Barovier&Toso holt die traditionelle Kunst der Glasbläserei in das Zeitalter der digitalen Gestaltung

Von Drew Turney
- 13. Feb 2018 - 5 min-LEKTÜRE
Barovier&Toso Taif chandelier
The Taif chandelier, designed by Angelo Barovier in 1980, is a Barovier&Toso icon. Courtesy Barovier&Toso.

Was ist das älteste Technologieunternehmen, das Ihnen einfällt? Google feiert nächsten April sein 20. Jubiläum. Und wären Apple oder Adobe Menschen, wären auch sie alt genug, um Kinder im Teenager-Alter zu haben. IBM wurde ursprünglich 1911 unter dem Namen Computing-Tabulating-Recording Company gegründet.

Doch wie viele Unternehmen – ganz zu schweigen von Technologieunternehmen – fallen Ihnen ein, die im Jahr 1295 gegründet wurden? Nein, das ist kein Tippfehler. Das im italienischen Venedig ins Leben gerufene Unternehmen Barovier&Toso fertigt seine kunstvollen Glasbläsereien bereits, seit Marco Polo von seiner China-Reise zurückkehrte. Aber wieso ist hier die Rede von einem Technologieunternehmen? Ganz einfach: Barovier&Toso hat sich seit seiner Gründung stets um die Innovation seiner gestalterischen Arbeitsmethoden bemüht und setzt seit Neuestem auf digitales 3D-Design.

Fragt sich bloß, warum ein Unternehmen, das offensichtlich weiß, was es tut (und das schon seit mehr als 700 Jahren), überhaupt glaubt, etwas ändern zu müssen. Laut Sara Pedrali, Head of Design bei Barovier&Toso, reicht es nicht aus, sich auf Dauer auf ein und dieselbe altbewährte Methode zu verlassen. „Dass wir all die Jahre schon die Nase vorn haben, liegt gerade daran, dass wir immer wieder Neues ausprobiert haben und mit der Zeit gegangen sind“, erklärt sie. „Wir vertrauen auf neue Technologien, um die Tradition zu bewahren.“

Früher zeichneten Glasdesigner mithilfe eines Fettstifts Entwürfe für Lampen, Kronleuchter oder Dekorationsstücke auf Glanzpapier, um sie potenziellen Kunden zeigen zu können. Die dabei entstehenden zweidimensionalen Zeichnungen erforderten einiges an Vorstellungskraft, was Farben, Materialien und Ähnliches anging.

Das soll nicht heißen, die alte Arbeitsweise sei keine Kunstform. Barovier&Toso pflegt ein Archiv mit zahlreichen über die Jahre entstandenen Entwürfen – darunter auch solche, die vom künstlerischen Leiter und späteren Inhaber Ercole Barovier (1889–1974) auf dem Höhepunkt seiner Karriere in den 30er Jahren mit Bleistift und Papier gezeichnet wurden. Das Archiv des Unternehmens umfasst mehr als 25.000 solcher handgezeichneter Entwürfe.

Doch die Zeiten ändern sich: Heute können Glaswarenentwürfe anhand digitaler Modelle noch vor der Umsetzung überaus detailliert gestaltet und beliebig oft verändert und perfektioniert werden – genauso wie Gebäudeskizzen, Logos und so gut wie alles andere. Pedrali und ihre Kollegen und Mitarbeiter nutzen für die Gestaltung, Visualisierung, Simulation und Herstellung ihrer Kreationen Autodesk Fusion 360, um mithilfe von zentralisierten Entwurfsdaten die Arbeitsabläufe des Unternehmens zu optimieren.

„Unsere Stärke liegt in unserer Fähigkeit, die Größe und Farbe fast all unserer Produkte nach Belieben anzupassen“, so Pedrali. „Jedes unserer Produkte ist ein Unikat, das speziell für einen bestimmten Kunden hergestellt wird.“ Einer der größten Vorteile der 3D-Gestaltung besteht in der Tatsache, dass das Unternehmen seine Produkte schneller als jemals zuvor entwerfen, optimieren und schließlich präsentieren kann. Und nicht nur das: Die Entwürfe können bei Bedarf außerdem Informationen über die verfügbaren Herstellungsmöglichkeiten sowie ein Rendering des Endprodukts in der dafür vorgesehenen Umgebung enthalten, um es noch besser an diese anpassen zu können.

Die Kundschaft von Barovier&Toso ist vielfältig und umfasst sowohl große Unternehmen wie The Four Seasons, Louis Vuitton und Cartier als auch Innenarchitekten, die Privatpersonen oder Wohnungskäufer mit den Glaskreationen des Unternehmens beliefern. Obwohl Pedrali zufolge beide Schichten gleichermaßen vertreten sind, wird unabhängig vom jeweiligen Kunden immer wieder eine bestimmte Anforderung genannt: Luxus. „Unsere Kunden wollen aber nicht nur ein luxuriöses Produkt. Es muss auch exklusiv sein und einen ,zeitlosen‘ Look haben“, ergänzt sie.

Barovier&Toso furnace room
The furnace room at Barovier&Toso headquarters. Courtesy Barovier&Toso.

Genau dieser zeitlose Look ist offenbar tief in der DNA des Unternehmens verwurzelt. Unten im Ofenraum, wo die Entwürfe nach der Gestaltung, Analyse, Simulation und Visualisierung schließlich umgesetzt werden, arbeiten die Glasbläser laut Pedrali immer noch wie früher: Durch Blasen, Drehen und Schneiden wird dem Glas die gewünschte Form gegeben, bevor es im Hochofen gehärtet wird. Bedenkt man, wie vertraut die Mitarbeiter mit Methoden sind, die zwei Jahrhunderte vor Leonardo Da Vincis Zeit in Venedig entwickelt wurden, könnte man leicht glauben, dass einige von ihnen lediglich Hohn und Spott für moderne Tools und Techniken übrig hätten.

„Manche gewöhnen sich schneller dran als andere“, beantwortet Pedrali die Frage, ob es im Laufe der Jahre Ablehnung in Bezug auf Computer oder – in jüngster Zeit – gegenüber CAD gegeben habe. „Die meisten von uns haben die Veränderungen jedoch mit offenen Armen angenommen.“

Die neuen Technologien haben die konzeptuelle Phase der Glasgestaltung gewissermaßen auf den Kopf gestellt. Mithilfe von Fusion 360 kann Barovier&Toso ein Konzept digital erstellen und es genauestens an die Vorstellungen des Kunden anpassen. Wenn es an der Zeit ist, diesem das fertige Konzept zu präsentieren, kann das Team von Barovier&Toso ein 3D-Rendering in Autodesk VRED erstellen, um das geplante Produkt in seiner vorgesehenen Umgebung zu zeigen, sei es in einem Schlafzimmer, einem Showroom oder einer Hotellobby.

Barovier&Toso hand drawing
Barovier&Toso artisans still work from 2D drawings. Courtesy Barovier&Toso.

Doch obwohl Kunden die aussagekräftigen 3D-Renderings zu schätzen wissen, sind die Glasbläser von Barovier&Toso bei der Umsetzung von Entwürfen nach wie vor auf 2D-Skizzen angewiesen. Und diese lassen sich problemlos mit Fusion 360 generieren. Somit bilden anstehende Kundenpräsentationen die Grundlage für das Erstellen von Designmaterialien – nicht umgekehrt.

Natürlich nützen selbst die besten digitalen Tricks und Systeme nichts, wenn sie nicht dort zu Verbesserungen führen, wo es wirklich zählt. Doch seit der Einführung von Fusion 360 und weiteren Autodesk-Produkten seien die Verkaufszahlen gestiegen, berichtet Pedrali.

Pedrali und ihr Team von Designern und externen Mitarbeitern freuen sich außerdem über die Anwenderfreundlichkeit der Software und über die Zeiteinsparungen, die diese mit sich gebracht hat. Aber kann die Digitalisierung der Glasbläserkunst gewährleisten, dass Barovier&Toso auch die nächsten 700 Jahre im Geschäft bleibt? Für Pedrali liegt der Beweis hierfür ganz in der Reaktion ihrer Kunden. „Das Vorliegen eines konkreten Bildes der jeweiligen Idee hilft dem Kunden, das Endresultat besser zu verstehen“, erklärt sie. „Man muss es sich nicht mehr vorstellen – man kann es sehen!“

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