dojo-Modell wird von einem Geschäftspartner in Asien hergestellt. Mit freundlicher Genehmigung von NewDealDesign.

„Sogar ganz normale Spielzeugpuppen fallen heutzutage gewissermaßen unter den Begriff der Verbraucherelektronik“, so Dan Myers, CEO des US-amerikanischen Elektronikherstellers  Flair. „Für das betreffende Unternehmen folgt daraus, dass es mit China Handel treiben muss, weil dort die Zulieferer sitzen.“

Bei der Fertigung von Prototypen für Heiz- und Kühlanlagen wurden Myers und sein Chief Technology Officer Kenny Tay im Januar 2015 mit voller Wucht vom neujahrsbedingten Produktionsstillstand getroffen. Ihr Unternehmen arbeitet bei der Erweiterung der Funktionen „intelligenter“ Wohnhaussysteme auf individuelle Raumthermostate und Entlüftungssysteme mit Autodesk Fusion 360.

Der Engpass beginnt bereits Mitte Januar, wenn Unternehmen aus aller Welt ihre chinesischen Zulieferer mit Aufträgen überhäufen, um ihre jeweiligen Projekte zum Abschluss zu bringen, bevor die Fabriken von Shanghai bis Shanxi ihre Maschinen abschalten. Angesichts der allgemeinen Torschlusspanik nahmen Myers und Tay eine Neubewertung ihrer Zeitplanung und Prioritäten vor und beschlossen, die Produktionsabläufe lieber nicht auf Biegen oder Brechen übereilt durchzuziehen.

„In jedem anderen Land würde es zu einer massiven Anwerbung von Migranten kommen“, glaubt Myers. „Hier jedoch [ist das Neujahrsfest] ein alljährliches Ritual. Man hat uns gewarnt, dass über einen längeren Zeitraum hinweg externe Leistungen wie Metallstanzen oder Laserschneiden nicht zuverlässig eingeplant werden können. Die Stadt ist zwar leer, aber manche andere Arbeiten können trotzdem erledigt werden.“

Myers und Tay fanden eine Notlösung und konnten so einen substantiellen Produktionsaufschub bei der Fertigung eines Prototypen verhindern: Sie beschlossen, die Bemaßung der fertigungskritischen Platine erst nach dem Neujahrsfest durchzuführen. Stattdessen verwendeten sie einen Autorouter zum Entwerfen einer Platine, die zwar zu groß, zum Entwickeln und Testen von Firmware aber dennoch funktionstauglich war.

lunar_new_year_flair_circuit_board
Links: der vor dem Neujahrsfest zugeschnittene Prototyp der Platine. Rechts: die nach dem Neujahrsfest bemaßte fertige Platine. Mit freundlicher Genehmigung von Flair.

„An der Entwicklung der Firmware konnten wir auch alleine arbeiten, insofern war es sinnvoll, erst sicherzustellen, dass wir funktionstaugliche Schaltbretter hatten, anstatt das Risiko einzugehen, die Bretter schon einen oder zwei Tage später rauszuschicken, um sie in der Fabrik auf die richtige Form zuschneiden zu lassen“, resümiert Myers.

Aus der Erfahrung hat das Flair-Team gelernt, den Stillstand der Maschinen während des Chinesischen Neujahrsfestes als Chance zu nutzen, um sich auf andere Aufgaben zu konzentrieren. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Arbeit, die Tay in die Entwicklung und Prüfung des Prototypen investierte, einen wesentlichen Beitrag zum erfolgreichen Abschluss des Projekts leistete.

Trotz aller weisen Voraussicht und Vorbereitung sind die weltwirtschaftlichen Auswirkungen des Chinesischen Neujahrsfestes immens. Besonders deutlich sind diese z. B. im Hafen von Oakland nahe San Francisco zu spüren, einem der wichtigsten Umschlagplätze für den Handel zwischen China und den USA. Im vergangenen Jahr wurden hier insgesamt fast 2,3 Millionen Container abgefertigt.

Ein Blick auf die monatlichen Statistiken für die vergangenen neunzehn Jahre zeigt einen drastischen Abfall um das Chinesische Neujahrsfest herum: Jahr für Jahr wurden im Januar und Februar zwischen 9.000 und 30.000 Container weniger abgefertigt als in jedem Vergleichszeitraum.

Im Jahr 2015 war dieser Rückgang noch ausgeprägter. Im Vorfeld der Feiertage wurden jeden Monat etwa 200.000 Container abgefertigt. Im Januar ging diese Zahl um 32 Prozent zurück, im Februar um weitere 12 Prozent.

„Unmittelbar vor dem Chinesischen Neujahrsfest steigt das Frachtvolumen stark an und fällt dann ebenso steil ab, solange die Fabriken in China geschlossen sind“, bestätigt Robert Bernardo, der Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Hafens. „Der Februar ist regelmäßig ein vergleichsweise träger Versandzyklus.“

lunar_new_year_newdealdesign_vivaink
Dieses Modell des VivaInk Fever Scout wird von einem Geschäftspartner in Asien hergestellt. Mit freundlicher Genehmigung von NewDealDesign.

Im Hafen von Oakland hat man sich mittlerweile auf die jährlich wiederkehrende Fluktuation eingestellt und gelernt, die Belegschaftsstärke entsprechend anzupassen. Westliche Unternehmen, die ihre Produktion nach China verlagern bzw. von chinesischen Zulieferern abhängig sind, müssen ebenfalls Wege finden, die Zwangspause zu Jahresbeginn bei ihrer Terminplanung zu berücksichtigen.

Auch bei NewDealDesign, einem Industriedesign-Betrieb mit Sitz in San Francisco, der unter anderem das Fitness-Armband „Fitbit“ herstellt, richtet man sich mittlerweile darauf ein, dass sowohl die Modellherstellung als auch die Kommunikation mit den Herstellern in China während des Chinesischen Neujahrsfests zum Erliegen kommt.

„Uns stehen nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder man verschiebt die Liefertermine auf den Zeitraum nach dem Neujahrsfest, oder man muss den Geschäftspartner in China drängen, die Produktion vorher abzuschließen“, erläutert Yoshi Hoshino, der bei NewDealDesign als leitender Designer arbeitet. „Wir planen einfach voraus, damit wir sie nicht unnötigerweise drängen müssen, die Lieferung zu beschleunigen.“

Dieser Ansatz hat Gemeinsamkeiten mit der Notlösung, mit der man sich bei Flair behalf: Beide Unternehmen waren sich der Auswirkungen des Neujahrsfests auf ihre eigene Terminplanung bewusst und reagierten proaktiv.

Wer sich als Hersteller im Bereich Industriedesign oder Maschinenbau auf Zulieferer in China verlassen muss, ist gut beraten, diese Erfahrungen zu beherzigen. Wenn in China die roten Laternen aufgehängt werden, muss deswegen nicht gleich das gesamte Projekt jäh zum Stillstand kommen.

Um Lieferengpässe zu vermeiden, sollten Projekte in fabrik-abhängige und fabrik-unabhängige Aufgaben aufgeteilt und die entsprechenden Arbeitsabläufe so geplant werden, dass sämtliche notwendigen Teile vor der Schließung der chinesischen Fabriken gefertigt und geliefert werden. Die Zwangspause während des Neujahrsfests kann dann gezielt zur Erledigung der fabrik-unabhängigen Aufgaben genutzt werden.

Dabei ist freilich zu beachten, dass der Aufenthalt in Shenzhen während des Neujahrsfests mit weiteren Herausforderungen verbunden ist. „Da ist man in dieser brandneuen Stadt mit 12 Millionen Einwohnern, und plötzlich gehen die Lichter aus“, erinnert sich Myers. „Alle Restaurants sind geschlossen. Man bekommt nirgends einen Kaffee. Man kann keine Lebensmittel einkaufen – die Metropole wird zur Geisterstadt.“

Ähnliche Artikel

Erfolgreich!

Sie sind angemeldet

Für alle, die mehr über die Gestaltung der Zukunft wissen wollen.

Unseren Newsletter abonnieren