Zum Anbeißen clever: Candy Mechanics hat eine Fräse zum Schoko-Schnitzer umgebaut

Von Kimberly Holland
- 14. Feb 2017 - 4 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von Candy Mechanics

„Kennen Sie sich selbst und zeigen Sie der Welt, wer Sie sind“: So lautete die Herausforderung, der sich Sam Part im Rahmen eines Designprojekts an der Londoner Kingston University zu stellen hatte. Er ging in sich und kam zu dem durchaus überzeugenden Schluss: „Ich bin ein sympathischer Typ.“ Jedoch hatte sich in seine Notizen ein Flüchtigkeitsfehler eingeschlichen, der ihm zur süßen Inspiration werden sollte: Statt „likeable“ stand dort „lickable“.

Part nahm die Anregung gerne auf und schuf ein Design „zum Abschlecken“, das er Lolpop nannte, ein sehr detailgenaues 3D-Modell eines menschlichen Gesichts – und zwar als Schokoladenlolli. Sein Entwurf wurde später für den renommierten D&AD New Blood Award zur Förderung von  Nachwuchstalenten nominiert.

Sechs Monate nach jenem ersten Lolpop gründeten Part und sein Geschäftspartner Ben Redford die Firma Candy Mechanics. Vom Uni-Projekt bis zur Marktreife lag freilich noch ein weiter, steiniger Weg vor den beiden Jungunternehmern. Die Bewältigung der damit verbundenen Probleme erforderte viel Erfindungsgeist – und ein paar recht ungewöhnliche Werkzeuge.

Aus Fehlern wird man klug

Zunächst probierten sie es mit 3D-Druck. „Die Qualität der Ausdrucke war fantastisch und eignete sich hervorragend zur Herstellung von Formen“, erinnert sich Part. „Allerdings dauerte die Herstellung und Reproduktion von 3D-Ausdrucken zu lange und die Ausfallquote der Maschinen war zu hoch, als dass es sich wirtschaftlich rentiert hätte.“

Die beiden mussten sich also etwas Neues einfallen lassen. Als nächstes kamen sie auf die Idee, die Schokogesichter im Vakuumformverfahren herzustellen. Dabei wird zunächst durch Ätzung ein Modell entworfen und mit einer dünnen Kunststoffschicht vakuumversiegelt. Somit erhält man eine Gussform, in die die flüssige Schokolade eingefüllt wird. Durch ihre Härtung entsteht ein dreidimensionales Gesicht aus Schokolade. Das funktionierte einigermaßen, aber so richtig zufrieden waren Part und Redford noch immer nicht.

Daraufhin nahmen die Möchtegern-Süßwarenhersteller ein Gerät ins Visier, das auf den ersten Blick nicht sonderlich geeignet schien: eine CNC-Fräsmaschine, die normalerweise zur Bearbeitung von Werkstoffen wie Holz und Metall verwendet wird. Parts Neugier war geweckt – er wollte unbedingt ausprobieren, ob das auch mit Schokolade funktionieren könnte. Schließlich, so räsonierte er, sei sie ähnlich wie Holz weich genug zum Schnitzen und gleichzeitig hart genug, um ihre Form zu bewahren – man müsse sie nur richtig handzuhaben wissen.

„Schokolade ist ein schwieriger Werkstoff“, bekräftigt Will Leigh, der früher als Chef-Vorkoster beim britischen Schokoladenhersteller Green & Blacks tätig war und heute bei Candy Mechanics die Süßwarenherstellung leitet. „Ein Schlüsselfaktor war [anfangs] die Bohrgeschwindigkeit. Bei einer zu hohen Drehzahl fing die Schokolade an zu schmelzen. Als wir uns noch in der Testphase befanden, kriegten alle möglichen und unmöglichen Teile eine Schokoglasur ab!“

Die Entstehung des Schokoschnitzers

Beim Fräsen wird ein unbewegliches Objekt – in diesem Fall eben ein Stück Schokolade – von einem computergesteuerten Präzisionsbohrer bearbeitet, der sich von oben nach unten sowie seitwärts bewegen kann. Theoretisch ließe sich jede beliebige CNC-Fräsmaschine für seine Schokokreationen verwenden, so Part. „Allerdings haben wir unser Verfahren durch die Verwendung bestimmter Werkzeugtypen und sorgfältig ausgewählter Fräsprofile für Schokolade optimiert.“ Diese Präzisionseinstellungen sind das Ergebnis zahlloser Testreihen, und die dabei entwickelte Schokoschnitzmaschine wurde auf den Namen „Candy Carve“ getauft.

timelapse candy mechanics
Mit freundlicher Genehmigung von Candy Mechanics

„Wir entschieden uns für eine CNC-Fräse als beste Lösung für die Massenproduktion, weil sich damit ein Produkt, das ähnlich detailgenau ist [wie ein 3D-Ausdruck], in einem Bruchteil der Zeit herstellen lässt“, erläutert Part. „So konnten wir durch kleine Abstriche bei der Detailgenauigkeit ein skalierbares Verfahren zur Herstellung dieser komplett individualisierbaren Produkte entwickeln.“

Part und sein Team mussten nicht nur die geeignete Maschine für ihre speziellen Anforderungen finden, sondern nebenbei auch ein computergesteuertes System entwickeln, das die jeweiligen Kundenwünsche in Vorlagen für die Produktion übersetzen kann. Zu diesem Zweck experimentierten sie zunächst mit verschiedenen im Handel erhältlichen Softwarelösungen. „Wir kombinieren sie jedoch auf eine Art und Weise, die unser Arbeitsverfahren einzigartig macht“, verrät Part.

Zudem verwenden sie spezielle Software, die mithilfe der API-Plattform Forge und ReMake – beides Autodesk-Produkte – entwickelt wurde und Kunden die Möglichkeit bietet, kurze Videos von ihren Smartphones direkt zum Candy Carve hochzuladen. Die Software der Maschine erstellt daraus eine dreidimensionale Schnitzvorlage des gewünschten Gesichts. „Damit sind Lolpops das erste individualisierbare Konsumprodukt, das sich direkt von einem Smartphone aus entwerfen lässt“, freut sich Part.

Für jeden Geschmack etwas

Mit seinen individualisierbaren Produkten hat Candy Mechanics einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen technophilen Süßwarenherstellern, die beispielsweise Pralinen im Siebdruckverfahren oder Trüffel mit Stempeln auf den Markt bringen. Ein Pilotversuch, die Lolpops in den Geschäften der britischen Kaufhauskette Selfridges zu vertreiben, verlief 2015 überaus erfolgreich, und seither erlebt Candy Mechanics ein stetiges Wachstum.

lolpops candy
Mit freundlicher Genehmigung von Candy Mechanics

Mit Candy Cards führte das Unternehmen im vergangenen Jahr ein zweites Produkt ein: Mithilfe einer Online-App kreieren Kunden eigene Entwürfe für Grußkarten, die dann in Schokolade geschnitzt und an den glücklichen Empfänger versandt werden. Neuerdings stehen auch Zartbitterschokoladen zur Auswahl, und Kunden, die ihre Lolpops gerne mit etwas mehr Pep hätten, können ihre Gesichter mit essbarem Gold bestäuben lassen.

Kunden und Unternehmen profitieren gleichermaßen von der einfach zu bedienenden und höchst zuverlässigen Technologie, die Candy Mechanics entwickelt hat. „Wir wollen das 3D-Scannen und Erstellen kundenspezifischer Entwürfe so einfach wie möglich machen, damit Jung und Alt auch ohne technische Vorkenntnisse Spaß daran haben“, so Part. „Ein Selbstporträt aus Schokolade – darüber freut sich doch wirklich jeder, oder?“

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