Russland: ein neuer Leitstern am BIM-Himmel?

Von Kim O’Connell
- 29. Sep 2016 - 6 min-LEKTÜRE
Bildgestaltung: Brandon Au

Die Olympischen Spiele in Rio haben erneut gezeigt, dass bei dem Event nicht nur die weltweit besten Sportler in das Zentrum des globalen Interesses rücken, sondern vor allem auch die zu diesem Anlass gebauten Sportanlagen und Infrastrukturen des gastgebenden Landes.

Das gleiche Phänomen konnte man bereits 2014 bei den Olympischen Winterspielen im russischen Sotschi beobachten. Ähnlich wie in Rio wurden auch hier bei der Planung und Errichtung des „Olympiastadions Fischt“, das mit 40.000 Sitzplätzen die größte Arena in ganz Sotschi ist, keine Kosten und Mühen gescheut. Anlässlich der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2018 soll das überdachte Stadion nun zu einer Open-Air-Arena umgebaut werden.

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Einer der Austragungsorte der FIFA-Fußballweltmeisterschaft 2018: das Spartak-Stadion in Moskau. Mit freundlicher Genehmigung von AECOM.

Das von den Architektur- und Ingenieurbüros Populous und BuroHappold Engineering geplante Stadion wird mithilfe von BIM-Technologie von SODIS Lab betrieben, einem der russischen Unternehmen, die das Potenzial dieser zunehmend gefragten Technologie bereits erkannt haben. BIM (Building Information Modeling; deutsch: Gebäudedatenmodellierung) ermöglicht eine effektive Planung, Konstruktion und Bewirtschaftung von Gebäuden auf Basis digitaler Daten, die mithilfe von Software modelliert werden.

Seit einiger Zeit versucht das russische Bauministerium, das Land auf internationaler Ebene als führenden BIM-Anbieter zu positionieren und einschlägige Dienstleistungen ins Ausland zu exportieren. Unternehmen weltweit nutzen BIM bereits als zuverlässiges und effektives Kommunikationsmittel zum Austausch unterschiedlicher Infrastrukturdaten – von Abmessungen über Funktionen und gestalterische Details bis hin zu Kostenangaben – zwischen Projektbeteiligten an unterschiedlichsten Standorten.

Laut Andrej Beljutschenko, dem Leiter der Abteilung für Stadtplanung und Architektur des Bauministeriums in Moskau, müssen Mitarbeiter dank BIM-Technologie weder vor Ort auf Baustellen noch bei der Ausarbeitung von Projektunterlagen physisch anwesend sein. „Das spricht nicht nur für die Technologie an sich, sondern verschafft uns auch beim Export von BIM-Leistungen einen großen Vorteil. Sowohl die Anzahl als auch der Umfang internationaler Projekte, an denen russische Unternehmen beteiligt sind, wächst stetig.“

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BIM-Modell des ursprünglich überdachten Olympiastadions Fischt in Sotschi, Russland. Mit freundlicher Genehmigung von SODIS Lab.

Obwohl bereits eine Reihe von russischen Unternehmen mithilfe von BIM-Technologie an namhaften Projekten arbeiten – darunter etwa der 100 Stockwerke hohe Achmat-Tower in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny und das zur Mischnutzung vorgesehene Lakhta Center in Sankt Petersburg –, gilt es nach wie vor, eine Reihe von Hindernissen zu überwinden, bevor der Wunsch nach einer globalen Führungsrolle zur Realität werden kann. An erster Stelle stehen dabei die hohen Kosten, verschiedene aufsichtsrechtliche Beschränkungen sowie der Mangel an Fachkenntnissen im Bereich der BMI-Technologie – ganz zu schweigen davon, dass in Russland derzeit kein international anerkannter BIM-Standard befolgt wird.

„Nicht wenige Unternehmen schrecken angesichts der Kosten vor einer BIM-Implementierung zurück: Software, neue und leistungsstärkere Technologien, Mitarbeiterschulung – das alles kann ganz schön kostspielig werden“, gibt Beljutschenko zu. „Wer BIM-Technologie implementieren will, muss damit rechnen, eine ganze Reihe von etablierten Geschäftsprozessen neuzugestalten und neues Personal wie BIM-Manager und BIM-Koordinatoren einzustellen. Hier in Russland fehlt es Unternehmen an qualifizierten Mitarbeitern, die über das nötige Fachwissen und praktische Erfahrung im BIM-Bereich verfügen.“

Während die Implementierung von BIM-Technologie innerhalb von Unternehmen ganz klar eine nicht zu unterschätzende Hürde darstellt, gestaltet es sich oft noch weitaus schwieriger, Kunden von diesem innovativen Ansatz zu überzeugen. „Die eigentliche Herausforderung ist es, Marktteilnehmer dazu zu bringen, ihre Meinung zu ändern“, betont Beljutschenko. „Einige Unternehmen nutzen lieber weiterhin traditionelle Ansätze und Verfahren, selbst wenn diese eher ineffizient sind. Aber der Staat braucht neue Technologien und effektive Baumethoden, also werden entsprechende Vorschriften erlassen.“

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Der im Bau befindliche „Achmat-Tower“ in Grosny. Die Bauarbeiten sollen bis 2020 abgeschlossen sein. Mit freundlicher Genehmigung von Gorproject.

Zu diesem Zweck plant das Bauministerium derzeit ein Programm in mehreren Phasen mit dem Ziel, BIM für sämtliche Bauprojekte eventuell bereits ab kommendem Jahr verpflichtend zu machen. Beljutschenko zufolge soll diesbezüglich eine Quote eingeführt werden: „Wenn nächstes Jahr beispielsweise 20 Prozent aller behördlichen Projekte mithilfe von BIM durchgeführt werden müssen, besteht der nächste Schritt darin, dies auch für lokale Auftragnehmer zur Vorschrift zu machen. Wird dann 2018 ein Gebäude mit BIM geplant, muss 2019 auch die eigentliche Errichtung mithilfe von BIM stattfinden. So könnten innerhalb von 5 Jahren rund 50 Prozent aller öffentlichen Aufträge auf sämtlichen Ebenen des russischen Haushaltssystems auf BIM basieren.“

Um dieses Vorhaben umsetzen zu können, muss Russland in Zukunft einen international anerkannten BIM-Standard befolgen. Nur so kann eine gemeinsame Sprache entwickelt werden, die einen einheitlichen Informationsaaustausch ohne Missverständnisse ermöglicht. Zu diesem Zweck hat das Bauministerium einen Expertenrat und eine Arbeitsgruppe aus BIM-Experten ins Leben gerufen, die Standards anderer Länder – darunter etwa Großbritannien – unter die Lupe nehmen, um auf dieser Basis ein passendes Modell für Russland auf die Beine zu stellen. Autodesk hat Russland zur Unterstützung eine Vorlage für BIM-Standards zur Verfügung gestellt, die unter anderem allgemeine Terminologie, Vorschriften bezüglich Qualitätssicherung sowie Anleitungen für das Erstellen von Modellen von Projektmeilensteinen enthält.

„Momentan gehört Großbritannien zu den führenden Nationen in Sachen BIM“, erklärt Beljutschenko. „Britische BIM-Unternehmen haben auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet – und das mit großem Erfolg. Insofern ist es für uns wichtig, ihre Arbeit – sowie die anderer europäischer und asiatischer Unternehmen – zu analysieren und uns ein Beispiel daran zu nehmen. Deshalb orientieren wir uns bei unseren eigenen Projekten derzeit am britischen BIM-Standard.“

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Das Lakhta Center in Sankt Petersburg. Die Bauarbeiten sollen noch bis 2018 dauern. Mit freundlicher Genehmigung von Gorproect.

Die Entwicklung eines eigenen BIM-Standards könnte kleinere russische Auftragnehmer und Unterauftragnehmer insofern vor ein Problem stellen, als sie verpflichtet wären, entsprechende BIM-Technologien und -Prozesse einzuführen und die hohen Kosten dafür zu tragen. Die gute Nachricht in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass das Bauministerium neben dem genannten BIM-Phasenprogramm, das Unternehmen die notwendige Zeit geben soll, um Software zu erwerben und sich das nötige Fachwissen anzueignen, auch das Angebot an verfügbaren Schulungs- und Trainingsressourcen erweitern möchte.

Eine dieser Ressourcen soll etwa bewährte Methoden, Schulungen und weitere nützlichen Informationen, die auf globalen Markterkenntnissen basieren, umfassen. Darüber hinaus bieten eine Reihe von Universitäten mittlerweile BIM-Studiengänge an, darunter auch die „Moskowski Gossudarstwenny Stroitelny Uniwersitet“ (deutsch etwa „Staatliche Technische Universität für das Bauwesen in Moskau“).

Die politische und wirtschaftliche Lage in Russland hat auf internationaler Ebene in letzter Zeit von vielen Seiten scharfe Kritik geerntet. Jedoch könnte die landesweite Implementierung eines BIM-Standards in Kombination mit dessen Förderung seitens von Führungskräften im Rahmen globaler Bauprojekte die Nation gegenüber potenziellen Kunden in einem anderen Licht erscheinen lassen und gleichzeitig die russische Wirtschaft ankurbeln.

„Eine stärkere Präsenz auf dem internationalen Markt und der damit einhergehende erhöhte Export von BIM-Dienstleistungen werden mit Sicherheit eine neue Ära für die russische Wirtschaft einläuten“, so Beljutschenko. „Das wird wiederum einen entscheidenden Einfluss darauf haben, wie die Öffentlichkeit Russland wahrnimmt: Man wird uns weltweit als Land ansehen, das fortgeschrittene Technologien sowohl für interne Zwecke als auch zur internationalen Zusammenarbeit verwendet.“

Es mag ein Unterfangen von geradezu olympischen Ausmaßen sein, und doch stehen Russlands Chancen zweifellos gut, sich einen Platz an der Spitze der BIM-Branche zu ergattern.

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