Bauunternehmern steht ein goldenes Zeitalter bevor – drei Branchentrends

Von Dominic Thasarathar
- 24. Nov 2015 - 7 min-LEKTÜRE
Micke Tong

Das Baugewerbe ist ein wichtiger globaler Industriesektor. Es macht 10 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, und 12 Prozent aller Arbeitskräfte rund um den Globus sind in diesem Bereich tätig. Mit durchschnittlichen Renditen von 150 Prozent wird hier eine hohe wirtschaftliche Wertschöpfung erzielt. Davon abgesehen garantiert die Bauindustrie die Sozial-, Wirtschafts- und Wohninfrastruktur für die Weltbevölkerung. Ohne sie gäbe es keine Läden, Büros, Straßen, Fabriken, Schulen, Krankenhäuser, Kraftwerke, Ölraffinerien, Tunnel oder Wohnhäuser.

Trotz alledem wird schon viel zu lange die Phrase „hohes Risiko, geringe Marge“ zur Beschreibung dieses wichtigen Wirtschaftssektors verwendet. Er wird häufig mit niedriger Produktivität, preisbasierter Beschaffung, angespannten Lieferketten, unsicheren Auftragsbeständen, begrenztem Investitionskapital und einem Arbeitsmarkt in Verbindung gebracht, der regelmäßig auf Berg- und Talfahrt geht.

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Angesichts von so viel Druck scheint das Unterfangen, das Baugewerbe in eine Branche mit geringem Risiko und hohen Gewinnspannen zu verwandeln, unmöglich. Allermindestens wären gleichzeitige, grundlegende Veränderungen bei den Kundenerwartungen, beim Kundenverhalten, in der Beratungsbranche, in der Regierungspolitik, bei der Beschaffung und bei den Bauunternehmern selbst vonnöten. Das ist eine stattliche Liste.

Doch was wäre, wenn es einen anderen Weg gäbe? Einen solchen verspricht die derzeitige Welle neuer Technologietrends, die zusammen den Sektor radikal verändern könnten. Für Bauunternehmer wird dies in einer neuen Ära der Möglichkeiten mit höheren Gewinnen, mehr Resilienz und der Fähigkeit resultieren, von einem zunehmend globalisierten und anspruchsvollem Markt zu profitieren. Im Folgenden stellen wir die drei wichtigsten Branchentrends vor, durch die diese Veränderungen in Gang gesetzt werden.

1. Veränderungen in der Produktion: Infinite Computing, Algorithmen und neue Formen des Bauens. Die Verfahren, mit denen Projektteams Gebäude und Infrastrukturen planen und gestalten und Verkaufsteams die am besten geeigneten kommerziellen Strategien sowie angemessene Vertragsbedingungen identifizieren, sind derzeit im Wandel begriffen.

Dank Cloud Computing haben Bauunternehmer jetzt bei Bedarf Zugang zu einer enormen Rechenleistung, die ihnen die Parallelverarbeitung (gemeinhin bekannt als „Infinite Computing“) ermöglicht. Das Ergebnis? Auch hochkomplexe Analysen – ob gestaltungstechnischer oder betriebswirtschaftlicher Art – werden zur Routine und können schließlich nahezu in Echtzeit durchgeführt werden. Damit sind Sie in der Lage, im Handumdrehen auf schwierige Herausforderungen zu reagieren, die Ihnen die Kunden stellen – ohne mehr Zeit oder Arbeitskräfte zu benötigen. Cloud Computing wird nicht nur die Angebotskosten senken, sondern auch zur Analyse großer Mengen von Marktdaten genutzt werden, um frühe Anzeichen für eine Belastung Ihrer Lieferkette zu erkennen. Darüber hinaus wird es zum Einsatz kommen, um vor Auftragsannahme sämtliche potenziellen wirtschaftlichen Risiken für Ihr Unternehmen zu prüfen.

Gehen Sie noch einen Schritt weiter: Erstellen Sie aus den Regeln für ein Projekt einen Algorithmus, und lassen Sie das System diese Rechenkraft nutzen, um die unendliche Vielfalt gestalterischer und kommerzieller Möglichkeiten automatisch zu erkunden und die jeweils beste Lösung zu finden. Das ist, was wir unter generativer Gestaltung verstehen. Können Sie sich vorstellen, diese Möglichkeit zu Ihrem Vorteil zu nutzen, wenn Sie – sagen wir – innerhalb von sechs Wochen auf einen anspruchsvollen einphasigen Design-Build-Auftrag (gleichzeitige Planung und Ausführung) reagieren sollen? Geben Sie die Spezifikationen des Kunden sowie Ihre angestrebte Gewinnspanne, Eventualpositionen und Lieferkettenpartner ein, und schauen Sie zu, wie das System die machbaren Optionen ausspuckt. Könnten Sie sich von der Unsicherheit in Bezug auf den Auftragsbestand und den mit Ausschreibungsverfahren verbundenen indirekten Kosten verabschieden?

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Die Mittel der physischen Produktion verändern sich ebenso, da der einfachere Zugang zu komplexen und externen Produktionsmethoden die Kosten senkt sowie die Qualität und den Wert steigert. Vorfertigung wird immer einfacher. Additive Fertigung (3D-Druck) verspricht die radikale Verkürzung der Distanz zwischen Gestaltung und realem Gegenstück. Darüber hinaus demokratisiert die Entstehung von Mikrofabriken den Zugang zu Produktionsressourcen. Dies beschert Bauunternehmern effizientere, kürzere Lieferketten, die sich durch größere Auswahl, bessere Qualität und vor allem niedrigere Gemeinkosten auszeichnen.

2. Veränderungen der Nachfrage an Bauleistungen: Großstädte, Big Data und soziale Medien. Die Nachfrage an Bauleistungen sowie deren Wesen wird von Fortschritten im Bereich der digitalen Technologie geprägt sein (und in einigen Fällen vorangetrieben werden).

Zunächst die Makroebene: Ein Großteil der zukünftigen Nachfrage nach Bauleistungen wird von zunehmend komplexen Städten sowie der Energie- und Ressourceninfrastruktur für deren Versorgung ausgehen. In nur zehn Jahren werden fast zwei Drittel der gesamten weltweiten Nachfrage auf die heutigen Schwellenländer entfallen. Wo und wie sollten Sie jedoch in einer Branche ansetzen, in der derart hohe Summen auf dem Spiel stehen?

Die Antwort wird immer häufiger in Daten bzw. Big Data liegen. Entwicklungen in den Bereichen Demografie, Wirtschaftswachstum, Energienachfrage, verfügbares Einkommen etc. werden mittels Cloud Computing analysiert werden, um Unternehmen bei der Beantwortung dieser Frage zu helfen. Dies treibt die Entwicklung neuer Werkzeuge voran, die in der Lage sind, Gebäude- und Infrastrukturinformationen auf der Makroebene im Kontext zu modellieren.

Werfen wir als Nächstes einen Blick auf die Mikroebene, d.h. die einzelnen Mitglieder der Gesellschaft. Deren Präferenzen verändern sich, was sich auf Ihre Arbeit auswirkt, unabhängig davon, ob sie Endverbraucher eines von Ihnen kreierten Produkts sein werden oder nicht. Die Verbreitung sozialer Medien ermöglicht jedem, über die Gestaltung unserer gebauten Umwelt mitzubestimmen. Egal, ob es um die Auswirkungen einer neuen Schnellstraße in einem dicht besiedelten Stadtviertel oder eine Hochspannungsleitung in einer Gegend von außergewöhnlicher landschaftlicher Schönheit geht: Technologie bringt das Projekt in jedes Wohnzimmer – und das ist eine Chance für Sie.

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„I Make Rotterdam“ in den Niederlanden ist ein ausgezeichnetes Beispiel für ein mittels Crowdfunding finanziertes Projeckt. Mit freundlicher Genehmigung von Zones Urbaines Sensibles.

Es wertet Ihre „gesellschaftliche Betriebslizenz“ auf, wenn Sie über dieses Medium mit den Menschen vor Ort in Kontakt treten, angefangen von der Aushandlung des besten Zeitpunkts für Baustellenbelieferungen über das Angebot von Lehrstellen bis hin zur Veröffentlichung von Umweltverträglichkeitsstudien. Darüber hinaus werden Sie besser in der Lage sein, Ihren Kunden bei der zügigen Umsetzung ihrer Projekte zur Seite zu stehen. Durch die Nutzung von sozialen Medien zur Beschleunigung des Beratungsprozesses oder womöglich sogar von Crowdfunding können die komplizierteren Probleme aus dem Weg geräumt werden, die sich durch den Einsatz interner Ressourcen alleine nicht lösen lassen.

Berücksichtigen Sie außerdem Crowdfunding-Trends, und Sie stehen am Beginn einer neuen Ära des Lokalismus, in der Bauunternehmer und die Bevölkerung vor Ort in jeglicher Hinsicht – darunter auf der Ebene der Finanzen, der Gestaltung, der Bauausführung und vor allem der Resultate – viel stärker miteinander verbunden sein werden.

3. Veränderung der Produkte: vom Smartphone von heute zur intelligenten Stadt von morgen. Physische Objekte sind jetzt mit anderen Systemen sowie untereinander eng verknüpft, was den Weg für neue Methoden zur Steigerung des Werts von Gebäuden und der Infrastruktur ebnet. Vom intelligenten Zuhause zur smarten Autobahn: Die bessere Abstimmung von Angebot und Nachfrage in vielerlei Hinsicht wie z. B. Vermietungsstand, Energieeffizienz, Wasserverbrauch, Personenverkehr, Raffineriedurchsatz etc. ermöglicht fundiertere Entscheidungen darüber, was und wie viel gebaut werden soll.

Über das einzelne Objekt hinaus bieten sich hier Chancen in Bezug auf den Aufbau neuartiger Beziehungen mit Ihren Kunden, die auf Ergebnissen statt auf dem Preis oder gar dem Wert basieren. Führen Sie sich vor Augen, wie Ihnen dies helfen könnte, sich im Wettbewerb zu behaupten, sagen wir im Versorgungswesen, wo Kunden eine Umstellung auf Tarife basierend auf den Gesamtausgaben und eine ergebnisorientierte Regulierung bevorstehen.

construction_industry_trends_connections_devicesSchätzungen von Cisco zufolge werden bis 2020 insgesamt 50 Milliarden Geräte mit dem Internet verbunden sein und jährlich weitere 10 Milliarden hinzukommen. Zahlreiche dieser Geräte werden Smartphones, intelligente Fernseher und ähnliche Unterhaltungselektronikgeräte sein, doch bei einem weitaus größeren Anteil wird es sich um Maschinen und Sensoren handeln.

Die Gesamtmenge aller von diesen Geräten generierten Daten könnte Bauunternehmer in die Lage versetzen, die zukünftige Entwicklung der Nachfrage genauer vorherzusagen. Stellen Sie sich vor, wie dies dabei helfen wird, die Unsicherheit mit Blick auf den Auftragsbestand zu reduzieren, indem der Bedarf an Bauleistungen ganzheitlich ermittelt wird, sodass Sie bedenkenlos in fähige Köpfe und Ressourcen investieren können!

Von „hohes Risiko, geringe Marge“ zu „geringes Risiko, hohe Marge“. Unter dem Strich werden diese drei Trends und Umwälzungen dazu führen, dass sich das Auftragswesen im Bausektor grundlegend verändern wird.

Die Projektabwicklung wird nicht mehr wie heute dem praktischsten, sondern dem optimalen Ansatz folgen. Die Produktivität wird Fertigungsniveau erreichen, und die Gewinnspannen werden steigen. Die Gemeinkosten werden sinken, bei zunehmender Kompetenztiefe und -vielfalt. Die Sicherheit in Bezug auf den Auftragsbestand wird zunehmen, und es wird einfacher werden, größere traditionelle Risiken einzugehen.

Alle Unternehmen werden von diesen Entwicklungen profitieren können, unabhängig von Art, Größe oder Standort, und die Zugangsbarrieren werden niedrig sein. Das Rennen hat begonnen.

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