Infektionsverhütung: Mit Design-Thinking gegen das Zika-Virus

Von Matt Alderton
- 2. Aug 2016 - 6 min-LEKTÜRE
Bildgestaltung: Brandon Au

Sommer – das bedeutet Freibad und Sonnenbrände, Eis am Stiel und Rasensprenger, Grillparties im Garten und Picknicks im Park. Leider bringt der Sommer aber auch Mückenschwärme.

Mücken sind lästig: Ihre Stiche jucken, ihr aufdringliches Summen nervt. Die kleinen Blutsauger sind jedoch keine harmlosen Quälgeister, sondern sie können lebensgefährliche Krankheiten wie Cholera, Malaria, West-Nil-Virus, Enzephalitis und Gelbfieber übertragen (jüngst sorgte ein Ausbruch des letzteren in Angola für Schlagzeilen).

Im medialen Rampenlicht steht derzeit vor allem das Zika-Virus, das von Afrika und Asien aus zunehmend auf Lateinamerika übergreift, seit im Mai 2015 der erste Fall einer Zika-Infektion in Brasilien gemeldet wurde.

„Das größte Risiko besteht für schwangere Frauen“, so der Experte für Infektionskrankheiten, Sprecher der Infectious Disease Society of America und medizinische Leiter des South Nassau Communities Hospital im US-Bundesstaat New York, Dr. Aaron Glatt. „Allem Anschein nach kann das Virus von Müttern auf ihre ungeborenen Kinder übertragen werden, was zu sehr schweren Komplikationen für den Fötus führen kann.“

Bislang gibt es weder einen Impfstoff noch ein Arzneimittel zur Behandlung der Zika-Infektion. Zur Verhinderung einer Ansteckung sollten Mückenstiche daher möglichst vermieden werden. Hier stellt sich die Frage: Welche Rolle kann Design in der Gesundheitsfürsorge im Allgemeinen und bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten im Besonderen spielen?

„Zika lässt sich nicht ausschließlich mit mechanischen Lösungen bekämpfen; es muss auch eine medizinische Behandlung hinzukommen“, betont Glatt. „Freilich kann aber durch das Vermeiden von Mückenstichen eine Übertragung des Virus verhindert werden. Hier könnten technische Barrieren, die einen besseren Schutz versprechen, einen wichtigen Beitrag leisten.“

infectious disease prevention Invisaband

Courtesy Invisaband

Die hier vorgestellten Pioniere haben die Innovation auf diesem Gebiet vorangetrieben. Ihre Arbeit vermittelt eine Vorstellung von dem enormen Potenzial designtechnischer Ansätze zur Unterstützung der Gesundheitsbehörden bei der Bekämpfung von Infektionskrankheiten und anderen Gesundheitsrisiken.

Invisaband: Schnell reagiert ist halb gewonnen

Der Kanadier Matt Kostanecki ist Miteigentümer von GoGadgety Inc., einer Firma, die Elektrogeräte für Unternehmen wie Groupon beschafft. 2014 begann er Recherchen nach einem besseren Insektenschutzmittel anzustellen.

Die Anregung sei von Bekannten gekommen, die ein Ferienhaus am See hätten, erinnert sich Kostanecki. „Sie machen gerne Abendspaziergänge, aber sie mussten immer wieder frühzeitig umdrehen, weil die Mücken sie bei lebendigem Leib auffraßen.“ Er habe nach einer naturreinen Alternative zum chemischen Diethyltoluamid (DEET) gesucht, das zwar als wirksamstes Insektenabwehrmittel auf dem Markt gilt, jedoch Reizungen und Allergien auslösen kann. „Wir haben ein paar Monate lang recherchiert und dabei herausgefunden, dass die meisten natürlichen Produkte, die im Handel erhältlich sind, tatsächlich keinen wirksamen Schutz bieten.“

Kostanecki entwickelte daraufhin das Invisaband, ein Armband aus Mikrofasern, das sukzessive Geraniol freisetzt. Der Duftstoff, der in vielen ätherischen Ölen vorkommt, hält Mücken und andere Insekten durch seinen intensiven Geruch fern. „Geraniol wird auch in anderen Produkten zur Insektenabwehr verwendet, aber deren Hersteller verwenden Armbänder aus Silikon oder Kunststoff. Beide Stoffe sind nicht optimal zur Freisetzung geeignet“, so Kostanecki. „Wir entschieden uns stattdessen für die Verwendung eines Materials aus Mikrofasern, das den Duftstoff beim Tragen zeitverzögert freisetzt.“ Das Invisaband kam im August 2014 auf den Markt; die Finanzierung lief über eine Indiegogo-Kampagne, bei der 12.000 US-Dollar zusammenkamen.

Nach gültiger Rechtslage darf das Invisaband nicht als Gesundheitsprodukt beworben werden. Dennoch seien die Bestellungen in der Folge der Medienberichte über das Zika-Virus schlagartig in die Höhe geschossen, wie Kostanecki sagt. Einen Grund dafür sieht er darin, dass die medizinische Forschung zur Entwicklung neuer Produkte Jahre brauche, während ein Produkt wie Invisaband, das von einem designtechnischen Ansatz getragen werde, sehr viel schneller auf praktische Bedürfnisse reagieren könne. „Produktdesigner lösen Probleme“, betont er. „Wir können sehr viel flexibler reagieren.“

infectious disease prevention ExOfficio BugsAway
„BugsAway“-Kollektion. Mit freundlicher Genehmigung von ExOfficio.

ExOfficio: Alles dreht sich um das „Warum“

Beim Textilhersteller ExOfficio in Seattle teilt man Kostaneckis Design-Philosophie, wie Geschäftsführer Brian Thompson bekräftigt. „Viele Marken machen sich Gedanken über das ‚Was‘: ‚Was stellen wir her? Hemden – oder vielleicht Autos oder Kaffeemaschinen.‘ Dabei ist das ‚Was‘ für die Kaufentscheidung längst nicht so ausschlaggebend wie das ‚Warum‘ – die Motivation hinter dem Produkt“, ist er überzeugt. „Wir glauben an eine ‚Warum‘-Mentalität.“

Das „Warum“, um das es ExOfficio geht, ist die „Magie des Reisens“. Das Unternehmen versteht sich nicht als Modeschöpfer im herkömmlichen Sinn – vielmehr will es Kleidungsstücke schaffen, die ihren Trägern und Trägerinnen die Erkundung ihrer Umwelt erleichtern. „Wir finden es toll, wenn Menschen durch die Welt reisen. Sie werden dabei offener für neue Erfahrungen und lernen eine Menge über sich selbst und ihre Mitmenschen“, schwärmt Thompson. „Wir unterstützen sie dabei, indem wir Kleidungs- und Ausrüstungsstücke entwerfen, die ausdrücklich für Menschen gedacht sind, die sich auf Entdeckungsreisen befinden … Wir lösen die praktischen Probleme, die unterwegs auftreten, sodass die Menschen sich ganz auf ihre Abenteuer konzentrieren können.“

Die in Zusammenarbeit mit Insect Shield entwickelte „BugsAway“-Kollektion ist ein Paradebeispiel dafür. Die Kleidungsstücke werden mit einem geruchlosen Insektenschutzmittel namens Permethrin behandelt, das Schutz vor potentiellen Krankheitsträgern wie Fliegen, Zecken und Stechmücken bietet.

„Das ist eine echte designtechnische Herausforderung“, betont Thompson. „Denn wenn man die verwendeten Stoffe mit irgendeinem Mittel behandeln will, müssen alle möglichen unterschiedlichen Faktoren berücksichtigt werden – ob dadurch beispielsweise der Tragekomfort beeinträchtigt wird. Schließlich sollen die Kunden das Produkt nicht nur kaufen, sondern auch tragen.“

Water for People: Kontext und Kooperation

Zika und Malaria werden von Mücken übertragen, die ihre Eier in und um stehende Gewässer legen. Daneben gibt es zahlreiche durch Wasser übertragene Krankheiten wie Hepatitis und Cholera, die jährlich weltweit 1,5 Millionen Todesfälle verursachen.

infectious disease prevention Water For People
Mit freundlicher Genehmigung von Water For People

Für die gemeinnützige Organisation Water For People mit Sitz in Denver ist dies nur einer von vielen Gründen, die Bereitstellung von qualitativ hochwertigem Trinkwasser und Sanitäranlagen

für gefährdete Ortschaften weltweit ins Zentrum ihrer Bemühungen zu rücken.

Erreicht werde dies durch die Anpassung von Designprinzipien an die jeweiligen Gegebenheiten vor Ort, erklärt Kelly Latham, die dafür als Director of Program Quality zuständig ist. „Wir betreuen die Entwicklung von Wassersystemen, die auf die speziellen Bedürfnisse, Ressourcen und Kapazitäten der jeweiligen Bevölkerung vor Ort abgestimmt sind. Das fängt beim Design an“, sagt sie. „Entsprechend kommen sehr unterschiedliche Gestaltungsansätze zur Anwendung: von einfachen Handpumpen in Malawi bis hin zu großflächigen Trinkwasserprojekten mit Hausanschlüssen in Lateinamerika.“

Ohne gutes Design wären derartige Projekte unmöglich. „Wasser ist ein gesundheitspolitisches Problem, bei dem designtechnische Fragen unmittelbar im Vordergrund stehen“, weiß Latham. „Zum Bau eines Wassersystems muss zunächst ein Entwurf entwickelt werden. Hinzu kommt, dass unser Ansatz einen Rahmen schafft, der verstärkt auf Kooperation ausgerichtet ist und Feedback von den beteiligten Interessengruppen sowie die Einbeziehung der Ortsbevölkerung in verschiedenen Phasen vorsieht. Das ist unabdingbar, wenn es um die Gesundheit der Bevölkerung geht.“

In eben diesem kooperativen Rahmen sieht Latham das einzigartige Potenzial designtechnischer Lösungsansätze für gesundheitspolitische Fragen. „Zu den Kernzielen unserer Strategie zählt, dass wir unsere Präsenz auf ein Mindestmaß reduzieren, damit die Gemeinden, Unternehmen und Behörden vor Ort die Möglichkeit haben, umfassende und langlebige Dienstleistungen für ihre Bürger und Bürgerinnen aufzubauen und bereitzustellen“, betont sie. „Dazu gehört, dass wir Ideen, Erfahrung, finanzielle Mittel und designtechnische Ansätze zur Förderung von Modellen einsetzen, die sowohl von den politischen Verantwortlichen als auch von den jeweiligen Märkten mit Begeisterung angenommen werden.“

infectious disease prevention Water For People
Mit freundlicher Genehmigung von Water For People

Dieser Ansatz entspricht der Philosophie von ExOfficio, Produkte herzustellen, die die Menschen auch nutzen – allerdings will Water For People nicht einzelne Verbraucher, sondern ganze Ortschaften ansprechen. „Mit guter Designtechnik wird es möglich, Wasser- und Sanitärleistungen mithilfe einer Infrastruktur zu verankern, die sowohl kostengünstig, für die Bedingungen am jeweiligen Einsatzort geeignet, nachhaltig als auch attraktiv ist“, führt Latham weiter aus.

Mit Designtechnik lassen sich Krankheiten nicht heilen. Fest steht jedoch, dass sie einen wertvollen Beitrag zu ihrer Verhütung und Bekämpfung leisten kann.

Ähnliche Artikel

Erfolgreich!

Sie sind angemeldet

Für alle, die mehr über die Gestaltung der Zukunft wissen wollen.

Unseren Newsletter abonnieren