Bevölkerungswachstum schafft Wohnungsnot in Afrika

Von Ken Micallef
- 28. Sep 2016 - 5 min-LEKTÜRE
Mit freundlicher Genehmigung von der Association Voûte Nubienne

In den nächsten 20 Jahren wird der größte Bevölkerungszuwachs seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen erwartet. Die Vereinten Nationen gehen für den Zeitraum von 2015 bis 2030 von einem Wachstum der Weltbevölkerung um 2,4 Milliarden Menschen aus, insgesamt werden dann 8,4 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Davon allein 1,3 Milliarden Menschen auf dem afrikanischen Kontinent.

Zudem wird den Prognosen des Uno-Berichts (Seite 3) zufolge die Bevölkerung in Afrika bis 2050 auf 25 Prozent der gesamten Weltbevölkerung anwachsen –bis 2100 sogar auf 39 Prozent.

Während sich Plattformen wie KickStart International darum bemühen, das Ernährungsproblem für die zukünftige Bevölkerung zu lösen, nehmen sich andere Organisationen der dringenden Wohnraumfrage an. Die amerikanische MASS Design Group und die französische Association la Voûte Nubienne (AVN) haben erkannt, dass diese Probleme, die im Wesentlichen den gesamten afrikanischen Kontinent betreffen, regional gelöst werden müssen. Beide Organisationen bilden Architekten bzw. Maurer aus und setzen dabei auf einheimische Werkstoffe und altbewährte Verfahren.

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Mit freundlicher Genehmigung der Autodesk Foundation

„Für eine nachhaltige Gestaltung muss man sich zuerst intensiv mit der Umgebung, dem Umfeld und der Gemeinschaft vertraut machen, für die man bauen will.“ Diesen Standpunkt vertritt Christian Benimana, der Leiter des Ruanda-Programms der MASS Design Group im African Design Centre (ADC). Neben der Umsetzung des Baukonzepts der MASS Design Group zeichnet Benimana auch für die Ausbildung der Architekten verantwortlich, die sich den Herausforderungen der zukünftigen Bevölkerungsexplosion in Afrika stellen müssen.

„Für ein grundlegendes Verständnis der Situation müssen Gestalter lernen, lokale materielle und immaterielle Wirtschaftsgüter wie Werkstoffe, Verfahren und Expertise bestmöglich zu nutzen“, ergänzt Benimana. „Dafür haben wir die Bezeichnung ‚Lo-Fab‘-Bauausführung geprägt: lokale Fertigung. Sie beinhaltet das Bauen mit regional verfügbaren Werkstoffen, die Zusammenarbeit mit einheimischen Arbeitskräften und eine Planung, die regionales Handwerk und Kunsthandwerk einbezieht. Auf diese Weise wird der Bauprozess zu einer Investitionsmöglichkeit in die Gemeinschaft, für die und mit der man baut.“

Die MASS Design Group bietet projektspezifisch unterschiedliche Unterstützungsleistungen an, aber während des Prozesses lautet das Ziel der Organisation stets, „mit der Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, für die unsere Gebäude entstehen, und jedes Projekt als Chance zu verstehen, um in die Zukunft dieser Gemeinschaft zu investieren“, so Benimana.

Aber was genau bedeutet das in der Praxis? „Bei der ökologischen Gestaltung von Gebäuden mit komplexen elektrischen Systemen oder HLK-Anlagen berücksichtigen wir den Ressourcenverbrauch dieser Systeme innerhalb der gesamten Lebensdauer des jeweiligen Bauwerks“, erklärt Benimana. „Wenn wir aber Gebäude in gemäßigten Klimaregionen planen und sie für natürliche Beleuchtung und Belüftung optimieren, gelingt der Betrieb der Gebäude von ganz allein umweltschonend.“

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Maurer auf einer Baustelle der AVN . Mit freundlicher Genehmigung von Christian Lamontagne/Cosmos.

Christian Benimana und die MASS Design Group streben nach Konzepten mit Werkstoffen und Bauverfahren, die die nachteiligen Auswirkungen gegenwärtiger Bauweisen auf Umwelt und Lebensqualität mindern. Für Benimana ist diese wirkungsbasierte Gestaltung ein „Paradigmenwechsel hin zu einer lokalen Bauweise, die für die Entwicklung der nachhaltigeren Städte von morgen entscheidend sein wird“.

Natürlich werden diese Städte und Siedlungen von der nächsten Architektengeneration gebaut werden. Glücklicherweise liegt das ADC im Plan und wird diesen Herbst sein erstes Ausbildungszentrum für Architektur eröffnen. Das Team der MASS Design Group hat den Lehrplan des ADC für 2017 erarbeitet, der auch praktische Anwendungen beinhaltet. Konkret geht es dabei um die Gestaltung und den Bau eines Projekts in Ruanda, das der wirkungsbasierten Methode folgt und laut Benimana „tiefgreifendes gesellschaftliches Engagement bis hin zur „Post Occupancy Evaluation“ umfasst.

Während die MASS Design Group und das ADC zielstrebig moderne Architekturansätze und Bauweisen verfolgen, orientiert sich die Association la Voûte Nubienne an altägyptischen Baumeistern und bildet ortsansässige Handwerker im Bau von Wohngebäuden mit nachhaltigen Produkten und Verfahren aus. Ihr Konzept der Voûte Nubienne (des Nubischen Gewölbebaus) folgt einem 3.000 Jahre alten Ansatz, wobei kein Holz, sondern ausschließlich aus Erde hergestellte Ziegel und Mörtel verwendet werden. Die Erfolgsquote der AVN ist beeindruckend.

„Bislang wurden mehr als 2.000 Gebäude (ein Bauprojekt kann mehrere Gewölbebauten umfassen) mit einer Gesamtfläche von ca. 205 km2 in 800 Städten bzw. fünf Ländern gebaut: Burkina Faso, Mali, Senegal, Benin und Ghana“, berichtet Amarys Preuss, die Entwicklungsbeauftragte der AVN.

Die Organisation hat bereits Hunderte Maurer und Maurerlehrlinge ausgebildet, die wiederum Tausende Gewölbebauten für Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Verwaltungsbüros und Landwirtschaftszentren errichtet haben. Insgesamt profitieren 24.000 Menschen in der westafrikanischen Sahelzone von den Gebäuden der AVN, die bislang 2,4 Millionen Euro für die lokale Wirtschaft generiert hat. Eine bemerkenswerte Leistung auf einem Kontinent, wo Wohngebäude normalerweise aus Holz bestehen (das knapp ist) und deren Dächer mit Blech gedeckt werden (das teuer ist, rasch verfällt und leider nicht nachwächst). Die Nubische Gewölbebauweise ist zeitlos, und durch den Einsatz regionaler Werkstoffe sowie die Einbindung der örtlichen Bevölkerung „bietet der NG eine echte Lösung für den Wohnungsbau am „Fuß der Pyramide“, erklärt Preuss – Base of the Pyramid (BoP) ist ein wirtschaftswissenschaftlicher Fachterminus zur Bezeichnung der ärmsten Bevölkerungsschicht der Erde.

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Ziegel für einen Nubischen Gewölbebau. Mit freundlicher Genehmigung von Régis Binard.

„Hier handelt es sich um altägyptische – und damit afrikanische – Gebäude“, so Preuss. „Nubien ist eine Region am Nil, die Teile des heutigen Ägyptens und des Sudans verbindet. In dieser Region wurde die Bauweise entwickelt und nach ihr benannt. Der aktuell symbolträchtigste Nubische Gewölbebau befindet sich in Luxor – er ist über 3.000 Jahre alt. Die Konstruktion des NG ist sehr einfach und leicht von Maurer zu Maurer zu vermitteln.“

Die Vermittlung dieser Kenntnisse bildet das Fundament für die zukünftigen Maurer, die eine entscheidende Herausforderung – den Wohnungsbau – des Bevölkerungswachstums in Afrika stemmen werden.

„Unser langfristiges Ziel für die Einwohner der Sahelzone ist es, Nubische Gewölbebauten neben allen anderen konstruktiven Lösungen am Markt verfügbar zu machen, damit mehr Menschen in der Region Zugang zu nachhaltigem Wohnraum erhalten“, erläutert Preuss. „Wenn wir z. B. das Marktwachstum bis 2030 um 10 Prozent steigern könnten, wären wir dann bei 200.000 fertigen Gebäuden, 60.000 ausgebildeten Maurern und drei Millionen Nutznießern dieser Gebäude. Damit hätte sich der NG wirklich im Bausegment etabliert und wäre für beinahe die gesamte Bevölkerung verfügbar.“

Während internationale Regierungsstellen und Thinktanks Berichte über die baldige Bevölkerungsexplosion in Afrika erstellen und Tagungen zum Thema abhalten, bewirken die MASS Design Group und die Association la Voûte Nubienne bereits heute etwas für die Menschen vor Ort – und morgen für den gesamten afrikanischen Kontinent.

Die MASS Design Group und die Association la Voûte Nubienne sind Stipendiaten der Autodesk Foundation. Beide Organisationen wurden aufgrund ihres innovativen Einsatzes von Konzeption und Konstruktion für die Lösung der dringendsten Probleme unserer Welt ausgewählt.

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