4 Fragen, die Architekten im Vorfeld jedes grünen Bauvorhabens mit dem Bauherrn klären sollten

Von Anne Bouleanu
- 19. Jun 2014 - 4 min-LEKTÜRE

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor: trostlose Landstriche, wie sie der Titelheld in dem Pixar-Film „WALL-E – Der Letzte räumt die Erde auf“ bewirtschaftet, oder die üppige Vegetation des Mondes Pandora in „Avatar“? Eigentlich bemerkenswert, wie wenige Kinofilme in einer grünen Zukunft spielen! Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Umwelt- und Naturschutz und die Wahrung des ökologischen Gleichgewichts unseres Planeten wichtige Anliegen sind, oder wird die Erde zu einer riesige Mülldeponie degradiert? Okay, diese Beispiele sind wohl übertrieben dramatisch und unrealistisch. Fest steht jedoch, dass „grüne“ Gebäude und Bauprojekte in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend ins Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit gerückt sind – ein eindeutiges Zeichen für die Bedeutung, die viele Menschen umweltfreundlichen Initiativen zumessen. Der „grüne“ Architekt spielt bei dieser Revolution eine zentrale Rolle. Bauherren haben oftmals zwar durchaus Interesse an einer umweltfreundlicheren Gestaltung ihrer Gewerbe- oder Wohnimmobilien, aber nur ein unzureichend ausgeprägtes Bewusstsein für die damit verbundenen Herausforderungen.

Um skeptische Hausbesitzer zu überzeugen, ist vor allem eine klare und offene Kommunikation entscheidend. Folgende vier Punkte sollte ein umweltbewusster Architekt unbedingt im Vorfeld mit dem Bauherrn klären.

1. Standort.Unterschiedliche Länder und Regionen haben ihre je eigenen Baukulturen und -traditionen. Wie schnell sich grüne Initiativen in einer bestimmten Stadt oder einem Landkreis durchsetzen lassen, hängt unter anderem von den (partei-)politischen Machtverhältnissen vor Ort ab. Dies wiederum hat einen Einfluss darauf, welche Geräte und Werkstoffe dem Architekten jeweils zur Verfügung stehen. Die Lieferkette ist ein entscheidender Faktor bei vielen Bauvorhaben, das gilt für Öko-Projekte genauso wie für Gebäude, die nicht auf Nachhaltigkeit ausgelegt sind. Die LEED-Zertifizierung (Leadership in Energy and Environmental Design) ist eine international gültige Norm zur Messung der Faktoren Energieverbrauch, Kohlenstoffemissionen und Umweltbelastung von Gebäuden. In Deutschland wird diese Zertifizierung seit 2009 verwendet. Auf einer 2015 vom U.S. Green Building Council (USGBC) veröffentlichen Rangliste belegte Deutschland als europäischer Spitzenreiter den sechsten Platz unter allen Ländern außerhalb der USA, in denen nach LEED zertifiziert wird. An „grünen“ Standorten werden umweltfreundliche Bauvorhaben durch eine entsprechende Infrastruktur und die Integration ökologisch unbedenklicher Ressourcen in die Lieferketten gefördert. Daher lohnt es sich, diese Informationen vor der Entscheidung über einen geeigneten Standort klar an den Auftraggeber zu kommunizieren.

green building2. Klima. Neben den politischen Voraussetzungen sind bei grünen Bauprojekten auch die klimatischen Bedingungen zu berücksichtigen. In einem Interview mit der einschlägigen Online-Plattform Inhabitat berichten Bernat Ferragut und Kate Alvo über die Schwierigkeiten, die der Bau eines Öko-Hauses in einem Umfeld mit ungünstigen Witterungsbedingungen mit sich bringt – in diesem Fall in der kanadischen Provinz Quebec, wo eiskalte Winter- und sengend heiße Sommertemperaturen im Verbund mit starken Niederschlägen die Planer  ökologisch nachhaltiger Gebäude vor erhebliche Herausforderungen stellen. Eine südliche Ausrichtung erwies sich als die beste Lösung, um Wärme im Winter zu speichern und im Sommer unnötige Erwärmung zu vermeiden. Beim nachhaltigen Bauen kommt es letztlich vor allem auf die richtige Abstimmung von Werkstoffen und Bauplan zur Verringerung des Energieverbrauchs und Optimierung der Ökobilanz an. So entschied man sich für eine Wärmedämmung der Wände mit Strohballen und Zellulose. Ferragut und Alvo arbeiteten mit Fertigwänden, die sich auch ohne zusätzliche Arbeitskräfte einfach einbauen lassen. Inzwischen verkaufen sie diese Wände über ein eigens zu diesem Zweck gegründetes Kleinunternehmen als nachhaltige Alternative für  Bauunternehmer, die bislang herkömmliche Fertigteilen verwendeten. Ein grüner Architekt braucht kein Klimatologe zu sein, um eine klare Vorstellung davon vermitteln zu können, was in der jeweiligen Region machbar ist – und zwar nicht nur gegenüber dem Bauherrn, sondern auch gegenüber Klimatechnikern, Innenarchitekten, Installateuren usw.

3. Lebensdauer. Wie lange soll das grüne Bauwerk Bestand haben? An den Umweltfolgen „grüner“ Architektur scheiden sich die Geister, deswegen sollten Architekten bei der Planung unbedingt bedenken, welche Erwartungen der Bauherr an die Langlebigkeit seines Vorhabens stellt. Soll es in 50, 100 oder gar 500 Jahren noch intakt sein? Nachhaltigkeit und Langlebigkeit stehen in einem komplexen Verhältnis zueinander, wie ein USGBC-Bericht zur Entwicklung eines systematischen Rahmenwerks für Lebensdaueranalysen grüner Baustrategien aufzeigt. So erfordern umweltfreundliche Bauelemente wie Regenwassertanks beispielsweise den Einsatz von Technologien und Geräten, deren Lebensdauer erheblich kürzer ist als die des Gebäudes selber. Der Architekt sollte den Bauherrn daher über potentielle Alternativen informieren, die mit dem jeweiligen ökologischen Ansatz im Einklang stehen. So rückt ein weiterer Bericht auf der Plattform Inhabitat die Bemühungen des Architektenbüros Moger Mehrhof in den Vordergrund, im US-Bundesstaat Pennsylvania ein umweltfreundliches Wohnhaus zu schaffen, das zugleich nachhaltig und langlebig ist. In Zusammenarbeit mit den Hausbesitzern Barney und Nancy Leonard beschafften die Architekten Holz aus den Wäldern der unmittelbaren Umgebung, das mehrere Generationen überdauern kann. Der Energiebedarf des Gebäudes wird durch Solarkollektoren und eine Photovoltaik-Anlage fast vollständig gedeckt, zudem ist es ähnlich wie das Öko-Haus in Quebec als Passivhaus ausgelegt.

4. Staatliche Förderung. Wie bei jedem anderen Bauvorhaben auch muss die Finanzierung eines Öko-Hauses im Voraus detailliert kalkuliert werden. Die Installation von Solarkollektoren und anderen grünen Bauelementen ist eine kostspielige Angelegenheit. Glücklicherweise gibt es mittlerweile in vielen Ländern staatliche Förderprogramme und Steuervergünstigungen, mit denen die Politik entsprechende Anreize setzen und Architekten und Bauherren die Entscheidung für umweltfreundliche Bauvorhaben erleichtern will. Diese Möglichkeiten sollten bei der Kostenplanung unbedingt ausgelotet werden. green building

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