Grün macht glücklich: Biophile Architektur bringt die Natur ins Gebäudeinnere

Von Matt Alderton
- 22. Aug 2017 - 6 min-LEKTÜRE
Das „Outside-In House“ im Londoner Viertel Clerkenwell. Mit freundlicher Genehmigung von Pantone/Airbnb.

Londoner Winter sind ziemlich grau – einzig die knallroten Doppeldecker bringen ein wenig Farbe ins Straßenbild. Umso willkommener war der Anblick einer leuchtend grünen Haustür, die im vergangenen Januar vier Tage lang die Wohnhausfassaden im Viertel Clerkenwell auffrischte und Passanten einen Hauch Frühlingsluft schnuppern ließ.

Dahinter verbarg sich das „Outside-In House“, ein Projekt des Pantone Color Institute zur Feier der Farbe des Jahres: PANTONE 15-0343, die auch unter dem Namen „Greenery“ im Handel ist.

Der grüngelbe Farbton stehe sinnbildlich „für unsere aufkeimende Hoffnung, unsere Sehnsucht nach Leben in einem schwierigen sozialen und politischen Umfeld“, so die Chefin des Pantone Color Institute, Leatrice Eiseman, zur Begründung der diesjährigen Auswahl. „Greenery symbolisiert unser wachsendes Verlangen nach Verjüngung, neuem Leben, Wiedervereinigung mit der Natur und engem Miteinander.“

Vom 27. bis 30. Januar konnten sich Neugierige über Airbnb in dem Haus einmieten und die „beruhigende und belebende“ Wirkung der Farbe des Jahres am eigenen Leib erfahren: Übernachtungsgäste erwartete dort ein bewaldetes Foyer mit Farnen, Moos, Bäumen und Trittsteinen aus Baumstümpfen; ein Gewächshaus, das als Speisesaal diente; Beete, Heckenskulpturen und schlaffördernde Pflanzen im Schlafzimmer; ein „Regenwald“ im Bad; Kräuter und Gemüsebeete in der Küche.

Das Haus war mehr als nur ein brillanter, Aufsehen erregender Werbegag. Es spiegelte auch einen zukunftsweisenden Trend zur Biophilie als Gestaltungsprinzip wider, der seinerseits auf die den Menschen angeborene Sehnsucht nach der Natur reagiert.

Biophilie: Im Einklang mit der Natur

Seit etwa 15 Jahren richtet die grüne Bewegung in der Architektur ihren Fokus vornehmlich auf die Planung von Gebäuden, die mit der Umwelt im Einklang stehen und zu ihrem Schutz beitragen. Wenn es nach den Fürsprechern einer biophilen Gebäudeplanung geht, werden die nächsten 15 Jahre im Zeichen einer noch wörtlicher genommenen grünen Architektur stehen, deren Entwürfe die Umwelt nachahmen und ins Gebäudeinnere holen.

„Biophilie ist die unterbewusste Naturverbundenheit des Menschen“, so Nash Emrich, der als technischer Experte bei Paladino and Co. arbeitet. Die Firma hat sich auf Beratungsleistungen für Architekten und Baufirmen spezialisiert und unterstützt Auftraggeber bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitszielen. „Edward O. Wilson, der den Begriff in seinem Buch ‚Biophilia‘ popularisiert hat, hat das einmal folgendermaßen ausgedrückt: ‚Die Natur hält den Schlüssel zu unserer ästhetischen, geistigen, kognitiven und sogar spirituellen Zufriedenheit.‘ Je enger sich die Menschen mit der Natur verbunden fühlen, desto besser.“

Diese These hat sich in wissenschaftlichen Studien immer wieder bestätigt. Erst vor kurzem konnte ein Forschungsteam an der kalifornischen Stanford University nachweisen, dass Spaziergänge im Grünen das seelische Wohlbefinden verbessern und gegen Depressionen vorbeugen können. Auch dass Krankenhauspatienten schneller genesen, wenn sie von ihrem Bett aus eine Aussicht auf die Natur genießen, Schulkinder bei natürlichem Tageslicht besser lernen und Mitarbeiter in Büros mit Zimmerpflanzen seltener krank werden, gilt inzwischen als wissenschaftlich gesichert.

Die Natur wirkt sich dabei sowohl auf das psychische wie auf das physische Befinden aus. In einer natürlichen oder naturnahen Umgebung leiden Menschen weniger häufig an Angstzuständen und sind allgemein ausgeglichener und zuversichtlicher. Zugleich ist eine Verbesserung des körperlichen Gesundheitszustands mit niedrigerem Blutdruck, Puls und Stresshormonspiegel festzustellen.

„Ein naturverbundenes Leben bringt körperliche, geistige und soziale Vorteile“, bekräftigt  Brendan O’Grady, Vice President beim Architekturbüro CallisonRTKL im texanischen Dallas. Die Firma hat bereits bei zahlreichen Bauprojekten biophile Gestaltungsprinzipien eingesetzt. „Ein Planungsansatz, der diese Naturverbundenheit in die Gestaltung von Innenräumen integriert, kann zur Verbesserung der Gesundheit und Produktivität sowie des allgemeinen Wohlbefindens beitragen.“

Von Mutter Natur abgeschaut

Die menschliche Sehnsucht nach der Natur ist an sich nichts Neues. Angesichts des rapiden Voranschreitens von technischem Fortschritt und Verstädterung nimmt sie jedoch neue Dimensionen an, die die Berücksichtigung biophiler Ansätze bei der Gebäudeplanung umso dringlicher und zeitgemäßer erscheinen lassen, wie Dwayne MacEwen von der Firma DMAC Architecture in Evanston im US-Bundesstaat Illinois erläutert.

„Für Architekten und Planer ist die Rückkehr zur Natur keine neue Idee. Meiner Meinung nach ist sie heute jedoch aktueller denn je, weil so viele Menschen an ihre Elektrogeräte gefesselt sind und zunehmend in Städten leben“, glaubt MacEwen. Er sieht hier eine Parallele zur Musik: „Die eigentliche Magie liegt in den Zwischenräumen zwischen den Noten; ohne diese Zwischenräume wäre Musik bloß Lärm. Solche Zwischenräume brauchen wir auch im Alltagsleben, und Landschaftselemente tragen zu ihrer Entstehung bei.“

Zur Gestaltung derartiger „Zwischenräume“ stehen Architekten und Planern vielfältige Strategien zur Verfügung. Die auf umweltfreundliche Bauvorhaben spezialisierte Beratungsfirma Terrapin Bright Green hat 14 verschiedene Elemente biophiler Architektur identifiziert. Dazu zählen visuelle und nicht-visuelle Verbindungen zur Natur (Fenster mit Grünblick bzw. Geräusche, Gerüche, haptische oder geschmackliche Reize); dynamische und diffuse Beleuchtung (wechselnde Licht- und Schattenintensitäten); materielle Verbindungen zur Natur (naturbelassene Werkstoffe und Elemente) sowie biomorphe Formen und Muster (symbolische Anspielungen auf Muster und Texturen, die in der Natur vorkommen).

Rendering of the Midtown Athletic Club in Chicago.
Computersimulation des Midtown Athletic Club in Chicago. Mit freundlicher Genehmigung von DMAC Architecture.

Einen Großteil dieser Strategien setzte MacEwen bei der Planung des Midtown Athletic Club in Chicago um. Der Komplex aus Sportzentrum und Hotel erstreckt sich über eine Gesamtfläche von gut 53.000 Quadratmetern. Das Fitnesszentrum ist mit bodentiefen Glasfenstern versehen, die den Blick auf eine begrünte Terrasse mit Schwimmbecken und blühenden Bäumen freigeben und so die Natur quasi ins Gebäudeinnere holen. In den Innenbereichen wird dieser Effekt durch indirekt beleuchtete Birken, Steinquader und Betonbretter verstärkt.

Auch bei den Planungen für den Ausbau der 360 Mall in Kuwait arbeitet CallisonRTKL mit zahlreichen natürlichen Elementen. Nach der für 2019 geplanten Eröffnung der zusätzlichen Verkaufsfläche im Ausmaß von 20.000 Quadratmetern sollen Besucher sich beim Einkaufsbummel in einer Wohlfühloase mit Wasserspielen, Palmen, Steinquadern und einer „lebenden Wand“ aus über 100 unterschiedlichen Pflanzenarten wiederfinden, die auf natürliche Weise für Luftreinigung, Wärmedämmung und Regulierung der Innentemperatur sorgen. Zugleich lassen riesige Oberlichter viel Tageslicht herein.

In der texanischen Stadt Texas gibt es neuerdings sogar ein Hotel mit „Parkanlage im Gebäudeinneren“, so die Eigenwerbung des Fairmont. Ab Herbst 2017 können Gäste hier im Schatten von zwei Alteichen einchecken und durch einen Formschnittgarten in Originalgröße spazieren, ohne das Hotel verlassen zu müssen. Der für die Gestaltung zuständige Innenarchitekt Warren Sheets ließ sich bei der Planung vom historischen Palm Park inspirieren, der dem Hotel direkt gegenüberliegt.

„Aktivitäten im Freien spielen für die hiesige Bevölkerung eine große Rolle“, erläutert Sheets. „Das Hotel liegt direkt an einem Park, deswegen war es für mich naheliegend, den Park ins Hotel zu bringen.“

The Fairmont Austin Hotel near historic Palm Park. 
Das Fairmont Austin Hotel gegenüber vom historischen Palm Park. Mit freundlicher Genehmigung von Fairmont Austin.

Wohlbefinden sähen

Biophile Architektur ist eine einfache Idee, deren Umsetzung mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist. So müssen Architekten und Gebäudeplaner die atmosphärischen Bedingungen, die zum Gedeihen von Zimmerpflanzen erforderlich sind, ebenso berücksichtigen wie die anfallenden Aufgaben zur Pflege und Instandhaltung von Raumbegrünung, Wasserspielen und Mauerwerk und die Notwendigkeit, unansehnliche Geräte wie Pflanzenlampen oder Wasserpumpen mithilfe von Designelementen zu kaschieren, wie O‘Grady erläutert. Der damit verbundene Aufwand verursacht zudem erhebliche Zusatzkosten.

Emrich ist dennoch optimistisch, was die Zukunft der biophilen Architektur angeht. Je mehr sich unsere Gesellschaft von der Natur entfremdet, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Träger von Bauprojekten den Wert einer naturnahen Gebäudeplanung erkennen, so seine Überzeugung.

„Die Betriebskosten eines Gewerbebaus entstehen zu über 90 Prozent aus der Aktivität der Menschen, die darin ihren Lebensunterhalt verdienen“, erklärt er. „Allmählich ändern Unternehmen ihre Prioritäten entsprechend und sind zunehmend bestrebt, Räume zu schaffen, die der Zufriedenheit, Einsatzbereitschaft und Produktivität der Mitarbeiter zuträglich sind. Das wiederum wird zu einem allgemeinen Umdenken bei der Planung und Gestaltung zukünftiger Gebäude führen.“

 

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