Bulgari modernisiert mit einer neuen Schmuckmanufaktur altehrwürdige Traditionen

Von Taz Khatri
- 12. Dez 2017 - 5 min-LEKTÜRE
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Bulgari eröffnete vor Kurzem im norditalienischen Valenza die größte Schmuckmanufaktur Europas. Mit freundlicher Genehmigung von Bulgari.

Die Tradition des italienischen Goldschmiedehandwerks geht auf syrophönizische Einflüsse zurück, die im 6. Jahrhundert v. Chr. die Hochkultur der Etrusker bereicherten.

Im internationalen Schmuckgeschäft spielt Italien als Hersteller und Exporteur ganz vorne mit. Diesen Erfolg verdankt es nicht zuletzt dem traditionsreichen Unternehmen Bulgari, einer Marke, in deren Philosophie sich Geschichtsbewusstsein und Zukunftsdenken vereinen.

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Mit freundlicher Genehmigung von Bulgari

Diese einzigartige Kombination aus altehrwürdiger Tradition und technologischer Innovation prägte auch die architektonische Gestaltung der neuen Manufaktur in Valenza. Bevor Francesco Caramora dort um 1817 ein Juwelieratelier aufmachte, war Valenza ein verschlafenes Dorf im Norden Italiens. Caramora brachte kunsthandwerkliche Fähigkeiten mit, die es zur berühmtesten Città dell’Oro des frühen 19. Jahrhunderts machten. Bulgari wählte das Areal, auf dem einst Caramoras Atelier stand – ein Bauernhaus am Dorfrand, das die Einheimischen bis heute als Cascina dell’Orefice, „Hof des Goldschmieds“, bezeichnen –, als Standort für das neue Werk aus.

Mit Unterstützung des Architekturbüros Open Project in Bologna entstand eine moderne Anlage auf neuestem technischen Stand. Ein schnittiger Bau aus Glas und Stahl beherbergt den Verwaltungs- und den Bewirtschaftungstrakt, während die eigentliche Manufaktur in einem dreistöckigen Gebäude untergebracht ist, das einen 600 Quadratmeter großen Innenhof umrahmt. Mit einer Gesamtfläche von 14.000 Quadratmetern ist diese Schmuckmanufaktur nicht nur die größte in Europa, sondern auch eine der nachhaltigsten, die nicht umsonst mit dem LEED-Zertifikat in Gold ausgezeichnet wurde.

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Die Konstruktion aus Stahl und Glas dient als Eingang zum Verwaltungstrakt der Manufaktur. Mit freundlicher Genehmigung von Bulgari.

Der Bau einer funktionalen Anlage, die sowohl den hohen ästhetischen Ansprüchen eines Bauherren wie Bulgari als auch der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Standorts gerecht wird, wurde durch die besonderen Herausforderungen der Schmuckherstellung zusätzlich erschwert. So musste Open Project bei der Planung auch die technischen Anforderungen und Sicherheitsrisiken berücksichtigen, wie Mitinhaber Luca Drago erläutert.

Die Sicherheit der wertvollen Werkstoffe einerseits – beim Transport wie bei der Lagerung und Verarbeitung in der Fabrik selbst – und der Geschäftsgeheimnisse des Unternehmens andererseits hatten dabei oberste Priorität. Lösungen wurden in enger Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbeauftragten von Bulgari erarbeitet: nur eins von vielen Beispielen für kooperative Prozesse im Rahmen dieses Projekts. „Letztlich haben wir das Gebäude nach dem Zwiebelprinzip entworfen, mit mehreren Schutzschichten“, so Drago. „Durch die Gebäudeplanung und die entsprechenden Alarmanlagen wollten wir es potentiellen Einbrechern so schwer wie möglich machen, zu den Goldvorräten und anderen wertvollen Werkstoffen vorzudringen.“

Bei der Planung habe ihnen vor allem die britische Filmkomödie „Charlie staubt Millionen ab“ über einen Goldraub in Turin als Inspiration gedient, witzelte Drago in einem Interview mit der Fachzeitschrift Wallpaper.

Die Gebäudehülle diene quasi als Außenhaut der Zwiebel und erfülle mehrere Funktionen gleichzeitig, wie Drago erläutert. Sie besteht aus Aluminiumplatten, die das Gebäude im Abstand von zwei Metern umhüllen und „visuell die erste Verteidigungslinie bilden, indem sie verhindern, dass man von außen in das Gebäude hineinsehen kann“, so Drago weiter.

Jedoch ist diese Aluminiumhülle keineswegs nur eine visuelle Barriere, sondern ein wesentlicher Bestandteil des bestechenden architektonischen Gesamtkonzepts, das diese Anlage so einzigartig macht. Die Platten sind nämlich mit einer elektrolytischen Beschichtung versehen, deren Beschaffenheit sich im Laufe des Tages dem jeweiligen Sonnenstand entsprechend anpasst. Sie verändern dabei sowohl ihre Oberflächenstruktur als auch die Größe und Position der Öffnungen, sodass eine undurchsichtige Barriere entsteht, die auf geradezu wundersame Weise dennoch den Blick von innen nach außen freigibt – so als ob sich die „Metallhaut in einen lichtdurchlässigen Vorhang verwandelt“, der den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen das Gefühl gibt, in die sie umgebende Landschaft eingebunden zu sein.

Aufgrund der strengen Sicherheitsbestimmungen darf das Gelände während der Arbeitszeit nicht verlassen werden. Auch hier fand Open Project eine architektonische Lösung und versah die Werkshalle mit einem großzügigen Innenhof, der nicht nur für Tageslichtausleuchtung sorgt, sondern vor allem auch als Pausenhof für die Belegschaft dient.

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Mit freundlicher Genehmigung von Bulgari

Nachdem das Sicherheitspuzzle erfolgreich gelöst war, stand das Team von Open Project vor der nächsten Herausforderung: dem Bau einer Fertigungsanlage, die den hohen technischen Ansprüchen und komplexen Arbeitsschritten der Schmuckherstellung gerecht würde. „Wir wollten die Fertigungsabläufe optimieren, mussten dabei jedoch die Sachzwänge berücksichtigen, die uns durch die vorgefertigten Strukturbauteile und den Wald an mechanischen, elektrischen, hydraulischen und hochspezialisierten Gerätschaften auferlegt wurden, die zur Verarbeitung von Edelmetallen erforderlich sind“, so Drago.

Konkret besteht die Fertigungsanlage aus 18 sogenannten „Inseln“, die nach Produktgruppen angeordnet sind. Jede Insel deckt sämtliche Arbeitsschritte ab, die zur Herstellung eines bestimmten Endprodukts erforderlich sind, und bringt verschiedene Berufsgruppen zusammen: Goldschmiedemeister, Edelsteinfasser, Schleifer … Insgesamt gibt es 200 einzelne Arbeitsplätze, die alle an ihre jeweiligen Verarbeitungssysteme angeschlossen sind. Diese komplexe Anordnung machte eine effektive Koordinierung mit Tragwerksplanern und Ingenieuren für Gebäudetechnik unabdingbar.

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Der Innenhof der Manufaktur (links) und eine Außenansicht der Anlage. Mit freundlicher Genehmigung von Bulgari.

Ohne Gebäudedatenmodellierung (BIM) und speziell die einschlägigen Software-Lösungen von Autodesk hätte sich diese Zusammenarbeit bei der Planung sehr viel komplizierter gestaltet, wie Giacomo Bergonzoni erläutert. „Die Fristen waren sehr knapp bemessen, sodass mehrere Teams – Architekten, Tragwerksplaner und Ingenieure für Gebäudetechnik – gleichzeitig auf ein und dasselbe Modell zugreifen mussten“, so der BIM-Beauftragte von Open Project. „Mithilfe der AEC Collection von Autodesk entwickelten wir ein abteilungsübergreifendes Revit-Modell, das sich vor allem für die komplexen gebäudetechnischen Systeme eines derartigen Projekts als unverzichtbar erwies.“

Vorteile der 3D-ModellierungDurch die Nutzung neuester Technologien zur Gebäudeplanung, Lösung von Sicherheitsfragen und Optimierung der Fertigungsabläufe entstand eine Schmuckmanufaktur, die der Luxusmarke Bulgari würdig ist. Mittlerweile wird mit einer zur Anlage in Valenza gehörenden Ausbildungsstätte für eine neue Generation von Goldschmiedehandwerkern bereits das nächste Kapitel in der Geschichte der italienischen Schmuckherstellung geschrieben. Es spielt an einem Schauplatz, der nicht nur durch architektonische Brillanz, sondern auch durch angenehme Arbeitsbedingungen überzeugt.

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